Rückkehr des Republikaners
US-Journalist hat Ex-Präsidenten getroffen und ist sich jetzt sicher: «Trump wird kandidieren – und verlieren»

Michael Wolff hat Donald Trump kürzlich in Florida besucht. Er ist beunruhigt – und beeindruckt vom Ex-Präsidenten.

Interview: Michael Hesse
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Der Ex-Präsident bei einem Auftritt in der Stadt Sarasota unweit seiner Wahlheimat Palm Beach in Florida.

Der Ex-Präsident bei einem Auftritt in der Stadt Sarasota unweit seiner Wahlheimat Palm Beach in Florida.

Getty

Während Joe Biden in Washington gegen die wachsende Impf-Lethargie und für sein Infrastruktur-Programm kämpft, bereitet sich sein Vorgänger Donald Trump – inzwischen 75 – offenbar auf seine Rückkehr aufs politische Parkett vor. Der Republikaner hat alleine in der ersten Jahreshälfte mehr als 82 Millionen Dollar an Spenden für eine mögliche Kandidatur 2024 gesammelt.

Und auch im Bücherhandel lässt sein Name die Kassen klingeln. Während Trumps Amtszeit sind laut der «New York Times» gut 1200 Bücher über ihn erschienen. Diesen Sommer kommen 17 neue dazu, darunter der bereits dritte Trump-Wälzer des US-Journalisten Michael Wolff («77 Tage. Amerika am Abgrund: Das Ende von Trumps Amtszeit»). Wolff, 67, hat Trump kürzlich in Florida getroffen – und wagt eine beunruhigende Prognose.

US-Journalist Michael Wolff hat Trump kürzlich in Florida getroffen.

US-Journalist Michael Wolff hat Trump kürzlich in Florida getroffen.

Keystone

Herr Wolff, alle hatten Donald Trump nach der verlorenen Wahl gegen Joe Biden abgeschrieben. Etwas zu früh, wie es scheint. Laut Umfragen ist er noch immer der mit Abstand beliebteste Republikaner.

Hören Sie, der Mann ist ein Naturwunder! Er hat eine unglaubliche Energie.

Könnte er wieder Präsident werden?

Er wird wieder kandidieren – und er wird verlieren.

Hat sein Auftritt in Washington vor dem Sturm des Kapitols durch seine Anhänger am 6. Januar dieses Jahres seine Chancen verringert?

Das war der Moment, in dem die Republikaner erkannt haben, dass Trump die Unterstützung der republikanischen Basis trotz seiner Niederlage gegen Joe Biden nicht verloren hatte. Die Basis war und ist ihm nach wie vor hörig ergeben.

Das Land ist tief gespalten...

... und die Spaltung wird noch tiefer werden! Besonders, wenn Trump bis zu den Halbzeitwahlen 2022 die zentrale Figur bleibt. Dann wird ein Teil des Parlaments neu gewählt. Und dann könnten noch ganz andere Dinge passieren, als wir sie bislang erlebt haben.

Rund die Hälfte der Amerikaner unterstützen den abgewählten Ex-Präsidenten noch immer.

Rund die Hälfte der Amerikaner unterstützen den abgewählten Ex-Präsidenten noch immer.

AP

Können die Republikaner überhaupt noch ohne Trump existieren?

Die Partei würde womöglich einen eigenen Weg finden, wenn Trump sich zurückzöge. Aber zurzeit ist es sehr schwierig für einen republikanischen Politiker, Trump zu widersprechen. Trump hat die Kontrolle über die Basis und damit über die ganze Partei.

Sie haben gerade Ihr drittes Buch über Trump geschrieben («77 Tage. Amerika am Abgrund») und den Ex-Präsidenten dafür in Florida in seiner Club-Residenz Mar-a-Lago besucht. Wieso hat Trump nach Ihren letzten sehr kritischen Büchern überhaupt eingewilligt, noch einmal mit Ihnen zu sprechen?

Er hat seinen Leuten gesagt, hey, der Typ hatte eine ziemlich gute Quote im TV. Er hat mich dann eingeladen. Trump war transparent und äusserst grosszügig. Er hat mich unglaublich freundlich begrüsst und mich als grossen Schriftsteller vorgestellt. Ich durfte zum Dinner mit ihm und Melania bleiben. Es war ein sehr angenehmer Tag.

Was ist dieses Mar-a-Lago überhaupt für ein Club?

Ein ziemlich altmodischer Country-Club. Freitags gibt es die italienische Nacht mit Akkordeon-Spieler. Es gibt eine Jäger-Lodge und den Renaissance-Palast. Trump sitzt da immer im Zen­trum. Alle anderen Tische sind um seinen herum gruppiert, damit ihn alle sehen und natürlich auch hören können, wenn er seine Monologe hält. Tritt er in den Raum ein, stehen alle auf und klatschen. Das wirkt reichlich absurd.

Wie hat Trump nach vier Jahren Präsidentschaft und zwei Amtsenthebungsverfahren auf Sie gewirkt?

Der Mann ist vollkommen entspannt. Die meisten Präsidenten verlassen ihr Amt auch äusserlich schwer angeschlagen. Sie sehen viel älter aus nach ihrer Amtszeit. Nicht so Donald Trump. Er sieht blendend aus. Nicht das Amt hat ihn verändert, er hat das Amt verändert.

Wie erklären Sie sich das?

Sein Leben in Mar-a-Lago ist vollkommen gleich wie jenes zuvor im Weissen Haus. Er hat immer noch eine Menge Meetings. Die Leute treffen ihn, und Trump macht das, was er immer macht: Er redet und redet. Es ist das, was er am liebsten macht, sich selbst zu hören.

Vor einer Woche hatte Trump einen fast zweistündigen Auftritt in Phoenix, Arizona.

Youtube

In Ihrem Buch beschreiben Sie Trumps Team als «Speichellecker» und «totale Chaoten», etwa seinen Anwalt, den früheren New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani.

Giuliani war immer betrunken, mindestens sagte Trump das stets zu allen. Aber Giuliani sagte Trump eben das, was er hören wollte. Giuliani war in einem konstanten Zustand der Erregung. Er versuchte, die Gunst des Präsidenten für sich zu gewinnen, indem er seine Obsessionen befeuerte.

Giuliani war aber nur einer von vielen Beratern.

Die Leute, die für Trump gearbeitet haben, haben ihn immer nur mit guten Neuigkeiten versorgt. Er war immer von Leuten umgeben, die ihm nicht die Wahrheit sagten, sondern das, was er hören wollte.

Wäre seine Präsidentschaft mit einem anderen Team anders verlaufen?

Nein, Trump ist zu verrückt. Sein Verhalten, seine Denkweise und seine Entscheidungen entsprechen nicht dem, was der Job des Präsidenten erfordert.

Wie stark hat Trump Ihrer Meinung nach die USA verändert?

Die Hälfte des Landes glaubt an die von ihm verbreiteten alternativen Fakten und folgt einer vollkommen verrückten Person, bis heute.

Das neue Buch von Michael Wolff.

Das neue Buch von Michael Wolff.

Keystone

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