Attentat
Schwedens Albtraum: Der ungeklärte Mord an Premierminister Olof Palme

28. Februar 1986: Premierminister Olof Palme wird auf offener Strasse erschossen – im Fall gibt es 133 Geständnisse, aber noch immer kein Täter.

Christoph Bopp
Drucken
Teilen
Der Tatort am frühen Morgen danach: Von der Polizei nur notdürftig abgesperrt, mehr oder weniger frei zugänglich. Rechts der ermordete Olof Palme.

Der Tatort am frühen Morgen danach: Von der Polizei nur notdürftig abgesperrt, mehr oder weniger frei zugänglich. Rechts der ermordete Olof Palme.

Keystone

Schwedens Premierminister nimmt sich einen Abend frei. Er geht mit seiner Frau ins Kino. Die meisten Schweden erkennen ihn, aber wie Bundesräte in der Schweiz lassen ihn viele in Ruhe.

Diejenigen, die «Guten Abend, Herr Palme» sagen, werden nett zurückgegrüsst. Nach dem Kinobesuch will Olof Palme zu Fuss nach Hause gehen.

Er kommt nicht weit. Ein paar hundert Meter vom Kino entfernt, wird Palme von hinten von einem Unbekannten aus nächster Nähe in den Rücken geschossen. Er ist sofort tot. Der Mörder feuert einen zweiten Schuss auf Palmes Frau Lisbet ab. Der streift nur ihren Rücken. Dann rennt der Täter davon, eine Treppe hinauf und verschwindet.

Trauernde legen kurz nach dem Tod von Olof Palme 1986 Blumen nieder. Der Fall ist noch immer nicht gelöst. (Archiv)

Trauernde legen kurz nach dem Tod von Olof Palme 1986 Blumen nieder. Der Fall ist noch immer nicht gelöst. (Archiv)

KEYSTONE/EPA TT NEWS AGENCY/STR

Es gibt Zeugen. Ob einer wirklich das Gesicht des Täters gesehen hat, ist bis heute zweifelhaft. Mit grosser Wahrscheinlichkeit hat ihn auch Lisbet Palme nicht gesehen.

Ihre erste Täterbeschreibung passt eher auf einen anderen Zeugen. Später wird Lisbet Palme in einem Video den Alkoholiker, Drogensüchtigen und notorischen Kriminellen Christer Pettersson als den Mörder identifizieren. Das Urteil gegen ihn wird aber wieder aufgehoben, weil die Umstände des Line-ups dubios sind. Pettersson stirbt 2004 an einer Gehirnblutung nach einem nicht erkannten Schädelbruch.

Christer Pettersson: Verurteilt, freigesprochen.

Christer Pettersson: Verurteilt, freigesprochen.

Keystone

Der Bajonett-Killer

Sicher ist: Pettersson war ein Killer. Er hatte Jahre zuvor einen Drogenhändler mit einem Bajonett erstochen. Aber ein Motiv, gerade Palme zu ermorden, hatte er wohl nicht. Im Gegenteil: Er profitierte in hohem Mass davon, dass Palmes Sozialstaat für ihn sorgte. Allerdings hatte er kein Alibi. Er belog die Polizei und zeigte in der Zeit nach dem Mord, aber bevor ihn die Polizei verdächtigte, ein auffälliges Verhalten.

Die einen halten ihn heute noch für den Täter und bedauern, dass Lisbet Palme nicht besser mit der Polizei kooperiert hat. Andere haben schwere Zweifel an seiner Schuld. Die Frage ist dann nur: Wer war es dann?

Später wurden allerlei Verschwörungstheorien geäussert. Palme war ein linker Sozialdemokrat, nicht alle fanden seine Sozialpolitik gut; er war auch Kritiker des Vietnam-Kriegs, das störte die USA, sie machte ihn «zum Russenfreund».

An «Feinden», die ihm übel wollten, mangelte es Palme nicht. Wie immer, wenn Verschwörungstheorien aufkommen, steht schlampige Polizeiarbeit am Anfang.

Am 28. Februar 1986 war die Polizei zwar sehr schnell am Tatort, aber – mitten in Stockholm – vielleicht eher zufällig. Die Verfolgung des Täters und die Spurensicherung am Tatort inklusive erste Zeugenbefragungen wurden sehr stümperhaft in die Wege geleitet.

Dass der Regierungschef ermordet worden war, erfuhren die Schweden zuerst von ausländischen Medien. Die Nachtredaktionen von Fernsehen und Radio glaubten – kaum besetzt –, es handle sich um einen Scherz.

Die Sozialdemokraten regierten in Schweden praktisch seit Menschengedenken. Das hatte vor allem dazu geführt, dass wichtige Posten via Seilschaften besetzt wurden und Loyalität wichtiger war als Kompetenz. So auch bei der Polizei.

Hans Holmér war damals Bezirkspolizeipräsident von Stockholm. Er war Jurist (mit guten Verbindungen in der Sozialdemokratie), aber kein Polizist. Er übernahm die Leitung der Untersuchung.

Die Politik (und andere leitende Polizeifunktionäre) war froh, dass ein «tatkräftiger» Chef die Verantwortung übernahm. Bald wurden aber die Fehler in seiner Untersuchungsführung unübersehbar. Er liebte es, an Pressekonferenzen den starken Mann zu spielen, hantierte gerne mit Revolvern und lancierte immer neue Phantomzeichnungen des angeblichen Mörders.

Dabei stützte er sich auf zweifelhafte Zeugenaussagen. Am Schluss beschrieben die Zeugen eher die Phantombilder, als dass sie schilderten, was sie gesehen hatten. Dazu mischten sich mit dem Diplomaten Carl Lidbom und dem Lobbyisten Ebbe Carlsson zwei sehr zwielichtige Elemente in die Untersuchung ein.

Am Schluss endete Holmérs Untersuchung im Desaster. Er hatte sich so darauf fixiert, der kurdischen PKK die Schuld zu geben, und verrannte sich unrettbar. Natürlich gab es auch hier die üblichen Verdächtigungen: Deckte er mit gespielter Inkompetenz eine andere Täterschaft? Es gibt viel Dubioses um Holmér. Unter anderem auch, wie viele Rechtsextreme er als Polizisten anstellte.

Krimi-Autor und Professor

Leif G. W. Persson ist Kriminalistik-Professor und machte eine TV-Sendung à la «Aktenzeichen XY». Er schrieb einen Roman um die Umstände des Palme-Mordes: «Zwischen der Sehnsucht des Sommers und der Kälte des Winters».

Leif G. W. Persson: Autor und Kriminalist.

Leif G. W. Persson: Autor und Kriminalist.

Keystone

Dort stiftet ein korrupter Geheimpolizist, dessen krumme Geschäfte aufzufliegen drohen, einen skrupellosen Ex-Polizisten an, den Premierminister umzubringen. Die Verwirrung wird für Ablenkung sorgen.

Der andere Roman heisst «Sühne». Dort lässt Persson seinen Helden Lars Martin Johansson zusammen mit einer kompetenten jungen Truppe den Fall aufklären. Die entscheidende Spur liefert die Waffe. Eine anonyme Quelle schickte 2015 eine Patrone an Persson und gab ihm den Hinweis, der schliesslich zum Fund einer verrosteten Waffe in einem See führte. Doch damit ist Palme nicht getötet worden.

«Es ist ein Trauma für das Land, dass wir den Mord nicht aufgeklärt haben», sagte Staatsanwältin Kerstin Skarp bei einer Medienkonferenz in Stockholm gestern. Den Mörder Palmes suchen die Ermittler immer noch.

Aktuelle Nachrichten