Drama von Sydney
So flüchtete ein 82-Jähriger aus den Fängen des Geiselnehmers

Erstmals schildert eine der Geiseln von Sydney detailliert, was sich in den bangen Stunden im Lindt-Café am Martin Place abspielte und wie sie entkommen konnte.

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«Dieser Typ wird hier nie lebend herauskommen und er wird uns alle mitnehmen», sagte John O'Brien während der Geiselnahme – und beschloss zu flüchten.
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Dass John O'Brien überhaupt in dem Café war, lag nur daran, dass er zufällig an diesem Tag einen Termin bei seinem Augenarzt in der Nähe hatte.
Man Haron Monis, der Geiselnehmer von Sydney, nannte sich selbst einen Scheich.
Nach Beginn der Geiselnahme: Die Polizei riegelt das Gelände im Stadtzentrum von Sydney ab.
Der Geiselnehmer während der Geiselnahme - hier kaum erkennbar im Café.
Am Schaufenster des Lindt-Cafés ist während der Geiselnahme ein Flagge in arabischer Schrift zu sehen
Die Polizei ist mit einem Sonderkommando vor Ort
Die Polizei ist mit einem Sonderkommando vor Ort
Die Polizei ist mit einem Sonderkommando vor Ort
Passanten in der Umgebung werden weggebracht
Passanten in der Umgebung werden weggebracht
Das australische Fernsehen zeigte diese Bilder
Das australische Fernsehen zeigte diese Bilder
Sicherheitskräfte sind überall im Stadtzentrum postiert.
Der australische Premierminister Tony Abbott spricht an einer Medienkonferenz über die aktuelle Situation
Diese Geisel kann aus dem Café entkommen.
Im Lauf des Tags können drei Männer und zwei weibliche Angestellte dem Geiselnehmer entkommen. Mit schreckverzerrten Gesichtern rennen die jungen Frauen in die Arme wartender Polizisten.
Kurz vor der Erstürmung des Cafés laufen fünf weitere verängstigte Geiseln auf die Strasse.
Nach 16 Stunden stürmen Polizisten das Gebäude, mehrere Explosionen sind zu hören. Dann wird ein Spezialroboter zum Entschärfen von Sprengsätzen in das Café gesteuert.
Die Polizei stürmt das Lindt-Café.
Polizei stürmt Café in Sydney.
Die Polizei stürmt das Café - minutenlang ist unklar, wie diese Aktion ausgegangen ist.
Nach der Stürmung des Cafés: Sanitäter bringen eine verletzte Geisel zu einem Krankenwagen.
Eine verletzte Geisel wird weggebracht.
Eine verletzte und sichtlich mitgenommene Geisel muss weggetragen werden.
Nach Ende des Geiseldramas: Sanitäter kümmern sich um die Geiseln.
Nach Ende des Geiseldramas: Sanitäter kümmern sich um die Geiseln.
Eine Geisel starb beim Drama.
John O'Brien und Geiseldrama Sydney

«Dieser Typ wird hier nie lebend herauskommen und er wird uns alle mitnehmen», sagte John O'Brien während der Geiselnahme – und beschloss zu flüchten.

Keystone

Nach mehr als fünf Stunden in der Gewalt des Geiselnehmers von Sydney war John O'Brien eines klar: Der Bewaffnete war verrückt und wahrscheinlich würden weder er, noch die 17 Geiseln lebend aus der Sache herauskommen. Da fasste der 82-Jährige einen gewagten Entschluss: Er würde versuchen, zu fliehen.

O'Brien - ein ehemaliger Profi-Tennisspieler, der sogar in Wimbledon gespielt hatte - sondierte erst die Lage. Der Geiselnehmer Man Haron Moni hatte sich auf der anderen Seite des Raumes hinter Tischen und Stühlen verbarrikadiert, mit zwei oder drei jungen Frauen als menschliche Schutzschilde.

Neben seinem Stuhl bemerkte O'Brien einen kleinen Spalt, über den er möglicherweise unbemerkt zu einer Glastür gelangen könnte. Er blickte hinauf zu einer anderen Geisel, einem Anwalt, der wie befohlen mit seinen Händen am Fenster stand. Der junge Mann hatte die Augen geschlossen.

Nur wegen Arzttermin im Café

Ich sagte zum Anwalt: Das wird nicht gut zu Ende gehen. Dieser Typ wird hier nie lebend herauskommen und er wird uns alle mitnehmen", erzählte O'Brien der Nachrichtenagentur AP in einem ersten detaillierten Augenzeugenbericht einer der Geiseln. O'Brien flüsterte den Plan B. zu. Der antwortete nur: "Gute Idee".

O'Brien war zu diesem Zeitpunkt erschöpft, seit dem frühen Morgen hatte er nichts gegessen. Als der gebürtige iranische Geiselnehmer am Montag das Lindt-Cafe am Martin Place betrat, hatte er sich gerade ein Rosinenbrot und einen Cappuccino bestellt.

Dass er überhaupt in dem Café war, lag nur daran, dass er zufällig an diesem Tag einen Termin bei seinem Augenarzt in der Nähe hatte.

Sehr aggressiver Geiselnehmer

Moni sei in das Café gekommen, habe eine Flinte hervorgezogen, den 34-jährigen Filialleiter gepackt und ihm befohlen, die Tür abzuschliessen. Der Geiselnehmer habe ein Kopftuch mit arabischer Schrift getragen und sei sehr aggressiv gewesen, erzählte O'Brien.

Insgesamt waren zu dem Zeitpunkt 17 Personen in dem Café. Einige arbeiteten dort, andere waren Anwälte und Banker aus umliegenden Büros. O'Brien war mit 82 Jahren der Älteste im Raum, ein 19-jähriger Angestellter der Jüngste.

Der Geiselnehmer forderte O'Brien und andere auf, eine Flagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis an das Fenster des Cafés zu halten. Nach 30 oder vielleicht 45 Minuten habe er Moni gesagt, wie alt er sei und gebeten, sich hinsetzen zu dürfen, erzählte O'Brien.

Es war ein erstes vorsichtiges Aufbegehren gegen den Bewaffneten und O'Brien betonte, er habe sich eigentlich noch stark gefühlt. Er spielt immer noch Tennisturniere und ist in seiner Altersgruppe einer der besten in ganz Australien.

Stundenlang festgehalten

Die Stunden zogen vorbei und der Geiselnehmer versuchte über seine Opfer und deren Facebook- und Twitter-Accounts seine eigenartigen Forderungen zu übermitteln, wie O'Brien schilderte. Unter anderem habe er eine Flagge der Terrormiliz Islamischer Staat gewollt und direkt mit Premierminister Tony Abbott sprechen wollen.

Immer mehr sei im klar geworden, dass der Mann verrückt sei, erzählte O'Brien. Er habe an seine Frau Maureen gedacht, deren Bruder erst vor zwei Wochen gestorben sei, und an seine beiden Töchter. Dann habe er den Plan gefasst.

Er rutschte leise aus seinem Stuhl auf den Boden, wo er zwischen einem Werbeständer und der Wand neben einer Glastür die kleine Lücke bemerkt hatte, wie O'Brien schildert. Mehrfach habe er versucht, sich durch den knapp 30 Zentimeter breiten Spalt zu zwingen, bis es ihm schliesslich gelungen sei.

Der Werbeständer verbarg ihn nun vor dem Geiselnehmer und an der Wand sah er einen grossen grünen Knopf, der - so hoffte er - möglicherweise die Glastür öffnen würde.

Mit allem Mut in die Freiheit

Sollte der Knopf nicht funktionieren, würde der Bewaffnete ihn wahrscheinlich bemerken und erschiessen, schoss O'Brien zu diesem Zeitpunkt durch den Kopf. Auch dass er die anderen Geiseln zurücklassen müsse, belastete ihn, erzählte der 82-Jährige. Denn niemand könnte sagen, wie der Geiselnehmer auf die Flucht reagieren würde. "Ich hatte schreckliche Angst um sie."

Doch um exakt 15.37 Uhr drückte er den Knopf und einen Moment später war er frei. Die Bilder von O'Brien, der über die Schulter blickt, und dem Anwalt dicht hinter ihm, gingen um die Welt.

Die beiden Männer rissen ihre Hände in die Höhe, als sie schliesslich die Polizisten in Schutzausrüstung erreichten und aus der Schusslinie gezogen wurden.

Drei Tote

In den kommenden Stunden konnten drei weitere Personen aus dem Café fliehen. Die Geiselnahme endete schliesslich nach mehr als 16 Stunden am Dienstag kurz nach zwei Uhr morgens, als die Polizei das Gebäude stürmte. Der Bewaffnete und zwei seiner Geiseln, der Filialleiter und eine dreifache Mutter, kamen ums Leben.

Er müsse ständig an die beiden Opfer denken und könne nicht mehr schlafen, erzählte O'Brien. "Sie haben nichts falsch gemacht."

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