Pandemie
Wegen einem einzigen Corona-Fall sitzen die Neuseeländer im Lockdown - doch Premier Jacinda Ardern hat einen Plan

Neuseeland öffnet die Festung: Nachdem sich das Land lange von der Aussenwelt abgeschottet hat - und die Pandemie so weitgehend klein hielt im Land -, sagt die beliebte Regierungschefin, wie sie den Anschluss an den Rest der Welt finden will.

Matthias Stadler, Wanaka
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Harte Linie gegen Corona: Neuseelands Premier Jacinda Ardern.

Harte Linie gegen Corona: Neuseelands Premier Jacinda Ardern.

Seit Mittwoch befindet sich Neuseeland wieder im Lockdown. Die fünf Millionen «Kiwis» sind angehalten, zuhause zu bleiben und nur für das Nötigste rauszugehen. Es herrscht die höchste von vier Gefahrenstufen. Grund für den Lockdown ist ein 58-jähriger Mann aus Auckland, der sich mit der Deltavariante infizierte. Es handelt sich um den ersten positiven Fall in der Bevölkerung seit fast einem halben Jahr.

Wie sich der Mann ansteckte, ist derzeit unklar. Am wahrscheinlichsten ist, dass das Virus von einer Person, die ins Land einreiste, aus einem Isolationshotel nach draussen gelangte. Mittlerweile sind zehn Infizierte bekannt, wobei die Regierung davon ausgeht, dass sich noch weit mehr Personen angesteckt haben.

Das erneut harte Eingreifen kommt nicht überraschend: Immer wieder betonten Regierungsmitglieder in den vergangenen Wochen, dass ein allfälliger Ausbruch der Deltavariante keine andere Wahl lassen würde als ein rasches und hartes Eingreifen.

Die Regierung will mit dieser Eliminierungsstrategie den Ausbruch im Keim ersticken und so relativ rasch wieder zur Normalität zurückkehren – das klappte schon zuvor mehrere Male. «Wir haben die schrecklichen Folgen gesehen, wenn man zu langsam handelt», erklärte Premierministerin Jacinda Ardern am Dienstagabend.

Sie meinte damit auch das Nachbarland Australien, wo die Verantwortlichen in Sydney nach Ausbruch eines Falls mehrere Tage warteten, bis sie Massnahmen beschlossen. Die Stadt befindet sich mittlerweile seit mehr als einem Monat in einem Lockdown, doch noch immer werden täglich neue Rekordzahlen von Infizierten bekannt.

Die Abschottung zahlte sich bislang aus

Neuseeland hat ihrer Bevölkerung von Anfang an viel abverlangt. Seit anderthalb Jahren leben die fünf Millionen Einwohner des Inselstaats in einer Festung. Mit den geschlossenen Grenzen und dem Pazifik als Wassergraben ist es für Aussenstehende fast unmöglich, hinein zu gelangen. Einzig Einheimische und Ausnahmefälle werden reingelassen. Alle anderen bleiben aussen vor, egal ob ausländischer Politiker, Tourist oder in manchen Fällen Familienangehörige.

Seit Ende März 2020 schottet sich Neuseeland vom Rest der Welt ab. Mit 26 Toten und knapp 3000 Infizierten seit Ausbruch der Pandemie ist die Strategie eine Erfolgsgeschichte. Die Bewohner im Südpazifik geniessen seit über einem Jahr grosse Freiheiten. Doch etwas gab es im Land bis vor kurzem nicht: Einen Plan, der aufzeigt, wie Neuseeland den Anschluss an die Welt wieder finden kann. Das änderte sich vergangene Woche, als Premierministerin Jacinda Ardern die Karten offen legte.

Im letzten Quartal dieses Jahres sollen Versuche gestartet werden. Neuseeländische Unternehmen können sich melden, wenn sie Angestellte für Geschäftsreisen ins Ausland schicken wollen. Diese müssen nach der Rückkehr nicht 14 Tage zwecks Isolation in einem Hotelzimmer verbringen, wie das bis dato mit allen Einreisenden gehandhabt wird. Sie sollen dies zuhause tun können.

Grenzöffnungen ab Anfang nächsten Jahres

Im ersten Quartal 2022 sollen dann schliesslich die Grenzen wieder geöffnet werden. Wenn auch nur langsam. «Unser Ziel ist quarantänefreies Reisen für alle Geimpften. Aber wir sind noch nicht in der Lage, unsere Grenzen vollständig zu öffnen», erklärte Ardern.

Die Regierung sieht drei Gefahrenstufen für Länder vor: tiefes, mittleres und grosses Risiko. Wenn man aus einem Land einreisen will, das ein tiefes Risiko von Übertragungen hat, und dazu noch komplett geimpft ist, soll man sich nach der Ankunft nicht in Isolation begeben müssen.

Ardern erklärte bei der Präsentation ihres Plans: «Dieser beschützt das, was wir erreicht haben, und hilft uns, Neuseeländer und die Wirtschaft wieder mit der Welt zu verbinden.» Sie begründete auch, weshalb die Regierung diesen Plan nicht schon früher umzusetzen gedenkt: «Wenn wir die Grenzen jetzt öffnen würden, würden wir unsere Freiheiten und Vorteile verlieren.»

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