Bald straffrei
Spanien geht bei der Sterbehilfe weiter als die Schweiz

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die aktive Sterbehilfe. Psychisch Kranke sind explizit ausgeschlossen.

Manuel Meyer aus Madrid
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In Spanien wird die Sterbehilfe bald straffrei. (Symbolbild)

In Spanien wird die Sterbehilfe bald straffrei. (Symbolbild)

Foto: Juri Junkov

Ángel Hernández wusste damals, dass er eine Straftat begeht. Aber er wollte nicht länger warten – genau so wenig wie seine Frau. María José, 61, litt unter Multipler Sklerose. Sie konnte sich nicht mehr bewegen. Ihr Körper war schwach, aber ihr Wille zu sterben war stark.

Im April 2019 filmte Ángel seine Frau und fragte sie mehrmals: «Bestehst du darauf, dass du dich umbringen willst?» «Ja. Je eher, umso besser», antwortet María immer wieder. Danach reichte Ángel seiner Frau auf eigenen Wunsch eine tödliche Menge des Schlafmittels Pentobarbital, das María selber mit einem Strohhalm einnahm.

Ángel wurde wegen Beihilfe zur Selbsttötung angeklagt. In einer Online-Petition forderten damals mehr als 80000 Menschen, die Strafverfolgung gegen ihn einzustellen. Schliesslich wurde er wegen häuslicher Gewalt zu sechs Monaten Haft verurteilt, die er allerdings nicht absitzen musste.

Der Fall stiess die Sterbehilfe-Diskussionen erneut an. Ángel sammelte über eine Million Unterschriften für eine straflose Sterbehilfe, die er dem Parlament übergab. Mit Erfolg! Am Donnerstag verabschiedete das Abgeordnetenhaus eine Gesetzesinitiative zur Legalisierung der aktiven Sterbehilfe. Damit wird Spanien nach den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Kanada und Neuseeland das erst sechste Land weltweit, in dem die aktive Sterbehilfe straffrei ist.

Über Jahre war die Front der Euthanasie-Gegner im katholischen Spanien sehr stark. Die Bischofskonferenz forderte die Abgeordneten auf, gegen die Initiative zu stimmen. In einem offenen Brief prangerten die Bischöfe die «verdächtig beschleunigte Weise» an, mit der das neue Gesetz «in Zeiten der Pandemie «ohne öffentlichen Dialog» geplant wurde.

Mit der neuen Regelung geht Spanien deutlich weiter als etwa die Schweiz. Hierzulande ist die aktive Sterbehilfe verboten. Lediglich die passive und indirekte Sterbehilfe und die Beihilfe zur Selbsttötung sind im Schweizer Strafgesetz grundsätzlich erlaubt. Ärzte dürfen selber keine Medikamente verabreichen, die zum Tod des Patienten führen, wohl aber Medikamente oder Massnahmen absetzen, die dessen Leben verlängern.

Ohne Bürokratie gehts auch in Spanien nicht

Der Senat wird das neue Gesetz im Januar mit grosser Wahrscheinlichkeit absegnen. Die Kosten für die Sterbehilfe trägt ab dann die staatliche Krankenkasse. Damit Ärzte Sterbehilfe leisten können, müssen aber zahlreiche Bedingungen erfüllt werden: Voraussetzung ist, dass die Patienten volljährig und im vollen Besitz ihrer geistigen Fähigkeiten sind. Zudem müssen sie an unheilbaren Krankheiten oder schweren Behinderungen leiden, die mit anderen Mitteln nicht gemildert werden können. Psychische Erkrankungen sind ausgeschlossen.

Bevor eine Sterbehilfe erlaubt wird, muss der Kranke zwei Mal schriftlich den Willen bekunden, sein Leben beenden zu wollen. Anschliessend muss eine von der jeweiligen Regionalregierung gebildete Kommission dem Antrag zustimmen, den der Patient dann nochmals bestätigen muss. Ärzte haben das Recht, Sterbehilfe aus Gewissensgründen abzulehnen.