Ukraine
Trotz Regierungswechsel: Die Aktivisten auf dem Maidan sind skeptisch

Die Aktivisten räumen den zentralen Platz auch nach vollzogenem Machtwechsel nicht. Die Abgeordneten im Parlament seien immer noch dieselben, hört man auf der Strasse. Der neue Präsident stösst bei den Aktivisten nicht nur auf Goodwill.

Fabian Hägler, Kiew
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Strassen in Kiew sind ein einziges zugestelltes Chaos
14 Bilder
Die Barrikaden auf den Strassen stehen noch
Der Maidan-Platz in Kiew
Reifen sind überall gestapelt
Trotz Regierungswechsel: Die Aktivisten auf dem Maidan sind skeptisch
Die Leute stellen sich auf Militärfahrzeuge
Erbeutete Sachen von den gefürchteten Berkut-Einheiten
Erbeutete Helme und Waffen
Nelken und andere Blumen werden für die Verstorbenen niedergelegt
Zelte stehen mitten auf der Strasse
Yaroslaw, Musikstudent am Konservatorium, auf einem Klavier im Gedenken an die Maidan-Opfer
Gedenken an die Opfer
Freiwillige kochen für die Aktivisten
Noch ist nichts gewonnen: Rekrutierungszentrum für neue Maidan-Aktivisten in Kiew.

Strassen in Kiew sind ein einziges zugestelltes Chaos

Fabian Hägler

Jaroslaw, ein junger Ingenieur, war letzte Woche selber auf dem Maidan, hat Pflastersteine aus den Trottoirs gehackt und als Wurfgeschosse vorbereitet. Inzwischen ist Präsident Janukowitsch abgesetzt, der oppositionelle Übergangspräsident Turtschinow hat die Aktivisten aufgefordert, den Platz zu räumen – doch diese sind geblieben.

Jaroslaw ist überzeugt, dass dies richtig ist. «In unserem Parlament hat es zwar einige erstaunliche Entscheide gegeben, die Abgeordneten sind aber immer noch die gleichen», gibt er zu bedenken. «Und fast für jeden von ihnen gibt es eine lange Liste von Straftaten, die er begangen hat.»

Auch die Polizeikommandanten seien noch dieselben, ebenso die wichtigen Figuren bei den Truppen des Innenministeriums und des Geheimdienstes. «Deshalb ist es wichtig, dass die Aktivisten bleiben und signalisieren: Wir schauen euch auf die Finger, wenn ihr wieder zu Willkür und Korruption zurückkehrt, gibt es erneut einen Aufstand auf dem Maidan.»

«Wer wollte Turtschinow?»

Was das heisst, zeigt ein Augenschein auf dem zentralen Platz. Auf der Bühne vor dem abgebrannten Gewerkschaftshaus ruft ein Vertreter der Maidan-Selbstverteidigung in die Menge: «Wer von euch ist hier, weil er wollte, dass Turtschinow neuer Präsident wird?»

Der Übergangspräsident sei nicht vom Volk bestimmt, jetzt gehe die Ämterverteilung in der Politik bereits wieder los, kritisiert er. «Wenn die Abgeordneten nicht bis heute Abend um 20 Uhr einen Kandidaten der Opposition aufstellen, marschieren wir zum Parlament ...» – der Rest seiner Worte geht im lauten Jubel der Menge unter.

Dass die Aktivisten weiterhin misstrauisch sind, zeigt sich auch an handfesten Beispielen. Überall liegen Haufen von Pflastersteinen herum, die als Wurfgeschosse dienen, daneben Bananenkisten voller Glasflaschen, die rasch zu Molotowcocktails werden.

Und auch die Barrikaden stehen noch, ein grosser Teil der Prachtstrasse Chreschatik und der Maidan-Platz selber sind nur via kleine Durchgänge erreichbar. Dahinter posieren Demonstranten im Tarnanzug mit erbeuteten Wasserwerfern der Polizei, lassen sich auf Schützenpanzern fotografieren – fast alle immer noch mit Knüppeln, Baseballschlägern oder Stöcken bewaffnet.

Klavierspiel für die Helden

An einigen Orten sind auch durchlöcherte Helme, zerstörte Schilde, leere Patronenhülsen und erbeutete Waffen der gefürchteten Berkut-Einheiten ausgestellt. An oppositionellem Nachwuchs fehlt es im übrigen nicht: In mehreren Gebäuden werden neue Aktivisten für die Maidan-Selbstverteidigung rekrutiert.

Es gibt aber auch die solidarische, friedliche Seite des Maidan, die fast ein wenig an ein Open Air erinnert. In langen Reihen stehen Zelte mitten auf der Strasse, fast immer weht dort die blau-gelbe Flagge und ein Schild zeigt, aus welcher Region der Ukraine die Aktivisten kommen.

Im Gebäude der Kiewer Stadtverwaltung ist jetzt eine Kantine, gespendete Lebensmittel werden dort von Freiwilligen ausgegeben. «Ich weiss nicht, wie viele Portionen wir pro Tag kochen, wir arbeiten in Schichten», sagt eine ältere Frau, die eine Art Polenta verteilt.

Vor dem Gebäude spielt Yaroslaw, Musikstudent am Konservatorium, auf einem Klavier im Gedenken an die Maidan-Opfer. «Das ist mein Beitrag, um die toten Helden zu ehren», sagt er. Daneben türmen sich Nelken und andere Blumen, die für die Verstorbenen niedergelegt werden, fast wie eine Barrikade der Trauer.

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