Südostasien
«Schwärzeste Woche» seit dem Putsch: Das Militär in Myanmar verliert alle Hemmungen

Einen Monat nach dem Militärputsch versinkt das Land noch tiefer in Chaos und Gewalt. Die Zahl der Toten steigt, der Hass wird grösser.

Felix Lill aus Tokio
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Sicherheitskräfte in Myanmar drängen Anti-Putsch-Demonstranten zurück.

Sicherheitskräfte in Myanmar drängen Anti-Putsch-Demonstranten zurück.

Maung Lonlan / EPA

Im Februar hätte man noch denken können, viel schlimmer würde es nicht mehr werden. Gegen die Demonstranten auf den Strassen setzte das Militär zuerst Wasserwerfer ein, es folgten Gummigeschosse. Zeitweise waren die Kommunikationswege unterbrochen, vor allem das Internet. Von Anfang an ist die Lage in Myanmar brutal gewesen. Und doch bestand die Hoffnung, dass sich das seit kurzem machthabende Militär und das protestierende demokratische Lager irgendwie doch noch verständigen könnten.

Schliesslich soll es nach derzeitigem Stand im nächsten Jahr, wenn der einjährige Ausnahmezustand ausläuft, wieder eine Wahl geben. An die Macht geputscht hat sich das Militär Anfang Februar offiziell deshalb, weil die in der letzten Wahl vom November siegreiche Nationale Liga für Demokratie (NLD) Wahlbetrug begangen haben soll. Diese Vorwürfe sind nicht weiter bewiesen worden. Aber von der Idee demokratischer Wahlen ist das Militär um seinen Oberbefehlshaber Min Aung Hlaing bisher nicht abgewichen. Die Verständigung auf so eine Wahl, deren Ergebnis von allen Seiten anerkannt wird, könnte prinzipiell ein gemeinsamer Nenner sein.

38 Tote allein an einem Tag

Mittlerweile aber scheint schwer vorstellbar, dass sich die zwei zerstrittenen Seiten in naher Zukunft auch nur im Geringsten werden vertrauen können. Mitte dieser Woche erlebte Myanmar seinen bisher blutigsten Tag seit dem Putsch Anfang Februar. Allein am Mittwoch zählten UNO-Beobachter 38 Tote, insgesamt stieg die Zahl der Opfer damit auf wohl 59 an.

Zudem wird das Klima immer grausamer. Eine Mitarbeiterin der deutschen ARD berichtete Mitte der Woche, wie Soldaten einen Sanitäter davon abhielten, verletzte Personen auf der Strasse zu behandeln. Ausserdem seien Soldaten in ein Krankenhaus eingedrungen, um auch dort gegen Menschen vorzugehen.

Von Unruhen kann mittlerweile kaum mehr die Rede sein. Im südostasiatischen 54-Millionenland herrschen kriegsähnliche Zustände. «Wir werden die Strassen nicht räumen, solange wir nicht die Demokratie zurückhaben», sagt Leon, ein 18-jähriger Demonstrant aus Yangon, der grössten Stadt im Land. Am Mittwoch machte Leon, der seinen burmesischen Namen für seine eigene Sicherheit nicht verrät, selbst Aufnahmen von einer menschengefüllten Strasse. «Wir sind sehr traurig, wütend. Wir werden bis zum Ende kämpfen», sagt er.

Doch was das heisst, bis zum Ende, das lässt sich immer schwieriger absehen. In einer online und unter Anonymität veranstalteten internationalen Expertenrunde gab Mitte der Woche ein zu Myanmar arbeitender Risikoanalyst aus Europa zu Bedenken: «Ich befürchte, dass dieser Konflikt noch lange andauern und immer hässlicher wird. Es ist schon zu viel passiert, um bald versöhnen zu können.»

Sanktionen beeindrucken die Armee nicht

Internationaler Druck auf das Militärregime scheint unterdessen auf taube Ohren zu stossen. Die USA haben bereits gezielte Sanktionen gegen Vertreter des Militärs beschlossen, indem deren US-Konten eingefroren worden sind. Weitere Sanktionen werden derzeit erwogen. Doch Myanmars Militär gibt sich offenbar unbeeindruckt.

Warnt vor einem «echten Krieg»: UNO-Sondergesandte Christine Schraner Burgener

Warnt vor einem «echten Krieg»: UNO-Sondergesandte Christine Schraner Burgener

Aung Shine Oo / AP

Die Schweizer Diplomatin Christine Schraner Burgener, Gesandte der Vereinten Nationen nach Myanmar, zitiert den Oberbefehlshaber Min Aung Hlaing nach einer Unterhaltung wie folgt: «Wir sind Sanktionen gewohnt und wir haben sie in der Vergangenheit überlebt.» Zudem habe es seitens des Militärs geheissen: «Wir haben gelernt, mit nur wenigen Freunden zu marschieren.»

An diesem Freitag will der UNO-Sicherheitsrat, angeführt vom Generalsekretär Antonio Guterres, zusammentreffen und ein mögliches gemeinsames Vorgehen besprechen. Christine Schraner Burgener gibt zu Bedenken: «Die Stabilität in der Region hängt auch von der Situation in Myanmar ab.» Ein «echter Krieg» sei eine reale Gefahr.

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