Rubelmisere
Russen kaufen Fernseher und Immobilien - bevor ihr Erspartes sich in Luft auflöst

Der russische Rubel ist im Sinkflug: Bancomaten spucken teils keine Euro- und Dollar-Noten mehr aus. Wer viel Geld hat, kauft Immobilien. Wer weniger hat, setzt auf Elektrogeräte. Heute will sich Putin zur Krise äussern.

André Ballin
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Russische Konsumenten Anfang Woche in Moskau: Wir stellen einen bedeutenden Nachfrageanstieg bei Fernsehern und grosser Haushaltstechnik fest», sagt die Sprecherin von Media Markt Russland.

Russische Konsumenten Anfang Woche in Moskau: Wir stellen einen bedeutenden Nachfrageanstieg bei Fernsehern und grosser Haushaltstechnik fest», sagt die Sprecherin von Media Markt Russland.

Keystone

An russischen Bancomaten und Wechselstuben herrscht Chaos: «Sehr geehrte Klienten, im Bankautomaten sind Euro und Dollar ausgegangen. Wir bitten um Entschuldigung für die entstandenen Unannehmlichkeiten», begrüsste beispielsweise die russische Tochter der Raiffeisenbank ihre Kunden. Einige Filialen boten an, Devisen an der Kasse abzuheben – gegen eine Kommission.

Der Kurs des russischen Rubels in den letzten 12 Monaten in Schweizer Franken.

Der Kurs des russischen Rubels in den letzten 12 Monaten in Schweizer Franken.

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Der grosse Ansturm der Bevölkerung auf Dollar und Euro blieb zwar aus, doch im Zentrum von Moskau machten eine Reihe von Wechselstuben vorsichtshalber dicht. Schlangen gab es lediglich in den Filialen der Grossbanken, allerdings verweigerten auch viele Manager dort die Auszahlung oder begrenzten sie. Wer dennoch tauschen wollte, musste enorme Kursunterschiede in Kauf nehmen. Den Vogel schoss dabei eine Bank in Murmansk ab, die für einen Euro 150 Rubel haben wollte, aber beim Ankauf nur 60 Rubel bezahlte.

Die meisten Russen verzichteten allerdings auf einen Tausch, da sie davon ausgehen, dass es ohnehin zu spät ist, auszusteigen. «Ich werde jetzt erst einmal gar nichts machen und darauf hoffen, dass sich die Lage wieder beruhigt», erklärte Ludmila, eine Moskauer Rentnerin.

Putin nimmt heute Stellung

Während ein Teil der Bevölkerung in Schockstarre verharrt, kommt die russische Führung aus ihrer langsam heraus. Zwar äusserte sich Präsident Wladimir Putin auch am Mittwoch nicht zu den Ereignissen. Sein Sprecher kündigte aber an, Putin werde auf seiner Jahrespressekonferenz am Donnerstag Stellung nehmen.

Ministerpräsident Dmitri Medwedew äusserte sich schon gestern an einer Regierungssitzung zur aktuellen Finanzkrise in Russland: «Die Kurse an den Wechselstuben haben grundlos das für die Wirtschaft komfortable Niveau verlassen.» Es seien dabei mehr «Emotionen» als Marktfaktoren im Spiel, fügte er hinzu. Die einzigen realen Gründe für den Druck auf den Rubel sind seiner Ansicht nach äussere Faktoren; der niedrige Ölpreis und die westlichen Sanktionen.

Sieht sich die Regierung auch schuldlos an der Rubelmisere, so will sie doch nicht weiter tatenlos zusehen: Medwedew wandte sich zwar gegen eine harte Regulierung des Finanzmarktes, kündigte aber Stabilisierungsmassnahmen an, wie die Vergabe von Valuta-Krediten an Banken und die stärkere Versorgung des Finanzmarktes mit Devisen. Sieben Milliarden Dollar will das Finanzministerium auf den Markt werfen, um den Rubel zu stärken.

Massnahmen zeigen erste Wirkung

Dadurch behielt die Regierung den Rubelkurs am Mittwoch deutlich besser im Griff als noch am «schwarzen Dienstag», wo die Verluste für die Landeswährung zwischenzeitlich auf über 20 Prozent gestiegen waren.

Einen klaren Aufwärtstrend zeigte der Rubel nach einem äusserst volatilen Tag allerdings erst am Abend, nachdem die Zentralbank weitere Massnahmen ankündigte. Die Zentralbank war zuvor schwer unter Beschuss geraten; auch in den staatlichen Medien. Das Organ habe durch seine Desorientierung eine Menge Vertrauen verloren, das es nur langsam wieder zurückgewinnen könne, kommentierte der Wirtschaftsexperte des Senders Vesti-24, Alexander Karejewski.

In der Bevölkerung wächst daher die Besorgnis. In erster Linie natürlich unter Geschäftsleuten: «Auf den Strassen ist alles ruhig, aber im Inneren herrscht Panik», beschreibt Wjatscheslaw, Generaldirektor einer Marketingagentur, das Gefühl, das bei vielen Russen herrscht. Auch Natalja, Managerin eines grossen staatsnahen Betriebs, ist in heller Aufregung: «Wir wissen nicht, wie wir aus der Situation mit den geringsten Verlusten herauskommen», erklärte sie. Der Betrieb habe eine Menge Kredite in Devisen aufgenommen. Wie er die nun zurückzahlen soll, wo die Einnahmen in Rubel an Wert verfallen, ist ungewiss.

Ferien im Inland boomen

Swetlana, Mitarbeiterin eines kleinen auf Skandinavien spezialisierten Reisebüros, berichtet von einem völligen Einbruch des Geschäfts. Tagelang habe sie nur Konsultationen gegeben, aber keine Reisen mehr verkauft, klagt sie. Tatsächlich ist das Tourismusgeschäft von der Rubelschwäche am stärksten betroffen. Schon in den Vormonaten hatte die russische Landeswährung geschwächelt, sodass der Verkauf von Touren nach Europa laut Irina Tjurina, Pressesekretärin des Tourismusverbandes, um 50 bis 70 Prozent zurückgegangen sei.

Der jüngste Preisschock hat auch die letzten Interessenten abgeschreckt. Der Ski-Alpin-Urlaub in der Schweiz oder in Österreich zum Jahreswechsel ist jetzt vielen Russen zu teuer. Dafür seien die innerrussischen Touren nach Sotschi, Anapa, Karelien oder auch dem Moskauer Umland sehr gefragt. «Im Radius von 200 bis 300 Kilometern um Moskau herum finden Sie jetzt kein einziges freies Hotelzimmer mehr», sagte Tjurina.

Verkauf von Fernsehern verdoppelt

Aber nicht nur in den Urlaub investieren die Russen ihre Rubel aus Angst vor weiterem Verfall. Ein regelrechter Boom herrscht am Moskauer Wohnungsmarkt. Anleger versuchen ihre Ersparnisse mit einer Immobilie zu sichern. «Es sind richtige Panikkäufe. Die Kehrseite ist nur: Viele Verkäufer weigern sich, jetzt zu verkaufen, und warten auf einen stabilen Rubelkurs«, beschreibt der Makler Juri die Lage.

Bei wem das Geld nicht für eine Wohnung reicht, der versucht, seine Ersparnisse anders vor der Inflation zu retten. «Wir stellen einen bedeutenden Nachfrageanstieg bei Fernsehern und grosser Haushaltstechnik fest. In den letzten zwei Wochen hat sich der Verkauf von Fernsehern verdoppelt», sagte die Sprecherin von Media Markt Russland Anna Trofimowa.

Es dürfte allerdings ein kurzer Winterschlussverkauf sein. Der Einzelhandel hat schon auf die Nachfrage reagiert. Etliche Zulieferer haben die Preise angehoben. Einige Geschäfte weisen ihre Waren schon in y.e. auf. Die russische Abkürzung steht für Bezugseinheit – und der ist gleichbedeutend mit dem Dollar.

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