Homosexualität
Religiöser Wahn in Brasilien: Bundesrichter erlaubt die «Therapie» von Homosexuellen

Seit 1999 durften Psychologen in Brasilien keine «Therapien» für Homosexuelle anbieten. Doch jetzt kippte ein Bundesrichter diesen Entscheid.

Fabio Vonarburg
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In Brasilien soll Homosexualität wieder «therapiert» werden dürfen.

In Brasilien soll Homosexualität wieder «therapiert» werden dürfen.

Keystone

Die brasilianische Psychologin Rozângela Alves Justino fühlt sich von Gott geleitet, homosexuellen Menschen zu helfen. Denn für die Psychologin steht fest: Homosexualität ist eine Krankheit. Menschen würden sich dann zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, «wenn sie in Kindheit und Jugend missbraucht wurden und es genossen haben».

Zudem betonte sie einmal gegenüber der Zeitung «Folha de Sao Paulo», sie habe schon Hunderte von Homosexuellen geheilt. Ihre wirren Ansichten kosteten sie ihre Berufslizenz.

Denn der brasilianische Rat für Psychologie hielt in einer Resolution 1999 fest: «Homosexualität ist weder eine Krankheit, noch eine Störung, noch eine Perversion.» Des Weiteren verbietet das Papier des Berufsverbandes den Psychologen, Therapien anzubieten, die die Heilung von Homosexualität versprechen. Damit folgte der Rat der Weltgesundheitsorganisation, die am 17. Mai 1990 Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten strich.

Doch nun die Wende: Der brasilianische Bundesrichter Waldemar de Carvalho hiess diese Woche eine Einsprache von Justino gut und erklärte damit den Entscheid des Rates von 1999 für nichtig.

Begründung: Das Therapie-Verbot verstösst laut dem Richter gegen die Forschungsfreiheit, die durch die Verfassung geschützt ist. Zudem heisst es im Urteil: Homosexualität sei zwar keine Krankheit, dennoch dürften Psychologen nicht daran gehindert werden, Homosexuelle zu therapieren, die freiwillig eine sexuelle Umorientierung wünschen.

Der Rat der Psychologie reagierte entsetzt auf das Urteil und kündigte umgehend an, juristisch dagegen vorzugehen. Ratspräsident Rogério Giannini sprach gegenüber dem «Guardian» von einem grossen Rückschritt: «Es gibt keinen Weg, etwas zu heilen, das keine Krankheit ist.» Die ernsthafte akademische Debatte solle nicht von religiösen konservativen Haltungen beeinflusst werden.

Verschiedene homophobe Kreise haben Auftrieb in Brasilien: Die Bewegung der Evangelikalen wächst. Im Jahr 2000 zählte die Glaubensgemeinschaft 26 Millionen Anhänger, zehn Jahre später waren es bereits 46 Millionen.

Die Evangelikalen tun sich dabei mit politisch rechtsgerichteten Kreisen zusammen. Gemeinsam protestierten sie im letzten Monat gegen eine Ausstellung mit homosexueller Kunst – bis sie geschlossen wurde. Und erst in der vergangenen Woche hat ein Richter im Bundesstaat São Paolo die Aufführung eines Theaterstückes verboten, in dem Jesus ein Transgender ist. Selbst Seifenopern geraten ins Visier. Die Forderung: Alle Homosexuellen Figuren sollen aus dem Fernseher verschwinden.

Über Instagram meldete sich auch eine der berühmtesten Sängerinnen Brasiliens zu Wort, Ivete Sangalo. «Die Kranken sind diejenigen, die an diese grosse Absurdität glauben.»

Und auch Popstar Anitta machte ihrer Wut über Instagram Luft: «Das ist es, was in meinem Land passiert. Menschen sterben, hungern, die Regierung tötet das Land mit Korruption, keine Bildung, keine Krankenhäuser, keine Möglichkeiten ... und die Behörden verschwenden ihre Zeit damit, zu verkünden, dass Homosexualität eine Krankheit sei»