Ukraine-Konflikt
Sowjetische Panzer, suizidale Rekruten und ganz viel Kampferfahrung: So fit ist die ukrainische Armee

Gegen die russischen Streitkräfte haben die Ukrainer keine Chance. Doch seit dem Krim-Krieg 2014 hat sich vieles verändert.

Paul Flückiger, Danzig
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Zu den 300'000 Soldaten und den rund 900'000 Reservisten gesellen sich auch viele Freiwillige, die im Notfall ihr Land vor den Russen verteidigen wollen.

Zu den 300'000 Soldaten und den rund 900'000 Reservisten gesellen sich auch viele Freiwillige, die im Notfall ihr Land vor den Russen verteidigen wollen.

AP

Wie steht es um die Truppenstärke?

Die ukrainische Armee verfügt über ein stehendes Heer von rund 300000 Mann. Dazu kommen 900000 Reservisten. 196000 Soldaten und Offiziere dienen bei der gewöhnlichen Armee, 102000 in der Nationalgarde. In die Nationalgarde wurden auch die 2014 entstandenen Freiwilligen-Bataillone von zumeist unerfahrenen jungen Idealisten eingegliedert. Seit Neujahr müssen sich auch Frauen zwischen 18 und 60 Jahren bestimmter Berufsgattungen bei der Armee für den Dienst im Falle einer russischen Invasion melden. Dazu kommen Hunderte zivile Verteidigungsverbände, die sich auf eigene Kosten für den Notfall gewappnet haben und für den Partisanenkampf ausbilden liessen. Das Heer verfügt über gut 800 sowjetische T-64 Panzer, aber nur knapp 70 Jagdbomber sowjetischer Bauart und 34 Kampfhelikopter. Auch die Kriegsmarine ist mit 38 Einheiten sehr klein, nachdem rund 70 Prozent der ukrainischen Kriegsschiffe bei der Annexion der Halbinsel Krim 2014 in russische Hände fielen.

Wie zeitgemäss sind Ausrüstung und Ausbildung?

Ein Grossteil des Materials stammen noch aus Sowjetzeiten – trotz 2,5 Milliarden Dollar US-Militärhilfe in den vergangenen Jahren. Militär-Experten beklagen zudem die bürokratischen Befehlsstrukturen und ein völlig veraltetes Rekrutierungssystem. Die Ausbildung und die psychologische Betreuung der Soldaten ist schlecht.

Wie kampferfahren ist die gesamte Armee?

Die Armee gilt nach fast acht Kriegsjahren im Donbas als sehr kampferfahren. Dank eines Rotationsprinzips kommen fast alle Einheiten im Donbas zum Einsatz. Fast jeder Soldat hat dort mehrere Monate gedient und damit aktive Kampferfahrung erworben. Ukrainische Soldaten sind mit Taktik, Strategie und Kampfmoral des Feindes im Osten, auf den sie im Donbas seit Jahren regelmässig treffen, gut vertraut.

Rund 300'000 Soldaten stehen in der Ukraine bereit.

Rund 300'000 Soldaten stehen in der Ukraine bereit.

AP

Wie steht es um die Moral der Truppe?

Viele junge Männer drücken sich oft mittels Bestechung der Aushebungsoffiziere vor der Rekrutierung. Der allgemeinen Wehrpflicht nachkommen müssen so vor allem minderbemittelte Ukrainer, sehr oft Bewohner der wirtschaftlich eh abgehängten Dörfer. Dies ist der Moral abträglich und führt im Extremfall zu Amokläufen wie jenem vom Donnerstag in Dnipro, als ein Rekrut mit seiner Kalaschnikow fünf Kameraden tötete und mehrere teils schwer verletzte.

Und wie stehts um die Disziplin der ukrainischen Truppen?

In Teilen des Ukrainischen Heeres gelten inzwischen Nato-Standards. Viele weitere Einheiten werden an diese Standards herangeführt. Im Donbas kommt es dennoch an vereinzelten Abschnitten der über 400 Kilometer langen Frontlinie immer wieder zu nicht mit der Heeresführung abgesprochenen Einzelaktionen. Armee-Experten erklären dies mit dem enormen psychischen Druck, dem die Einheiten in den Schützengräben über Wochen hinweg ausgesetzt sind. Tatendrang und teils unvernünftige Bravouraktionen brächen sich so Bahn. Jedes Jahr werden rund 2500 Rekruten und Soldaten durch Militärgerichte für das unerlaubte Verlassen der Einheit oder gar Desertion verurteilt.

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