Reportage
Bosnien in der Krise: Das Land, das den Balkan den Frieden kosten könnte

Bosnien-Herzegowina steht am Rande des staatlichen Verfalls. Ein mächtiger Politiker droht mit der Abspaltung des serbischen Landesteils. Das erinnert an die Wurzel der Jugoslawienkriege. Unsere Reporterin war in einem Land unterwegs, das Potenzial hat, den nächsten Flächenbrand auszulösen.

Carolina Drüten, Sarajevo und Banja Luka
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Ein Wandgemälde in Banja Luka zeigt Kriegsverbrecher Ratko Mladic, daneben der Satz: «Die Vereinigung hat begonnen und kann nicht mehr gestoppt werden.»

Ein Wandgemälde in Banja Luka zeigt Kriegsverbrecher Ratko Mladic, daneben der Satz: «Die Vereinigung hat begonnen und kann nicht mehr gestoppt werden.»

Carolina Drüten

Ein neues Wandbild ziert eine Strasse in Banja Luka. Streng blickt der bosnisch-serbische General auf die vorbeieilenden Passanten, von denen ihn kaum einer beachtet. Ratko Mladic ist für das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich, er liess Tausende Muslime ermorden. Seine Befehlshaber träumten von einem ethnisch reinen Serbenstaat. Neben ihn hat der unbekannte Künstler eine Botschaft gepinselt: «Die Vereinigung hat begonnen und kann nicht mehr gestoppt werden.»

Bosnien durchlebt die schwerste politische Krise seit dem Jugoslawienkrieg. Der mächtige Serbenführer Milorad Dodik droht implizit mit der Abspaltung seines Landesteils – und weckt Sorgen vor einem neuen Flächenbrand in der vielleicht volatilsten Region Europas.

Der Mann, der die Region in Atem hält, tritt in einen Raum mit Kronleuchter und rotem Teppich. Zur Begrüssung reicht er die Hand. «Herr Dodik, wollen Sie Ihren Landesteil abspalten?» Dodik schliesst die Augen und reibt sich die Schläfen. «Niemand hier plant eine Sezession», sagt er. Die Option einer eigenen Armee aber hält er sich offen.

Der Krieg ist beendet, geblieben ist ein beinahe unregierbarer Staat

Milorad Dodik beim Gespräch mit unserer Reporterin in Banja Luka.

Milorad Dodik beim Gespräch mit unserer Reporterin in Banja Luka.

Carolina Drüten

Sein Vorhaben, sagen Beobachter, komme einer Abspaltung gleich. Mitte Dezember stimmte das bosnisch-serbische Parlament in Banja Luka für den Rückzug aus staatlichen Institutionen. «Bosnien ist ein Experiment», sagte Dodik damals. «Ich glaube nicht, dass es überleben kann.» Er will alle nach dem Krieg durchgeführten Reformen rückgängig machen und zur Verfassung von 1995 zurückkehren, in der der Staat nur durch grundlegende Institutionen vertreten war. Das schrieb das sogenannte Abkommen von Dayton fest.

Zwar beendete es den Krieg, der allein in Bosnien rund Hunderttausend Menschen das Leben gekostet hatte. Aber es zementierte ethnische Gräben und schuf einen nahezu unregierbaren Staat. Seitdem besteht Bosnien aus zwei Landesteilen, der serbisch-dominierten Republika Srpska und der Föderation Bosnien-Herzegowina, wo überwiegend muslimische Bosniaken und katholische Kroaten leben. Statt einem nationalen Bildungsministerium gibt es 13 regionale.

Die Menschen in Bosnien leiden unter Korruption und Misswirtschaft

Aleksandar Trifunovic, Hornbrille und Karo-Hemd, könnte es seinen beiden Töchtern nicht verdenken, wenn sie eines Tages auswandern. «Ich kämpfe für ein besseres Morgen», sagt er und nimmt einen Schluck Bier im Schankraum einer lokalen Brauerei. «Aber ich habe kein Recht, von meinen Töchtern dasselbe zu verlangen.»

Aleksandar Trifunovic

Aleksandar Trifunovic

Carolina Drüten

Müde, das Wort verwenden viele Menschen, wenn man sie nach ihrem Befinden fragt. Bosnien ist mit Machthabern gestraft, die jedes Potenzial im Keim ersticken; Korruption und Misswirtschaft lähmen das Land. Junge Leute verlassen scharenweise das Land, weil Perspektiven fehlen. Sprachschulen schiessen wie Pilze aus dem Boden; Deutsch ist besonders beliebt.

Trifunovic betreibt eine der wenigen unabhängigen Nachrichten-Webseiten. Enthüllt er aber die Machenschaften korrupter Politiker, geschehe nichts, sagt er. Kürzlich hat er begonnen, in seiner Freizeit Sauerteigbrot zu backen – da sehe man wenigstens ein Ergebnis.

Meint es Dodik ernst mit der Abspaltung?

Und Dodik? Der habe Macht und Geld, findet Trifunovic, «was will er denn noch?» Diese Frage stellen sich hierzulande viele. Ist Dodik ein Idealist, meint er es ernst mit der Abspaltung. Ist er Opportunist, will er der EU lediglich Zugeständnisse abpressen.

Bis vor etwa einem Jahr hätte er ihn einen Opportunisten genannt, sagt ein ehemaliger Weggefährte. «Heute bin ich mir nicht so sicher.» Vojin Mijatovic begann seine politische Karriere an Dodiks Seite. Damals, Ende der 90er, galt der als Reformer und pro-europäisch. Es kam zum Bruch, politisch wie persönlich. Mijatovic ist nun Vizepräsident der Oppositionspartei SDP. Eines sei momentan gewiss, sagt er am Telefon:

«Dodik ist bereit, bis zum Ende zu gehen.»

Der mächtige Serbenpolitiker selbst bestreitet das. Angst vor einem neuen Konflikt? Völlig unbegründet, versichert Dodik im Gespräch. «Wir sehen keinen Grund zur Beunruhigung», sagt er. Viele sehen das anders.

An den nördlichen Ausläufern des Vlasic-Gebirges verläuft die unsichtbare Grenze zwischen der Serbenrepublik und der Föderation Bosnien-Herzegowina, kyrillische Aufschriften weichen lateinischen. Knapp 200 Kilometer, dreieinhalb mühsame Autostunden, trennen Banja Luka und die bosnische Hauptstadt Sarajevo.

Die Sorge in Sarajevo ist greifbar

Sabina Cudic ist Mitglied im Repräsentantenhaus des Parlaments der Föderation – und damit Teil eines politischen Systems, das so kompliziert ist, dass es kaum jemand versteht. Früher hat die 39-Jährige darüber an der Universität in Sarajevo gelehrt. «Die Studenten haben es nicht begriffen», sagt sie und nimmt auf einer braunen Ledercouch im Café des nationalen Parlaments Platz. Die sozialliberale Partei Nasa stranka, der sie angehört, beschreibt sie als die einzig echte multiethnische.

Sabina Cudic, für die Partei Nasa stranka im Repräsentantenhaus des Parlaments der Föderation.

Sabina Cudic, für die Partei Nasa stranka im Repräsentantenhaus des Parlaments der Föderation.

Carolina Drüten

Während in Banja Luka viele Menschen abwinken, wenn man sie nach der Gefahr von Dodiks Politik fragt, ist die Sorge in Sarajevo greifbar. Sie beantworte täglich Nachrichten von Freunden und Verwandten, erzählt Cudic:

«Sollen sie sich auf einen Krieg vorbereiten, sollen sie ihre Kinder ins Ausland schicken? Der Krieg ist zurück in unserem kollektiven Trauma.»

Davon will Armina Pjalovic nichts wissen. Fragt man sie nach ihrer Ethnie, ihren Nöten oder nach Dodik, dann antwortet sie zwar, schiebt aber gleich hinterher, dass man das doch bitte nicht schreiben solle. Lieber erzählt sie von bosnischen Start-ups, von Kunstprojekten in Sarajevo und von der Vielfalt der hiesigen Küche. Eine Patriotin im besten Sinne.

Sie hat als Treffpunkt das bekannte «Wiener Café» ausgesucht. Zigarettenrauch hängt in der Luft – in Bosnien wird so gut wie überall geraucht. «Wenn wir erst EU-Mitglied sind, hören sie vielleicht auf damit», spottet Pjalovic. Nach dem Krieg hat sie 17 Jahre lang für Nichtregierungsorganisationen gearbeitet. Irgendwann konnte sie nicht mehr. Sie, die ihr Land so liebt und jeden Tag mit seinen schlechten Seiten konfrontiert war. Heute ist sie Touristenführerin, eine Botschafterin, sagt sie. «Meet Bosnia» heissen die Touren, das nimmt sie wörtlich.

Am liebsten zeigt sie Reisenden eine kleine, knallrot angestrichene Konditorei in der Altstadt. Dort gibt es die berühmten Dzandar Baklava, Blätterteigröllchen mit süsser Nussfüllung. Pjalovic bestellt Mandel und Walnuss. «Wissen Sie, hier gibt es viel Schlechtes. Aber unser Land bringt eben auch solche Köstlichkeiten hervor», sagt sie. «Darin stecken unsere Liebe, unsere Geschichte – und gute bosnische Zutaten.»