MH14
Radarspezialist: «Abschuss war gewollt – man wusste, auf was man schiesst»

Ein deutscher Hochfrequenzingenieur und Radar-Experte erklärt, weshalb die Boeing wohl nicht aus Versehen abgeschossen wurde. Der Abschuss sei eine Folge fataler Fehlentscheidungen.

Nadja Rohner
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Radar-Experte Rolf Heine: «Beim hochkomplexen Waffensystem «BUK» ist es eigentlich ausgeschlossen, dass man nicht weiss, worauf man schiesst.» Im Bild: ein russisches Model BUK M2

Radar-Experte Rolf Heine: «Beim hochkomplexen Waffensystem «BUK» ist es eigentlich ausgeschlossen, dass man nicht weiss, worauf man schiesst.» Im Bild: ein russisches Model BUK M2

Keystone

Nach wie vor ist nicht klar, ob die Boeing 777 mit Absicht oder aus Versehen abgeschossen wurde. Auf Facebook meldet sich nun ein deutscher Hochfrequenzingenieur zu Wort.

Rolf Heine glaubt nicht an eine Verwechslung der zivilen Boeing mit einem Militärflugzeug. «Eine Boeing 777 erzeugt einen derart riesigen Radarquerschnitt, dass der Radarschirm förmlich "überquillt".» Nur ein Flugzeug vom Typ Antonow könnte da noch mithalten – aber die würde laut Heine nicht wie die Boeing in zehn Kilometern Höhe über die Ostukraine fliegen.

Der 54-jährige Heine ist Diplomingenieur für Elektrotechnik mit Fachgebiet Hochfrequenztechnik/Radartechnik, er hat an der Universität der Bundeswehr in München studiert. 14 Jahre lang war er in der elektronischen Aufklärung tätig, davon vier Jahre in der Aufklärung militärischer Radargeräte als Offizier der Bundeswehr. „Die russischen Radargeräte mit ihren Stärken und Schwächen sind mir deshalb gut bekannt, sowie ihre personelle und materielle Logistik und die technischen Daten.“ In Heines Unternehmen werden heute Militärantennen für taktische Anwendungen hergestellt.

Das System BUK-M, mit welchem das Flugzeug abgeschossen worden sein soll, sei «ein hochkomplexes System, das zur Bedienung und Steuerung etwa 80 sehr gut ausgebildete Soldaten benötigt». Die technischen Offiziere würden für die Bedienung mehrere Jahre in einem Studium instruiert. «Das System erfordert zudem ständige Schulung und ein vollständig eingespieltes Team von Spezialisten.»

Heine: «Meiner Meinung nach ist dieser Abschuss eine Folge von fatalen Fehlentscheidungen. Ich bin mir sicher, dass der Mann am Bildschirm erkannte, was er da sah, und er hatte es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch gemeldet.» In der Befehlskette sei der Radarbeobachter aber der Letzte, der etwas zu sagen hat. «Die Befehlshaber haben den Abschuss befohlen, bevor das Ziel aus der Reichweite war.»

Zur These, die Rakete könnte am eigentlichen Ziel – einem Militärtransporter - vorbeigeflogen sein und dann Kurs auf die Zivilmaschine genommen haben, sagt Ingenieur Heine klar: «Das ist nicht möglich.» Der Radarquerschnitt der Boeing sei derart groß, dass sie beim Abschuss der Rakete auf jeden Fall sichtbar gewesen sein müsse.

Wer immer die Rakete abgeschossen habe, hätte gewusst, dass die selbststeuernde Rakete dieses Ziel anfliegen würde.

«Für den Systemleitstand musste aufgrund der Flugrichtung auch erkennbar sein, dass das Flugzeug in Richtung Russland flog. Warum sollte eine ukrainische Militärmaschine in 10 Kilometern Höhe wenige Kilometer vor der Grenze Kurs auf Russland halten? Das Flugzeug wäre dann von den Russen zur Landung gezwungen oder gar bekämpft worden.»

Für die Separatisten habe also gar keine Veranlassung zum Schuss bestanden, folgert Heine. «Auch das ist ein Beleg für die These, dass übergeordnete, lokale, überforderte Kommandeure der pro-russischen Separatisten den Abschuss befohlen hatten. Der Abschuss war gewollt, er wurde von Kommandeuren befohlen und zumindest Teile der Systembesatzung wussten, auf was sie da schießen», ist der Ingenieur überzeugt.

Allerdings wirft Boris Reitschuster, deutscher Journalist und Russland-Korrespondent, ebenfalls auf Facebook ein: "Das Problem ist, dass die Separatisten keine gute Radarabdeckung haben, so sagen das Experten. Das sei genau das Problem: Sie haben Abschussraketen, aber keine Möglichkeit, den Luftraum zu überwachen, wie reguläre Streitkräfte. Nur immer Momentaufnahmen, weil sie Angst haben, durch das Anschalten ihrer ohnehin nur lokalen Radars von den Ukrainer geortet zu werden. Unter diesen Umstände, so die Militärexperten, sei eine Verwechslung nicht nur möglich, sondern geradezu wahrscheinlich."

Ein Motiv für ein absichtliches Abschießen sehe er auf Seite der Separatisten und Russlands nicht. "Den Ukrainern könnte man theoretisch eines unterstellen, wie das in Moskauer Internet-Foren bereits geschieht. Aber ohne jegliche Anhaltspunkte ist das infam. Die Experten sagen übrigens auch, da die Ukraine volle Lufthoheit in dem Gebiet hätte, wäre ein Einsatz von Boden-Luft-Raketen für sie dort nicht nur unsinnig, sondern hochriskant – sie könnten ja nur eigene Flugzeuge treffen."

Rolf Heine hierzu: „Die Radarabdeckung spielt hier keine Rolle. Das BUK-M Radar hat eine genügend große Reichweite, nämlich 85 km. Das reicht für ein Abdeckung von mehr als 15000 km2. Auch wenn es sich nicht um das modernste System handeln sollte, so ist es doch vollkommen ausreichend für die Unterscheidung einzelner Flugzeugtypen.“

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