Suizidhilfe
Sie war politisch bis zum letzten Atemzug: Französische Ex-Ministerin war als Sterbetouristin in der Schweiz

Der assistierte Suizid einer französischen Ex-Ministerin in Bern löst in ihrer Heimat eine heftige Debatte aus.

Stefan Brändle aus Paris
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Paulette Guinchard ist am 4. März in Bern freiwillig aus dem Leben geschieden.

Paulette Guinchard ist am 4. März in Bern freiwillig aus dem Leben geschieden.

Getty

Der Tod von Paulette Guinchard bewegt Frankreich. Als eine von wenigen Bäuerinnen hatte es die 71-jährige Jurassierin einst bis in die Regierung in Paris geschafft. «Ich bin die einzige Ministerin, die Kühe melken kann», scherzte die Sozialdemokratin, die unter Staatschef Jacques Chirac Staatssekretärin für die Senioren gewesen war.

In dieser Funktion hatte Guin­chard 2001 die «Persönliche Autonomie-Hilfe» initiiert, die es älteren Menschen ermöglicht, zu Hause zu leben, statt ins Heim zu müssen. Zum Schluss musste Guinchard diese Hilfe wegen einer Erbkrankheit selber in Anspruch nehmen. Nachdem ihr Körper immer mehr zerfallen war, fuhr sie in die Schweiz, um am 4. März in Bern mit einer Sterbehilfeorganisation freiwillig aus dem Leben zu scheiden.

Guinchard liess die Umstände ihres Todes bewusst publik machen, um für die Sterbehilfe zu werben. In Frankreich ist jede Form von assistiertem Suizid untersagt. Das Claeys-Leonetti-Gesetz von 2016 erlaubt einzig, den «therapeutischen Übereifer» bei hoffnungslosen Fällen in Grenzen zu halten.

Guinchards letzter Wunsch wurde erhört: Im französischen Parlament sind diese Woche gleich fünf Gesetzesvorstösse eingereicht worden, die der Sterbehilfe den Weg ebnen sollen.

«In Frankreich stirbt man schlecht»

Mitten in der Coronakrise rechnen die diversen Initianten mit einem verschärften Bewusstsein für die Sterbefrage. «Die Krise hat vorgeführt, wie wenig die Todkranken in Frankreich erhört werden. In Frankreich stirbt man schlecht», sagte Jean-Louis Touraine, Abgeordneter der Regierungspartei La République en marche. 164 Parteikolleginnen und -kollegen unterstützen seinen Vorschlag für eine «aktive medizinische Sterbehilfe für unheilbar Kranke im fortgeschrittenen oder im Endstadium, wenn es unerträgliche Schmerzen oder psychische Leiden verursacht».

Die konservative Abgeordnete Annie Genevard allerdings erklärte, es wäre falsch, nach Guinchards Freitod «mit Überstürzung» ein neues Gesetz zu einem so heiklen Thema zu verabschieden. Die Coronakrise sei dafür nicht das passende Umfeld.

Aus diesem Grund will Präsident Emmanuel Macron das heikle Thema der Sterbehilfe vorläufig nicht aufgreifen. Der öffentliche Druck wächst aber. Laut Meinungsumfragen ist eine überwiegende Bevölkerungsmehrheit für die Zulassung der Sterbehilfe. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Portugal im Januar dem Beispiel der Schweiz und der Beneluxstaaten gefolgt ist und die Suizidbegleitung legalisiert hat.

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