Schluss mit Revolution
Die Ära Castro ist vorbei, die Probleme bleiben – doch etwas macht den Kubanern neuerdings Hoffnung

Raúl Castro tritt von der politischen Bühne ab. Den Menschen im karibischen Inselstaat gehts miserabel. Wie weiter?

Klaus Ehringfeld aus Mexiko-Stadt
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Die Revolution vereint, behauptet das Plakat in Kubas Strassen. Doch glücklich machte sie die Inselbewohner bislang nicht.

Die Revolution vereint, behauptet das Plakat in Kubas Strassen. Doch glücklich machte sie die Inselbewohner bislang nicht.

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Seine Rede am Freitag zu Beginn des achten Parteitags der Kommunistischen Partei Kubas war vermutlich der letzte grosse Auftritt von Raúl Castro als «Erster Sekretär des Zentralkomitees». Castro, der schon 2018 als Staatschef abgedankt hatte, gibt nach zehn Jahren auch den Parteivorsitz ab. Mit immerhin 89 Jahren.

Der Parteitag, der noch bis am Montag dauert, gilt als einer der wichtigsten seit der Revolution von 1959, die Raúls grossen Bruder Fidel an die Macht brachte. Fast ein halbes Jahrhundert lang regierte der Revolutionär danach sein kommunistisches Reich und übergab den Stab dann an seinen Bruder weiter. Jetzt zieht auch Raúl den Hut, und der Vorhang für die historische Generation fällt.

Mächtiges Brüderpaar: Fidel und Raúl Castro im Jahr 2001.

Mächtiges Brüderpaar: Fidel und Raúl Castro im Jahr 2001.

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Geblieben aber sind die Probleme, die das Inselvolk täglich plagen. Die neue Führungsgeneration um den Staatschef Miguel Díaz-Canel, 60, muss schleunigst Lösungen präsentieren können. Nie seit 1959 war die Krise so tief, nie waren die Herausforderungen so komplex.

Die Coronakrise hat die Ernährungssicherheit in Gefahr gebracht, US-Sanktionen schwächen die Wirtschaft, die wegbrechende Bruderhilfe aus Venezuela und die Umsetzung der Währungsreform vom Jahresanfang machen dem Land zu schaffen.

70 Prozent arbeiten bei maroden Staatsbetrieben

Es gehe darum, Kuba in die Moderne zu führen, sich endlich zur Marktwirtschaft zu bekennen und die vor Jahren eingeleiteten Reformen nicht mehr nur halbherzig, sondern entschieden voranzutreiben, sagt Pavel Vidal, kubanischer Ökonom an der Javeriana-Universität im kolumbianischen Cali. «Die Inflation bei manchen Produkten beträgt seit der Währungsreform bis zu 500 Prozent. Kuba erlebt sein zweites Jahr in Rezession und das sechste mit fallenden Exporten», so die Horrorbilanz, die Vidal im Gespräch zieht.

Die meisten der unrentablen Staatsbetriebe, bei denen 70 Prozent der arbeitenden Kubaner angestellt sind, werden bald verschwinden. Grosse Auswirkungen für die elf Millionen Kubaner hat zudem die Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik. Zahlreiche Subventionen und Lebensmittelrationen werden perspektivisch abgeschafft.

Diese düsteren Aussichten haben zu einem Preisschock, zu Hamsterkäufen der Rationierung bestimmter Lebensmittel und vor allem zu stundenlangem Schlangestehen für praktisch jede Ware geführt. Der Unmut in der Bevölkerung ist entsprechend gross. Besser dran ist, wer Dollars hat. Die Währung des «Klassenfeindes» hilft, in den staatlichen Devisenläden einzukaufen. Dort gibt es, was es woanders kaum noch gibt: Haushaltsgeräte, Lebensmittel und Hygieneartikel.

Vom Rechtsanwalt zum Revolutionsführer. Fidel Castro, rechts, und Camilo Cienfuegos, links, am 4. Januar 1959 bei ihrem Triumphzug durch Kuba. Vier Tage später erreichen sie Havanna. Seit 1953 trat Castro als aktiver Gegner des Machthabers Fulgencio Batista auf, was 1956 zu einem dreijährigen Guerillakrieg führte. 1959 dann der Sieg.
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Am ersten 1. Januar 1959 eroberten kubanische Revolutionäre unter der Führung von Castro die Hauptstadt Havanna. Fidel Castro wurde Premierminister – sein Bruder Raul wurde Verteidigungsminister.
Premierminister Fidel Castro hält eine Ansprache vor der UN-Vollversammlung im September 1960.
Feierlichkeiten zu Ehren der sowjetischen Raumfahrt: Fidel Castro zusammen mit dem russischen Astronauten Yuri Gagarin bei einem diplomatischen Empfang in der russischen Botschaft in Kuba im Jahre 1961.
Premierminister Fidel Castro, dritter von links, zusammen mit dem sowjetischen Regierungschef Nikitia Chruschtschow, dritter von rechts, winken am 28. April 1963 bei einer Militärparade anlässlich eines Staatsbesuchs in Moskau.
Fidel Castro auf Staatsbesuch in Chile in November 1971
Der Revolutionsführer bei einer Ansprache vor seinen Anhängern im November 1968.
Nach langer Macht nun die Ablösung in Etappen: Am 1. August 2006 gab Fidel Castro wegen einer schweren Erkrankung alle seine Funktionen und Ämter vorläufig an seinen jüngeren Bruder Raul ab. Knapp zwei Jahre später erklärte Fidel seinen endgültigen Verzicht auf eine erneute Kandidatur als Staatspräsident. Am 24. Februar 2008 wählte das Parlament seinen Bruder Raúl zu seinem Nachfolger.
Am 19. April 1011 wurde Raul Castro zum ersten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas ernannt. Zum ersten Mal seit der Gründung der Partei vor 46 Jahren ist Fidel Castro nicht mehr in der Parteileitung.
Entspannung der Beziehungen: Während Jahrzehnten waren Kuba und die USA erbitterte Feinde. US-Präsident Barack Obama setzte sich für friedliche Beziehungen ein und besuchte Kuba als erster US-Präsident seit der Revolution.
Der Revolutionär ist nicht mehr: Fidel Castro verstirbt am 25. November 2016 in Havanna.
Von 2008 bis 2018 war Fidels Bruder Raul Castro Präsident Kubas. Am 19. April 2018 wurde Miguel Díaz-Canel vom Parlament zu Rauls Nachfolger gewählt. Allerdings bleibt Castro Parteichef und damit mächtigster Mann im Staat.
Die Castro-Ära geht zu Ende. Raul Castro zieht sich komplett aus der Politik zurück und gibt das Amt des ersten Sekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas ab.

Vom Rechtsanwalt zum Revolutionsführer. Fidel Castro, rechts, und Camilo Cienfuegos, links, am 4. Januar 1959 bei ihrem Triumphzug durch Kuba. Vier Tage später erreichen sie Havanna. Seit 1953 trat Castro als aktiver Gegner des Machthabers Fulgencio Batista auf, was 1956 zu einem dreijährigen Guerillakrieg führte. 1959 dann der Sieg.

Keystone

Aber auch Dollars sind ein knappes Gut. Die vom früheren US-Präsidenten Donald Trump verhängten Sanktionen sind noch immer in Kraft. So musste der US-Finanzdienstleister Western Union seine Büros schliessen, weil der lokale Abwickler Fincimex auf der schwarzen Liste der Unternehmen steht. Western Union wickelte nach eigenen Angaben Zahlungen von bis zu 2,4 Millionen Dollar täglich nach Kuba ab. All dieses Geld fehlt den Familien jetzt. Und in der Coronapandemie ist zu allem Unheil auch noch der Tourismus, die wichtige Devisenquelle, komplett weggefallen. Um elf Prozent schrumpfte die Wirtschaft der Insel im vergangenen Jahr.

Die kubanische Führung hofft, dass der neue US-Präsident Joe Biden seine Ankündigungen aus dem Wahlkampf wahr macht und einige der Trump-Sanktionen zurücknimmt. Bisher hat Washington aber signalisiert, dass Kuba keine Priorität habe. Möglicherweise wartet man auch auf Signale der Öffnung am Parteitag. Dass die kommunistische Führung dem Volk aber mehr politische Freiheiten gibt oder am Einparteienstaat rüttelt, gilt als ausgeschlossen.

Gleich zwei kubanische Impfstoffe in der Pipeline

Die neue Parteiführung müsse neue Wege finden, den Inselbewohnern Wohlstand und soziale Gerechtigkeit zu bringen, fordert Michael Shifter, Direktor des Interamerican Dialogue, einem Thinktank in Washington.

«Es geht darum, das System grundlegend zu verändern und nicht einfach nur jemand Jüngeres zum Parteichef zu wählen.»

Dem stimmt ein 30-jähriger Mann aus der Stadt Santiago de Cuba zu. Die Partei habe kein Gespür für die Menschen und ihre Probleme, kritisiert er, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. «Es gibt weder Medikamente noch Lebensmittel, dafür fast täglich Übergriffe durch die Polizei.» Zu Beginn des Jahres habe er noch für zehn Pesos zu Mittag essen können, jetzt benötige er 50 Pesos. «Die meisten Produkte sind für die Mehrheit der Kubaner unerreichbar teuer geworden.»

Einen Lichtblick gibt es immerhin an der Coronafront. Kuba steht nach Angaben von Wissenschaftlern kurz vor der Produktionsreife zweier selbst entwickelter Vakzine. «Soberana 02» und «Abdala» befänden sich in der letzten Testphase und könnten noch in diesem Sommer zum Einsatz kommen. Dann wäre Kuba in der Lage, seine Einwohner mit einem eigenen Impfstoff zu schützen und so als erstes Land Lateinamerikas Herdenimmunität zu erreichen. Und Devisen würde der Verkauf des Impfstoffs natürlich auch bringen.

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