Interview
Peter Maffay: «Der Mauerfall war ein Triumph der Gefühle»

Erinnerungen Peter Maffay (65) ist einer der erfolgreichsten Musiker Deutschlands. Im Interview spricht er über den Mauerfall, die Flucht aus dem Rumänien von Diktator Ceausescu und die politische Bedeutung von «Über sieben Brücken musst Du gehn».

Reinhold Hönle
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«Ich bekam einen Knoten im Hals.»: Peter Maffay über den Fall der Berliner Mauer.

«Ich bekam einen Knoten im Hals.»: Peter Maffay über den Fall der Berliner Mauer.

Keystone

Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit des Mauerfalls?

Rocksänger mit Herz

Peter Maffay wurde am 30. August 1949 als Peter Alexander Makkay im siebenbürgischen Brasov (Kronstadt) geboren und wanderte 1963 mit seiner deutschen Mutter und seinem ungarischen Vater aus Rumänien nach Bayern aus. «Du» machte ihn 1970 über Nacht zum Star. Seither hat er über 40 Millionen Platten verkauft und sich vom Schlager- zum Rocksänger entwickelt. Mit 16 Alben hat er die Spitze der deutschen Hitparade erobert und ist damit erfolgreicher als jeder andere Künstler. Sein bekanntestes Lied «Über sieben Brücken musst du geh’n» ist eine Coverversion des Hits der DDR-Gruppe Karat. Sein soziales Engagement, speziell mit dem «Tabaluga»-Projekt für benachteiligte Kinder, trug ihm das Bundesverdienstkreuz ein. Maffay, der in vierter Ehe verheiratet ist und zwei Kinder hat, lebt im bayrischen Tutzing und auf einer Finca auf Mallorca.

Peter Maffay: Die Stimmung, dass sich etwas tun würde, war schon länger da. Wir haben das gemerkt, wenn wir mit Menschen aus dem damaligen Osten zu tun hatten. Nachdem wir 1986 in Rostock begonnen hatten, in der DDR zu spielen, hatten wir dort etliche Freunde und Bekannte. Bereits als ich kurz vor dem Mauerfall in Prag war, knisterte es an allen Ecken und Enden. Als ich dann wieder zu Hause in Westdeutschland war, sah ich im Fernsehen diese Bilder von völlig konsternierten DDR-Volkspolizisten, die dastanden und nicht wussten, wie sie auf die Aufhebung der Reisebeschränkungen reagieren sollten.

Welche Gefühle hat das in Ihnen geweckt?

Da war die Angst, dass sich das in die falsche Richtung entwickeln könnte. Wenn irgendjemand von einer Schusswaffe Gebrauch gemacht hätte, hätte das zu einer Eskalation führen können, die unvorstellbar gewesen wäre: Zu einem Dritten Weltkrieg. Die Nervosität der Russen, übertragen auf ihre Partnerländer, war physisch spürbar. All das führte bei mir zu einer extremen inneren Anspannung und gleichzeitig auch zu einem erlösenden Glücksgefühl, da es einen immensen Symbolcharakter hatte, als Tausende über die Mauer sprangen und alles friedlich blieb.

Welches war Ihre erste Begegnung mit DDR-Bürgern nach diesem Ereignis?

Am nächsten Morgen bin ich von Starnberg nach München gefahren. Vor mir fuhr ein Trabant mit fünf Leuten drin. Sie hupten und winkten und machten das Victory-Zeichen. Da bekam ich einen Knoten im Hals, das hat mich total umgehauen. So wurde die friedliche Revolution für mich in Bayern zum ersten Mal greifbar. Da waren sie, die Jungs aus der DDR! Dieses über 40-jährige Gefängnis hat mit einem Schlag zu existieren aufgehört. Dass die Menschen euphorisiert waren bis zum Abwinken und ihre Freiheit in jeglicher Form ausgekostet haben, ist selbstverständlich. Es war ein Triumph der Gefühle und des Bewusstseins, dass man selbst solch eine Mauer, wie sie in den Köpfen, in der Politik und in physischer Form existiert hatte, überwinden kann, wenn man es nur fest genug will und zusammenhält.

Sie sind selbst unter einem diktatorischen Regime aufgewachsen. Was haben Sie in Ihren ersten Lebensjahren an Unterdrückung erlebt?

Ich war 14 Jahre alt, als wir aus Rumänien ausreisten. Menschen in einem freien Staat sind in diesem Alter schon ziemlich mündig, weil die Erziehung und das Bewusstsein, in welcher Staatsform und Gesellschaft man lebt, viel aufgeklärter ist. Unter Ceausescu wurde dies von uns Kindern ferngehalten. Es gab eine Orientierung und nur die war erlaubt. Alles andere galt als abweichlerisch und gefährdete die eigene Laufbahn in Schule und Beruf. Wenn die Kritik allzu deutlich wurde, bedeutete dies für die Erwachsenen Knast.

Wie viel davon bekamen Sie mit?

Diesen Druck haben wir Kinder nicht in so differenzierter Form gespürt. Aber er war da. Später habe ich verstanden, warum plötzlich Fächer in deutscher Sprache aus dem Unterricht gestrichen wurden und wir nur noch Rumänisch sprechen durften. Zuerst fanden wir das nur lästig, aber dann merkten wir, dass es darum ging, die deutsche Sprache und Kultur in Siebenbürgen zu absorbieren und in einem System uniformer rumänischer Nationalität aufgehen zu lassen.

Wie hat Ihre Familie darunter gelitten?

Mein Vater tauchte manchmal tagelang nicht mehr zu Hause auf, nachdem er wieder einmal auf der Strasse angehalten und mitgenommen worden war. Da wir in ständiger Angst lebten, haben meine Eltern ganz offiziell eine Ausreisegenehmigung beantragt. Eine Chance besass nur, wer nachweisen konnte, dass er Verwandte ersten Grades im westlichen Ausland hatte. Aber auch das war noch lange keine Garantie.

Aber 1963 durften Sie endlich ausreisen.

Wir haben einen Slot von ein paar Tagen bekommen. In dieser Zeit mussten wir das Land verlassen. Alles ging nur über Valuta. Man musste sich freikaufen. Den Kontakt mit Bekannten beschränkten wir auf das Nötigste. Wir wollten die Ausreise nicht im letzten Augenblick noch gefährden. Am Nationalfeiertag, dem Tag der Rumänischen Befreiung durch die Russen, gingen wir in Bukarest übers Rollfeld. Als ich «Der 23. August hat uns die Freiheit gebracht» zu meinem Vater sagte, den Satz, der bei den Aufmärschen immer skandiert wurde, gab er mir eine Ohrfeige. «Das kannst du mir dann sagen, wenn wir in 10 000 Meter Höhe sind, aber nicht hier unten am Boden», erklärte er. «So etwas könnte alles zunichtemachen.»

Welche Rolle spielte die Musik später bei Ihrer Assimilierung in Deutschland?

Das Gute an der Musik ist, dass sie kein Parteibuch und keine Nationalität hat. Sie schlägt eine universelle Brücke wie sonst nur die Kunst und der Sport. Die Jungs, mit denen ich Musik machte, haben mich irgendwann gefragt, wo ich herkomme. Nachdem ich es erzählt hatte, interessierte uns nur noch, was unser gemeinsamer Nenner war: Was trägt Keith Richards auf der Bühne? Welche Gitarre spielt er? Wo kann man seine Sonnenbrille kaufen und damit nur halb so cool aussehen wie er? Und wie viele Mädels kommen, wenn wir spielen! (Lacht.)

«Über sieben Brücken musst du geh’n» ist eine Coverversion des Hits der DDR-Gruppe Karat ...

«Sieben Brücken» hob sich vom Tiefgang und von der politischen Komponente, die er hatte, erheblich vom Plattenzeug ab, das ich leider auch gemacht hatte. Es gab dennoch ein paar Gehirnamputierte, die fragten, was für ein komisches Lied das sei. Und eine Reihe von Leuten, die klug genug gewesen wären, sich aber trotzdem mit der rechten Hand am linken Ohr kratzten und nicht kapiert haben, dass dieses Lied, das in der DDR entstanden war, Ausdruck der Hoffnung war, dass es irgendwann klappt, wenn man nicht aufgibt.

Was haben Sie schon an der Originalfassung gemocht?

Text und Komposition merkt man an, dass sie in der damaligen Isolation entstanden sind. Da steckt klassische Musik drin, die Sprache war anders. Es war noch nicht so beeinflusst durch angloamerikanische Elemente. Ich bin kein Nationalist, aber ich bin Deutscher. Deutschland ist meine Heimat. Ich trete jedoch gegen jede Form von Rechtsradikalismus auf – und das ist für mich kein Widerspruch.

Haben Sie dafür gekämpft, in der DDR auftreten zu dürfen, oder gab es dort Leute, die Sie unbedingt einladen wollten?

Ich weiss nicht, wer sich wie stark eingesetzt hat. Ich weiss nur, dass einige Leute – nicht unbedingt solche, die uns nahestanden – es gut fanden, dass wir dort spielten. Vermutlich, weil sie zeigen wollten, wie offen die DDR-Gesellschaft ist. Sie wollten uns zu ihrem Werkzeug machen. Diesbezügliche Versuche haben wir jedoch schon im Ansatz abgeblockt. Wir sagten: «Wenn ihr Einfluss nehmen wollt, kommen wir erst gar nicht. Was wir singen, bestimmen wir.» Als später der DDR-Liedermacher Stephan Krawczyk verhaftet wurde, haben westdeutsche Musiker in einem Akt der Solidarität beschlossen: «Solange der im Gefängnis sitzt, treten wir dort nicht mehr auf.» Das haben wir dann auch getan – bis zum Mauerfall.

Wie haben Sie den Wandel in den neuen Bundesländern auf Ihren Tourneen erlebt?

Zuerst gab es – und gibt es vermutlich immer noch – einen Minderwertigkeitskomplex, für den ich nicht im Entferntesten eine Notwendigkeit sehe. Dass Menschen, etwa wegen der Jeans, die sie trugen, im Westen belächelt oder abgestempelt wurden, zeugt das von einer unfassbaren Überheblichkeit und von Zynismus. Wahrscheinlich haben gewisse gesellschaftliche Differenzen sowie unterschiedliche Löhne, Wohnverhältnisse und Infrastruktur dazu geführt, dass es plötzlich vermeintliche «Zweitklass-
Deutsche» gab. Unternehmer, die in den Osten gingen, Fabriken und ganze Häuserzeilen aufkauften und meinten, sie könnten den «Ossis» nun zeigen, wie mans macht, bauten damit eine neue Art Mauer. Inzwischen gibt es glücklicherweise keinen so grossen Unterschied mehr.

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