Rechtspopulistin
«Banlieue-Horden» und Übergriffe auf Polizisten: Von den Gewaltexzessen in Frankreich profitiert Marine le Pen

Wegen zunehmender «Verrohung der Gesellschaft» werden im Nachbarland Rufe nach autoritärer Führung lauter.

Stefan Brändle, Paris
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Gewalttätige Proteste und Übergriffe: Viele französische Polizisten fürchten sich inzwischen vor Einsätzen in den berüchtigten Pariser Banlieues.

Gewalttätige Proteste und Übergriffe: Viele französische Polizisten fürchten sich inzwischen vor Einsätzen in den berüchtigten Pariser Banlieues.

Agency / Anadolu

Sie wollen «dienen, nicht sterben», lautete am Mittwoch die Parole der stark besuchten Polizistendemo in Paris. Grund war die eiskalte Ermordung zweier Ordnungshüter durch einen Dealer und zuvor durch einen Jihadisten. Viele Flics klagten an dem Treffen über die Justiz, die Straftäter zu oft auf freien Fuss setze, wenn die Kripo sie endlich einmal gefasst habe.

Solche Voten finden in Frankreich derzeit ein starkes Echo. Das galt vor einem Monat schon für den Aufruf von 20 pensionierten Generälen, laut denen «Banlieue-Horden» Frankreich bedrohten, was eine «Intervention der Armee» auslösen könne. Erstaunlicherweise teilen 58 Prozent der Franzosen den Befund des umstrittenen Appells, Frankreich sei «am Zerfallen». Bereits vor ein paar Jahren gaben in einer Erhebung 87 Prozent der Franzosen an, sie wünschten sich im Elysée «einen wirklichen Chef, der für Ordnung sorgt». 40 Prozent sprachen sich für eine «autoritäre» Staatsführung aus.

Franzosen haben genug von der Alltagsgewalt

Drohen in Frankreich antirepublikanische, gar aufrührerische Bewegungen? Robert Badinter, die graue Eminenz der französischen Sozialisten, gibt Entwarnung: Die demokratischen Kontrollinstanzen funktionierten. Ebenso sicher ist allerdings, dass die Franzosen genug haben von der immer extremeren Alltagsgewalt, vor allem in den Banlieues. Ein Geschichtslehrer: enthauptet. Ein Buschauffeur in Bayonne: totgeschlagen. Ein 15-Jähriger namens Yuriy: in Paris von einer Gang halbtot geprügelt.

Sie profitiert von den Rufen von immer mehr Franzosen nach autoritärer Ordnung: Rechtspopulistin Marine le Pen.

Sie profitiert von den Rufen von immer mehr Franzosen nach autoritärer Ordnung: Rechtspopulistin Marine le Pen.

Thibault Camus / AP

Wer aber in Frankreich «banlieue» sagt, meint «Immigration». Dabei sind die meisten Opfer der Drogenbanden, Radikalsalafisten oder Quartier-Caïds selber Immigranten. In Ivry-sur-Seine, gleich an Paris anschliessend, wurde vergangene Woche ein Mädchen karibischer Abstammung namens Marjorie von einem 14-Jährigen nach einem Snapchat-Streit erstochen. Ihre Mutter sprach der Nation aus dem Herzen, als sie bedauerte, dass der Mörder mit einer leichten Strafe davonkommen werde, weil er minderjährig sei.

Sieg der Rechtspopulistin rückt näher

Der konservative Präsidentschaftskandidat Xavier Bertrand verlangt nun die Senkung der Strafmündigkeit auf 15 Jahre. Darauf wurde ihm vorgeworfen, er eifere Marine Le Pen nach, die auf den Schockwellen der Empörung surft. Immer mehr Politologen warnen dagegen, in Frankreich rücke wohl nicht ein Militärputsch näher, aber der Wahlsieg der xenophoben Rechtspopulistin - weshalb man ihr das Thema nicht länger überlassen könne.

Neben diesen erschreckenden Vorfällen zeigten Polizisten an ihrer Demo in Videos, wie sie von Exponenten des Schwarzen Blocks mit Säure beworfen oder bei Vorstadt-Missionen mit Feuerwerk beschossen werden. Das Wort des «staatlichen Gewaltmonopols» scheint heute fast in sein Gegenteil verkehrt: Die Flics haben Angst, wenn sie zum Banlieue-Einsatz eingeteilt – und nachher wegen Polizeigewalt angeklagt werden.

Der ehemalige Brexit-Unterhändler Michel Barnier, der nächstes Jahr als gemässigter Gaullist für das Elysée kandidieren will, fordert nun einen europaweiten Immigrationsstop. Fazit: Angela Merkels Willkommenskultur von 2015 liegt in Frankreich weit zurück.