Hurrikan «Matthew»
Schweizer Arzt in Haiti: «Es ist schlimmer als nach dem Erdbeben von 2010»

Rolf Maibach war jahrelang Chefarzt eines Spitals in Haiti und ist heute im Verwaltungsrat. Im Interview spricht er über die prekäre Lage des vom Hurrikan «Matthew» gebeutelten Landes, darüber, wie er seinen Optimismus behält und warum ausländische Hilfswerke auch problematisch sind.

Kian Ramezani, watson.ch
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Dr. Rolf Maibach, früher Chefarzt und heute Mitglied des Verwaltungsrats des Hôpital Albert Schweitzer (HAS) in Haiti (2016).

Dr. Rolf Maibach, früher Chefarzt und heute Mitglied des Verwaltungsrats des Hôpital Albert Schweitzer (HAS) in Haiti (2016).

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Wie schlimm ist die Lage in Haiti?

Rolf Maibach: Die amtlichen Opferzahlen sind mit Vorsicht zu geniessen, dabei handelt es sich immer um Schätzungen der Regierung, die eigentlich nie stimmen. Man kann die anfänglich erwähnten Zahlen meist mit Hundert multiplizieren. Das Problem sind die Kommunikationswege, so dürften Wochen vergehen, bis man weiss, wie schlimm es wirklich ist.

Sie stehen in ständigem Kontakt mit Ihren Mitarbeitern im Spital. Wie ist die Situation dort?

Wir hatten in den letzten Wochen 250 Cholera-Fälle. Das war wieder am Abflauen, wird nun aber wieder stark zunehmen. Viele Menschen sind obdachlos und die sanitären Anlagen sind zusammengebrochen. Darauf sind wir vorbereitet. Was die Verletzten anbelangt, so müssen wir noch abwarten. Brücken sind zerstört und Strassen überschwemmt. Unsere zwei Aussenstationen in den Bergen mussten wir kurzfristig schliessen. Durch die praktisch vollständige Entwaldung Haitis kommt es dort überall zu Schlammlawinen. Erosion durch Abholzung ist ein gewaltiges Problem.

Haben Sie Schäden am Spital?

Nein, und darüber sind wir sehr froh, so können wir weiterhin unsere Arbeit machen. Auch nach dem Erdbeben 2010 hatten wir keine Schäden. Das ist einerseits eine Frage der Bausubstanz, andererseits sind wir im Norden durch den Berg etwas geschützt. Wasser haben wir genug abbekommen, aber die Winde sind dort nicht so stark wie an der Küste.

Inwieweit sind sind Sie in Ihren Einrichtungen autark?

Wir haben in den vergangenen zwei Jahren eine grosse Insel-Solaranlage aufgebaut, also ohne Anschluss ans Stromnetz. Den sollten wir laut Vertrag mit der Regierung zwar seit 60 Jahren haben – so alt ist unser Spital – aber in der Realität gibt es im ganzen Tal bis heute keinen Strom. Zuvor arbeiteten wir ausschliesslich mit Dieselgeneratoren und gaben allein für Treibstoff 400’000 Dollar pro Jahr aus. Die Idee und die Finanzierung für die Solaranlage stammt von einem Berner Unternehmer, der aus einem TV-Beitrag von unserer Arbeit erfuhr und sich im Anschluss bei mir meldete.

Und das funktioniert?

Ja, ausser bei einem Sturm decken wir tagsüber unseren gesamten Strombedarf vorwiegend aus Sonnenenergie. Darauf sind wir ein bisschen stolz. Es gibt in der Schweiz kein Spital, das mit Sonnenenergie funktioniert (lacht). Derzeit arbeite ich daran, die Leistung zu verdoppeln. Dazu brauchen wir weitere Mittel, wobei jetzt und in den kommenden Wochen natürlich andere Prioritäten im Vordergrund stehen.

Was sind diese Prioritäten?

Rolf Maibachs «Schweizer Partnerschaft Hôpital Albert Schweitzer, Haiti» nimmt Spenden entgegen – diese kommen dem Hôpital zugute: Postkonto 90-180966-3, IBAN CH09 0900 0000 9018 0966 3 oder Bankkonto GKB 7002 Chur, IBAN CH17 0077 4110 3936 0660 0.

Am dringendsten brauchen wir Transporte, damit wir die bedürftigen Menschen überhaupt erreichen. Das ist schwierig, weil die Infrastruktur des Landes völlig überfordert ist. In dieser Hinsicht ist es jetzt schlimmer als nach dem Erdbeben 2010, da dieses die grossen Landstrassen kaum beeinträchtigt hatte. Jetzt sind Brücken zerstört und Strassen überschwemmt. Da können leider auch die grossen Hilfswerke mit dem Geld, das sie sammeln, nichts ausrichten. Sicher wird es in den kommenden Tagen Bemühungen geben, die Transportwege teilweise wieder zu öffnen. Aus Erfahrung weiss ich aber, dass es eine Weile dauern wird. Für den Moment sind viele Menschen ihrem Schicksal überlassen.

Haiti wird in regelmässigen Abständen von Katastrophen heimgesucht. Hinzu kommen Armut und politische Instabilität. Verzagen Sie nie?

Das ist eine wichtige Frage. Meine Frau und ich machen das jetzt seit 20 Jahren. Man braucht eigene Erfolge. In den zwei Jahren vor dem Erdbeben 2010 ging es uns nicht gut. Aufgrund der Wirtschsftskrise flossen die Gelder aus den USAspärlicher. Dank unserer Schweizer Partnerschaft HAS Haiti (damals Bündner Partnerschaft) konnten wir das Spital retten. Seither geht es wieder aufwärts. Heute haben wir eigentlich mehr Patienten, als wir behandeln können. Mit der Solaranlage haben wir einen Weg aufgezeigt, der in der ganzen Region funktionieren könnte. Kürzlich haben wir den zweimillionsten Baum gepflanzt, um etwas gegen die Erosion zu tun. Viele Tropfen auf den heissen Stein. Es braucht Erfolge, aber auch Optimismus.

Wie optimistisch sind sie für Haiti?

Ich werde das oft gefragt. Ich kann eigentlich nur etwas über unsere Region sagen, wo das Spital steht. Als wir dort vor 60 Jahren anfingen, hatte es keinen einzigen Arzt und null medizinische Versorgung. Wir haben Fortschritte erlebt und darum bin ich für unser Tal optimistisch. Für ganz Haiti noch nicht. Wichtig wäre, endlich vernünftige politische Strukturen zu schaffen. Dieses Wochenende hätten Wahlen stattfinden sollen, die sind natürlich verschoben worden. Es gibt viele gute Leute hier, auch Frauen. Leider ist es undenkbar, dass eine Frau zur Präsidentin gewählt wird. Braindrain ist ein enormes Problem. Man muss in diesem Zusammenhang auch die Arbeit der Hilfswerke hinterfragen.

Wie meinen Sie das?

Was Hilfswerke bewirken, die gratis medizinische Leistungen anbieten, ist vielen nicht klar. Die einheimischen Ärzte verlassen das Land, weil sie keine Arbeit mehr haben. Wir sind uns dieses Problems sehr bewusst und beschäftigen im Normalfall ausschliesslich haitianische Ärzte. Derzeit sind zwei Schweizer Kinderärzte vor Ort, aber das sind Ausnahmen.

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