Schottland wählt
Raus aus dem Königreich? Heute könnten die Schotten den Grundstein für den «Scexit» legen

Schottland wählt und über allem schwebt die Frage der Unabhängigkeit. London will eine Loslösung mit aller Kraft verhindern.

Sebastian Borger, London und Christoph Meyer (dpa)
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Ziemlich genau die Hälfte der Schotten befürwortet die Loslösung vom Vereinigten Königreich.

Ziemlich genau die Hälfte der Schotten befürwortet die Loslösung vom Vereinigten Königreich.

Jeff J Mitchell/Getty (Glasgow, 1. Mai 2021)

Eigentlich geht es bei den heutigen Wahlen in Schottland nur um eine Frage: Soll das Land 314 Jahre nach dem Zusammenschluss mit England zum Vereinigten Königreich die Union verlassen? Wenn es nach Nicola Sturgeon geht, die seit sieben Jahren als Regierungschefin über das politische Schicksal der fünfeinhalb Millionen Schotten wacht, ist die Antwort klar: «Natürlich», sagt die Chefin der Nationalpartei SNP, deren Popularität in der Coronakrise noch gestiegen ist. An ihrem Wahlsieg heute Donnerstag gibt es keinen Zweifel.

Vor sieben Jahren haben die Schotten die Frage aller Fragen schon einmal beantwortet – mit Nein. 55 Prozent votierten gegen die Loslösung aus dem Königreich. 85 Prozent der Wahlberechtigten hatten sich beteiligt, darunter auch – anders als im Rest Grossbritanniens – Ausländer mit Wohnsitzrecht sowie 16- und 17-Jährige. Beide Gruppen gelten als weltoffen und experimentierfreudig und werden deshalb mehrheitlich dem Unabhängigkeitslager zugeordnet.

Boris Johnson muss «Ok» geben

Dass den Unionisten, die für einen Verbleib im Königreich plädieren, damals dennoch der Sieg gelang, war nicht zuletzt einem gewichtigen Argument geschuldet: Grossbritanniens Mitgliedschaft in der EU. Brüssel hatte stark gegen eine Loslösung lobbyiert. Zwei Jahre nach der Abstimmung 2014 kam – für viele völlig unerwartet – der Brexit. Die Ausgangslage ist heute daher eine gänzlich andere. Eine deutliche Mehrheit der Schotten will zurück in die EU und befürwortet daher die Abhängigkeit. Ob Brüssel ein unabhängiges Schottland aber überhaupt wieder in den Club aufnehmen würde, ist unklar.

Sie würde gerne ein unabhängiges Schottland regieren: SNP-Chefin Nicola Sturgeon.

Sie würde gerne ein unabhängiges Schottland regieren: SNP-Chefin Nicola Sturgeon.

EPA

Wie dem Auch sei: Die Befürworter des «Scexit» (wie der Entscheid zur Unabhängigkeit in Anlehnung an den «Brexit» genannt wird) lagen in Umfragen lange deutlich vorne. Inzwischen ist die Frage praktisch unentschieden, die Anspannung entsprechend hoch.

Doch selbst bei einem deutlichen Sieg der Abspaltungsbefürworter wäre nicht klar, wie es konkret weiterginge. Um über seine Unabhängigkeit abstimmen zu können, bräuchte Schottland nämlich in jedem Fall die Zustimmung der Regierung in London. Und Boris Johnson betont bei jeder Gelegenheit, dass er eine Aufspaltung des Königreichs verhindern werde.

Mit einer absoluten Mehrheit, so die Hoffnung der schottischen Regierungschefin Sturgeon, hätte die SNP aber ein klares Mandat für die Volksabstimmung und könnte mehr Druck auf London ausüben. Wann genau sich Sturgeon die Abstimmung wünschen würde, ist noch unklar. Zuletzt wollte sie nicht mehr ausschliessen, dass die Schotten möglicherweise bis 2024 warten müssen, sollte die Pandemie das Land noch weiter beschäftigen.

Angst vor weiterer Spaltung der Gesellschaft

Dass es soweit kommt, hofft der 38-jährige Schotte Miles Briggs nicht. Der 38-jährige Konservative verteilt politische Broschüren vor einem Einkaufszentrum in Edinburgh und sagt:

«Ein zweites Unabhängigkeitsreferendum wird die Gesellschaft nur weiter spalten und Zwietracht säen.»

Emiliy Brierley, die aus England zum Architekturstudium nach Edinburgh gekommen ist, sieht das anders. «Schottland hat eine sehr viel bessere Politik, was Bildung und Gleichberechtigung betrifft», sagt die 22-Jährige.

Das sieht die neu gegründete Alba-Partei genauso. Sie macht Druck auf Regierungschefin Nicola Sturgeon und fordert, dass das Unabhängigkeitsreferendum unter allen Umständen so schnell wie möglich durchgeführt werden soll. Mit den Briten wollen viele nichts mehr zu tun haben, koste es, was es wolle.