Schweden
Terror in Stockholms Einkaufsstrasse

Ein Auto explodiert, ein Mann sprengt sich in die Luft – Polizei geht von Einzeltäter aus.

André Anwar, Stockholm
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Drottninggata: Mitten in Stockholm steht ein Auto in Flammen. Associated Press Television News video

Drottninggata: Mitten in Stockholm steht ein Auto in Flammen. Associated Press Television News video

Noch am Sonntagmorgen waren die Blutspuren des Terroranschlags vom Samstag auf der Drottninggata in Stockholm zu sehen. Von Panik war dennoch nichts zu spüren. Mütter nutzten den sonnigen Tag und rollten ihre Kinderwagen wie gewohnt durch den Schnee in die zahlreichen Cafés. Die Nachricht von einem knapp gescheiterten und von der Polizei als «sehr ernst» eingestuften Terroranschlag sickerte nur widerwillig ins Bewusstsein der Spaziergänger.

Am Samstagnachmittag war zunächst ein Auto in der Drottninggata explodiert, mitten in einer belebten Einkaufsstrasse. Wenige Meter vom Ort der Explosion war einst Ministerpräsident Olof Palme ermordet worden. Wenig später sprengte sich der Attentäter 200 Meter entfernt von dem Auto in die Luft. Der Attentäter kam ums Leben, zwei Passanten wurden verletzt.

«Ich war an der Drottninggata 71. Als wir aus dem Haus kamen, hörten wir eine Explosion. Wir sahen nicht viel, nur viel Staub und Rauch. Erst gingen wir alle hin, um zu sehen, was los war,» erzählt Bianca Nordin. «Da lag ein Mensch auf der Strasse unter einer Plane. Dann hiess es, es könne noch mehr passieren und wir rannten weg», sagt sie. Ihre Mutter Camilla Nordin war zu diesem Zeitpunkt im Hotel, das am ersten Anschlagsort lag. «Ich weiss nicht, ob ich mich in Stockholm noch mal sicher fühlen kann», sagt die schockierte Mutter Schwedens Radio SR.

«Ein verwirrter Amateur»

Die schwedische Sicherheitspolizei (Säpo) geht von einem Einzeltäter aus, Folgetaten seien vermutlich nicht zu erwarten. Die Alarmstufe müsse nicht erhöht werden, beruhigte Säpo-Sprecher Anders Thornberg am Sonntag. Bei einer Pressekonferenz zeichnete die Polizei das Bild eines verwirrten Amateurs. «Das ganze ist eine schaurige Angelegenheit, eine sehr schaurige», sagte Oberstaatsanwalt Tomas Lindstrand. Er deutete an, dass der Attentäter kein freiwilliger Selbstmordattentäter gewesen sei: «Er starb vermutlich an einem Sprengmittel, das explodierte, als es vermutlich nicht hätte explodieren sollen», sagte Lindstrand. «Wir werden dennoch die Polizeipräsenz in Stockholm am Sonntag erhöhen», sagte Erik Widstrand von der Stockholmer Polizei. «Es gibt aber absolut keinen Grund, Angst zu haben.»

Die Polizei geht nicht davon aus, dass der 29-Jährige Kontakte zu einem internationalen radikalislamischen Terrornetzwerk hatte. Es gebe auch keine Anhaltspunkte für etwaige Komplizen. Der Täter wohnte im Zentrum der Kleinstadt Tranaas, mehrere hundert Kilometer südwestlich von Stockholm. Dort ermittelte eine Säpo-Sondereinheit am Sonntag. Genaueres zum Täter wollte die Polizei nicht bekannt geben. Vor dem Anschlag hatte sie einen Drohbrief erhalten, in der ein «heiliger Krieg» angekündigt wurde. Der Grund: Schwedens Beteiligung am Krieg in Afghanistan. Ausserdem hatte einst auch ein Schwede, Lars Vilks, eine Mohammed-Karikatur gezeichnet. «Jetzt müssen eure Kinder, Töchter und Schwestern sterben.»

Rechtspopulisten profitieren

Der populäre bürgerliche Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt warnte davor, voreilige Schlüsse aus dem Anschlag zu ziehen. Das neutrale Schweden ist bisher eines der islam- und einwandererfreundlichsten Länder Europas gewesen. Erst kürzlich hatte ein Gericht ein Burka-Verbot in Schulen für rechtswidrig erklärt. Schweden befürwortet auch die Aufnahme der Türkei in die EU. Zwar haben bei den Wahlen im Herbst die Schwedendemokraten den Sprung ins Parlament geschafft. Aber die Rechtspopulisten werden von allen anderen Parteien ausgegrenzt. Der Anschlag ist Wasser auf ihre Mühlen.

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