Taliban
Schweizer hoffen auf Ausreise: Warum die Evakuierung aus Afghanistan so schwierig ist

28 Schweizer und 38 afghanische Deza-Mitarbeitende mit ihren Angehörigen stecken in Afghanistan fest. Die Taliban kontrollieren die Strassen zum Flughafen. Der Bund kann nur bedingt helfen.

Sarah Serafini, watson.ch
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Zwei Tage nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan befinden sich noch immer 28 Schweizerinnen und Schweizer im Land. Daneben gibt es 38 afghanische Mitarbeitende der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und ihre Angehörigen, insgesamt rund 230 Personen. Auch sie wollen Afghanistan so schnell wie möglich verlassen.

Hunderte Afghanen warten vor dem Flughafen auf die Ausreise.

Hunderte Afghanen warten vor dem Flughafen auf die Ausreise.

Stringer / EPA

Doch die Frage ist, wie? In den letzten zwei Tagen versuchten tausende Menschen panisch, das Land zu verlassen. In ihrer Verzweiflung stürmten sie am Hamid-Karzai-Flughafen in der Hauptstadt Kabul die Startbahnen und sprangen auf rollende Flugzeuge auf. Der Flughafen wird derzeit noch von tausenden US-Soldaten abgesichert, um die Evakuierung von ausländischem Personal und weiteren Personen zu ermöglichen.

VBS schickt Armee-Detachement nach Usbekistan

Gemäss SRF-Bundeshausredaktor Oliver Washington gibt es einen Armee-Einsatz der Schweiz im Ausland. Das EDA habe ihm gegenüber geschrieben: «Das VBS unterstützt gemäss Entscheid des Bundesrates das EDA bei der Evaluation und Vorbereitung verschiedener Evakuations-Optionen mit Spezialisten der Armee. Zu diesem Zweck wurde ein Detachement der Schweizer Armee nach Taschkent (Usbekistan) verlegt. Aus Sicherheitsgründen geben wir dazu keine weiteren Details bekannt.»

Taliban kontrollieren Weg zum Flughafen

Doch inzwischen haben die Taliban einen äusseren Ring um den Flughafen gezogen und kontrollieren alle auf dem Weg dahin. Das berichtet Marcus Grotian, ein ehemaliger Soldat der deutschen Bundeswehr, gegenüber ZDF. Er ist Gründer des Patenschaftsnetzwerkes «Afghanische Ortskräfte». Dieses setzt sich für das afghanische Personal ein, das seit Jahren mit deutschen Sicherheitskräften vor Ort zusammenarbeiten. Grotian ist in engem Kontakt mit Afghanen vor Ort und befürchtet, es sei inzwischen unrealistisch, dass diese noch zum Flughafen gelangen können.

Der Weg zum Flughafen stelle tatsächlich ein Problem dar, sagt Hans-Peter Lenz, Chef des Krisenmanagement-Zentrums im Staatssekretariat des EDA und derzeitiger Leiter der Krisenzelle Afghanistan. Man stehe mit verschiedene Partnerorganisationen und lokalen Mitarbeitenden im Kontakt, um die Schwierigkeiten besser einordnen zu können. Doch es gebe kaum noch Staaten, deren Soldaten noch Menschen an den Flughafen eskortieren. «Die wenigen, von denen wir Kenntnis haben, konzentrieren sich auf die eigenen Staatsangehörigen und deren lokalen Mitarbeitenden.» Man müsse deshalb davon ausgehen, dass sich jeder selbstständig zum Flughafen durchschlagen müsse, so Lenz.

Taliban stehen vor dem Flughafen Wache.

Taliban stehen vor dem Flughafen Wache.

Rahmat Gul / AP

Einmal bis dahin geschafft, stelle sich die nächste Herausforderung: Vor dem Flughafen habe sich inzwischen eine grosse Ansammlung von Menschen gebildet, die das Land verlassen wollen. «Es herrscht ein Chaos, die Zugänge sind bisweilen blockiert», sagt Lenz. Die dritte Hürde sei, in den militärischen Teil des Flughafens zu kommen.

Gefahr ist grösser für Lokalmitarbeitende

«Um die 28 verbliebenen Schweizerinnen und Schweizer mache ich mir weniger Sorgen», sagt Thomas Fisler. Er arbeitete 22 Jahre für die Deza und leitete 2019 deren Kooperationsbüro in Kabul. Heute ist er pensioniert. Die Ausländer seien nicht das primäre Ziel der Taliban und könnten die Checkpoints zum Flughafen eher passieren. Fisler geht davon aus, dass die Rückführungsflüge in den kommenden Tagen fortgesetzt werden und die Schweizerinnen und Schweizer dann ausreisen können.

Hingegen für die Lokalmitarbeitenden sei die grosse Frage, ob und wie sie unbemerkt zum Flughafen gelangen können. Falls das nicht klappe, sei eine zweite Möglichkeit, sich in die Green Zone zu retten. In diesem bewachten und von zehn Meter hohen Mauern umgebenen Quartier in Kabul befinden sich die meisten ausländischen Botschaften. Von der Green Zone aus könnten die Menschen an den Flughafen gebracht werden. «Doch auch hier ist es gut möglich, dass die Taliban gross angelegte Kontrollen rund um die Zone machen und afghanische Personen nicht passieren lassen», so Fisler.

Die Schweiz hängt sich im Notfall den Deutschen an

Dass die Schweiz keine eigenen Transportflieger besitzen und keine Soldaten vor Ort schickt, sieht Fisler nicht als Nachteil. «In Afghanistan agieren Einheiten wie Deutschland oder die USA, die schon sehr lange im Land sind und viel Erfahrung haben.» Selbst das Schweizer Armee-Aufklärungsdetachement 10 (AAD 10), zu dessen Aufgaben auch die Rückführung von Schweizer Bürgern aus Krisenlagen im Ausland gehört, sei zu klein und nicht entsprechend ausgerüstet für einen solchen Einsatz. Fisler sagt:

«Evakuierungsszenarien werden deshalb im Voraus abgesprochen. Laut Plan ist die Schweiz im Notfall Deutschland und der deutschen Bundeswehr angehängt.»

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) will aus Sicherheitsgründen keine Angaben zu den Evakuierungsplänen machen, hiess es am Dienstag. Man arbeite weiter intensiv an verschiedenen Optionen für die Ausreise.

Fisler bleibt trotz allem optimistisch. Die Taliban-Regierung von Afghanistan habe momentan andere, wichtigere Fragen zu klären. Man müsse schauen, dass die Infrastruktur in Kabul nicht zusammenfällt, die Stromversorgung gewährleistet ist, die Banken weiterhin am Laufen gehalten werden. «Das sind – nebst den politischen Dimensionen – die Herausforderungen, die es jetzt für die Taliban zu klären gibt», so Fisler.

Er könne sich deshalb nicht vorstellen, dass die Taliban Jagd auf tausende Mitarbeiter von internationalen Organisationen macht. Er glaube, dass es nun noch etwas Geduld brauche, bis sich die Situation in ein paar Tagen klären werde. «Ich kann mir gut vorstellen, dass afghanischen Deza-Mitarbeitenden in den kommenden Tagen eine Ausreiseerlaubnis erhalten und die Taliban die Leute ziehen lassen, die gehen wollen.»

Auch Hans-Peter Lenz vom Krisenmanagement-Zentrum hegt Hoffnung:

«Tatsache ist, dass auch heute wieder hunderte Leute ausgeflogen werden konnten. Das zeigt, dass es möglich ist, die Leute rauszubringen. Wir arbeiten intensiv an Lösungen.»

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