Türkei
Präsident in Schockstarre: Als Erdogan sogar das Beten vergass

Nach der Niederlage bei der Parlamentswahl ist Präsident Erdogans AKP-Partei ist bis ins Mark erschüttert. Allgemein herrscht das Gefühl, dass eine Ära zu Ende gegangen ist.

Thomas Seibert, Istanbul
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Präsident Recep Erdogan und seine Regierungspartei AKP sind die Verlierer der Parlamentswahlen in der Türkei.

Präsident Recep Erdogan und seine Regierungspartei AKP sind die Verlierer der Parlamentswahlen in der Türkei.

Keystone

Wie zu einer Beerdigung versammelt sich die Führungsriege der Regierungspartei AKP am späten Sonntagabend auf dem Balkon des Partei-Hauptquartiers in Ankara, vor dem ihre ratlose Anhängerschaft wartet. Traurige Mienen in grauen Anzügen reihen sich auf der Empore aneinander, kraftlos winken die Parteioberen dem Fussvolk zu. Manche der AKP-Granden blicken sich gegenseitig betreten an.

Auf dem Balkon müht sich AKP-Chef und Ministerpräsident Ahmet Davutoglu mit einer Rede ab, in der er so tut, als habe seine Partei gerade einen neuen strahlenden Sieg errungen. Dabei hat die AKP bei der Parlamentswahl nach mehr als zwölf Jahren und einer unvergleichlichen Siegesserie unerwartet die Regierungsmehrheit verloren.

Schon in guten Zeiten ist Davutoglu kein mitreissender Redner. Jetzt springt überhaupt kein Funke mehr über. Die Menge jauchzt nur ein einziges Mal auf – als Davutoglu den Namen Recep Tayyip Erdogan erwähnt. Doch Erdogan fehlt auf dem Balkon, und er ist auch sonst nirgendwo zu sehen. Der Präsident, der in den Wochen des Wahlkampfs allgegenwärtig war, ist abgetaucht und in der AKP fühlen sich viele plötzlich sehr allein.

Schockstarrer Präsident

Wie der Präsident reagierte, als er das Ausmass des Debakels begriff, berichtete ein normalerweise sehr gut informierter Informant auf Twitter. Unter dem Pseudonym «Fuat Avni» prophezeit ein zum Erdogan-Gegner gewordenes Mitglied des engeren Zirkels um den Präsidenten immer wieder präzise bevorstehende Polizeiaktionen gegen Regierungskritiker und andere Details. Über Erdogans Reaktion auf den Wahlausgang schrieb «Fuat Avni», der Präsident sei in Schockstarre wie angewurzelt auf seinem Stuhl sitzen geblieben. Sogar die vorgeschriebenen Gebetszeiten habe der fromme Muslim vergessen. Noch in der Nacht begann die von Korruptionsskandalen umwitterte Regierung laut «Fuat Avni» mit der Vernichtung inkriminierender Dokumente.

Erst gestern Montagmittag nahm der Präsident erstmals öffentlich Stellung. Er ermahnte die Parteien zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Wahlergebnis. Angesichts der hohen Wahlbeteiligung sei das Ergebnis eine verlässliche Abbildung des Wählerwillens. Immerhin, sagen einige von Erdogans Gegnern: Der Präsident nimmt das Wahlergebnis an. Stimmt das wirklich? Fügt sich der Kämpfer Erdogan in sein Schicksal? Manche glauben nicht daran. Der Präsident müsse sich nun entscheiden, ob er sich an die Spielregeln der Verfassung halten wolle oder nicht, sagt der Meinungsforscher Tarhan Erdem. Wenn er sich weiter so aufführe wie bisher und alle Andersdenkende ausgrenze, werde es unmöglich, zwischen den verschiedenen Parteien einen Kompromiss für eine Koalition zu finden.

Türken wollen Erneuerung

Die Hoffnung macht sich breit auf eine neue Zeit, in der Regierungsgegner nicht mehr jeden Tag beschimpft oder mit Strafanzeigen überzogen werden. Die Wähler wollten eine Erneuerung der Politik, sagt der Journalist Ali Bayramoglu, einer der wenigen unabhängig gebliebenen Köpfe bei der regierungsnahen Zeitung «Yeni Safak». Hayati Yazici, ein früherer Minister aus Erdogans Regierung fordert die AKP zur Selbstkritik auf.Zue

rst stellt sich jetzt die Frage, ob der Präsident nun den nominellen AKP-Chef und Premier Davutoglu zum Sündenbock macht und durch einen neuen Gefolgsmann ersetzt. Der Historiker Ahmet Insel ist überzeugt, dass dies Rückzugsgefechte eines Politikers wären, der seine beste Zeit hinter sich hat: «Die Ära Erdogan ist vorbei.»

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