Bundestagswahl
Somuncu will Kançler werden: Spasspartei «Die Partei» ist nicht immer lustig – und vielleicht sogar gefährlich

«Warum mal nicht ein Türke?», fragt die deutsche Satirepartei «Die Partei» – und schickt den türkischstämmigen Comedian Serdar Somuncu als Kanzlerkandidaten ins Rennen.

Christoph Reichmuth aus Berlin
Drucken
Teilen
Der Kabarettist Serdar Somuncu (links) und der Bundesvorsitzende der Partei «Die PARTEI», Martin Sonneborn, bei einer Pressekonferenz.

Der Kabarettist Serdar Somuncu (links) und der Bundesvorsitzende der Partei «Die PARTEI», Martin Sonneborn, bei einer Pressekonferenz.

Keystone

Serdar Somuncu ist vielen aus dem Fernsehen bekannt. Als «Hassprediger» hat der in Istanbul aufgewachsene Deutschtürke und Comedian schon jede Minderheit aufs Gröbste beleidigt. Nun kandidiert der 49-Jährige für die Satirepartei «Die Partei» als Kanzlerkandidat. Chef der «Partei» ist der ehemalige Chefredaktor der Satirezeitschrift «Titanic» und heutige Abgeordnete des Europaparlaments, Martin Sonneborn.

Mit relativ bescheidenem Budget generierte die Kleinpartei durch mehr oder weniger originelle Aktionen hohe Aufmerksamkeit im Bundestagswahlkampf. Unter anderem haben Mitglieder der «Partei» in rechtskonservativen und AfD-nahen Kreisen beliebte Facebook-Gruppen gekapert und diese kurzerhand unbenannt. So nannte sich die patriotische Gruppierung «Heimatliebe» plötzlich «Humusliebe».

Humor ist Geschmacksache. Nicht alles ist lustig, wofür die «Spasspartei» einsteht. Ihr Programm für die Bundestagswahl liest sich denn auch nicht wie ein ernst gemeintes Rezept für das Land: Managergehälter sollen an BH-Grössen angepasst, die Bierpreisbremse eingeführt und «der Irre vom Bosporus», der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, nach Deutschland gelockt, eingekerkert und gegen den in türkischer Haft einsitzenden Journalisten Deniz Yücel ausgetauscht werden.

Geharnischte Reaktionen löste «Die Partei» kürzlich mit einem Plakat aus, das als Replik auf Merkels Wahlkampfslogan – «Für Deutschland, in dem wir gut und gerne leben» – gedacht war. Über dem berühmten Foto des an einem türkischen Strand liegenden, toten Flüchtlingskindes Aylan Kurdi titelte «Die Partei»: «Für einen Strand, an dem wir gut und gerne liegen.»

Kein Rezept, keine Inhalte

Die Satiriker selbst sehen sich in der Rolle der unbequemen Konkurrenten auf dem politischen Parkett. Das Bild des toten Flüchtlingskindes sollte die Aufmerksamkeit auf das Schicksal Hunderttausender auf der Flucht befindlicher Menschen lenken, der Verweis auf die Managergehälter spielt auf überbordende Löhne in den Chefetagen der Grosskonzerne an, die Bierpreisbremse lehnt sich an die Mietpreisbremse an und macht so indirekt die stetig steigenden Wohnkosten zum Thema. Dennoch: «Die Partei» hat kein wirkliches Rezept für die Wahlen – und polarisiert gerade deshalb.

Die Frage, mit der sich Magazine und Zeitschriften beschäftigen: Beschädigt das Agieren einer Partei, die eigentlich für nichts einsteht und keine Inhalte zu bieten hat, die Demokratie? Bindet die vor allem in urbanen, links-intellektuellen Kreisen beliebte Kleinpartei wichtige Stimmen in einer für das Land bedeutsamen Wahl?

Die linke Tageszeitung «Taz» hält die Kandidatur der Spasspartei für gefährlich. Unter dem Titel «Elitär, bourgeois und amoralisch» kommt der Autor zu dem Fazit, dass derjenige, der seine Stimme der «Partei» gebe, der Alternative für Deutschland (AfD) den Einzug ins Parlament erleichtere.

Andere Kommentatoren stellen sich hinter die Satirepartei. Diese mache auf ihre ganz eigene Art «den drögen Politikerbetrieb bunt», wodurch dieser bereichert werde. Kanzlerkandidat Somuncu weist den Vorwurf zurück, seine Partei stehe für keine politischen Inhalte und binde unnötig wichtige Wählerstimmen: «Als Satiriker ist es wichtig, bestimmte Probleme durch Überspitzung aufzuzeigen.» Dann fügt er hinzu: «Sollte ich den Einzug in den Bundestag nicht schaffen, bin ich über alle Berge und kokse.»

Die etwa 25 000 Mitglieder zählende Satirepartei dürfte es sehr wahrscheinlich nicht in den Bundestag schaffen. Wie stark die Comedians abschliessen, ist für sie dennoch relevant. Ab einer bestimmten Anzahl Stimmen erhält die «Partei», die 2014 bei der Europawahl mit dem Gewinn eines Abgeordnetensitzes ihren bislang grössten Erfolg feierte, nämlich staatliche Zuschüsse in beträchtlicher Höhe.

Aktuelle Nachrichten