«Jingjinji»
Peking wird mit umliegender Provinz zur 130-Millionen-Stadt

Chinas Hauptstadt Peking und ihr Umland sollen zur Metropole der Superlative werden. Jingjinji soll die Megametropole heissen und 130 Millionen Einwohner zählen.

Felix Lee, Peking
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Peking wälzt grosse Pläne – obwohl der Bauboom zuletzt etwas stockte.

Peking wälzt grosse Pläne – obwohl der Bauboom zuletzt etwas stockte.

Jason Lee/Reuters

Wer sich noch an Peking vor 25 Jahren erinnert, dem wird die Stadt von damals im Vergleich zu heute wie ein Dorf vorkommen. Zwar zählte die chinesische Hauptstadt schon da knapp sechs Millionen Einwohner. Doch nicht weit über den östlichen dritten Ring hinaus hörte das urbane Stadtgebiet schon auf.

Dahinter gab es nur noch Felder, landwirtschaftliche Betriebe und vereinzelt ein paar Siedlungen und Fabriken. Heute zählt der Ballungsraum mehr als 20 Millionen Einwohner, riesige Hochhaussiedlungen erstrecken sich bis zum sechsten Ring.

Und dabei soll es nicht bleiben. Geht es nach dem Willen der chinesischen Führung, wird Peking in bis spätestens 2030 mit der benachbarten Hafenmetropole Tianjin und der umliegenden Provinz Hebei zu einem gigantischen Ballungsraum zusammenwachsen. Jingjinji soll die Megametropole heissen (von Beijing, Tianjin und Ji, dem traditionellen Namen der Provinz Hebei) und auf fast 215 000 Quadratkilometer – das ist mehr als die fünffache Fläche der Schweiz – 130 Millionen Einwohner zählen. Das entspricht der Bevölkerung von Deutschland, Schweiz, Österreich und Polen zusammen.

Das Zentrum entflechten

Der Prozess ist bereits in vollem Gange. Um das dichte und von Autos völlig verstopfte Zentrum zu entlasten, hat die Pekinger Stadtverwaltung im Juli beschlossen, sämtliche ihrer Verwaltungseinheiten nach Tongzhou zu verlegen, bislang ein ländlicher Vorort im Südosten der Hauptstadt. Auch Behörden, Krankenhäuser und Universitäten werden verstärkt ins Umland verlegt, ebenso grosse Industrieanlagen.

Auch einige Staatsunternehmen müssen ihre Hauptsitze in die Provinz Hebei verschieben. Pekings neuer Flughafen mit sieben Start- und Landebahnen, der bei seiner Vollendung ab 2017 mehr als 120 Millionen Passagiere im Jahr abfertigen soll, entsteht ebenfalls – mit Blick auf Jingjinji sehr weit draussen vom derzeitigen Pekinger Stadtzentrum entfernt auf einem Gebiet, das bereits zur Provinz Hebei gehört. Und kurz vor der Vollendung steht der siebte Ring. Er ist fast 1000 Kilometer lang.

Das Land der Millionen-Städte

Die Entstehung von Ballungsräumen mit 50 Millionen Einwohnern und mehr sind für China keineswegs ein Novum. Das Perlflussdelta im Süden des Landes mit den Metropolen Shenzhen, Guangzhou und der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong wächst derzeit zu einer Metropolregion zusammen und zählt derzeit über 40 Millionen Einwohner.

Auch das Jangtse-Delta zwischen Schanghai und den umliegenden Grossstädten Suzhou, Hangzhou, Wuxi bis hinauf nach Nanjing ist ein riesiger Ballungsraum mit Tausenden von Hochhaussiedlungen und Industrieanlagen, verbunden über achtspurige Autobahnen und moderne Schienen für Hochgeschwindigkeitszüge.

Das Jangtse-Delta zählt bereits um die 100 Millionen Einwohner. Mit diesen beiden Ballungsräumen will die Hauptstadtregion Peking mithalten. Und das ist auch nicht unwahrscheinlich. Neben Peking und der rund 100 Kilometer entfernten 13 Millionen Einwohner zählenden Hafenstadt Tianjin gibt es im Umland mit Baoding und Shijiazhuang zwei weitere 10-Millionen-Städte. Die umliegenden Städte Tangshan und Cangzhou zählen rund sieben Millionen Einwohner, Lancang, Chengde und Zhangjiakou jeweils vier Millionen. Zusammengenommen leben in dieser Region bereits mehr als 80 Millionen Menschen.

Die S-Bahn der Superlative

Bislang werden diese Städte jedoch weitgehend unabhängig voneinander verwaltet. Zhu Erjuan, Professor für Stadtplanung an der Hauptstadt Universität für Wirtschaft und Finanzen in Peking, ist daher überzeugt von den Plänen. «Die Reorganisation der Region wird die Wettbewerbsvorteile der einzelnen Bereiche und zugleich die Zusammenarbeit in der Region fördern», ist sich der Stadtplaner sicher. Doch auch Skepsis ist angebracht. Um wirklich zu einem Raum zusammenzuwachsen, muss ein umfassendes Verkehrssystem sie untereinander verbinden.

Bislang verkehrt nur zwischen Tianjin und Peking ein Hochgeschwindigkeitszug, der alle zehn Minuten fährt und für die rund 150 Kilometer eine halbe Stunde braucht. Die Faustregel der Stadtplaner sagt: Der mögliche Durchmesser von Ballungsräumen ist auch bei Nutzung schneller Lokalbahnen auf ungefähr 100 Kilometer begrenzt, da die Fahrt von einem Punkt zum anderen nicht länger als eine Stunde dauern sollte. Genau hier stossen die meisten existierenden Ballungsregionen dieser Welt an ihre Grenzen: Sie werden zu gross für ihre öffentlichen Verkehrsmittel; die Fahrzeit zwischen zwei Punkten dauert zu lange.

500 Kilometer «Nahverkehr»

Die chinesische Führung glaubt, dieses Problem mit ihren modernen Hochgeschwindigkeitszügen lösen zu können. Bei einer Geschwindigkeit von bis zu 400 km/h liesse sich der Radius der Mega-Metropole auf bis zu 500 Kilometer ausweiten. Den Bau von 27 zusätzlichen Hochgeschwindigkeitsverbindungen für die Region hat die Zentralregierung in Peking bereits beschlossen.

Ein kühner Plan: Schliesslich ist es etwas anderes, alle paar Kilometer einen Grossbahnhof für Hochgeschwindigkeitszüge ins Stadtgebiet zu setzen als eine S-Bahn-Station. Sehr viel wahrscheinlicher wird Jingjinji einfach nur das, was weite Teile Chinas jetzt schon sind: eine dichte Ansammlung von Millionenstädten.

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