Pandemie
«Eine Situation wie im Krieg» – wie Portugal vom Corona-Musterschüler zum schlimmsten Hotspot der Welt wurde

In der portugiesischen Hauptstadt stapeln sich die Leichencontainer vor dem Spital. Der Grund: eine katastrophale Fehleinschätzung. Internationale Hilfe ist auf dem Weg. Auch die Schweiz wäre bereit, zu helfen - ein Gesuch an Bern blieb bislang jedoch aus.

Ralph Schulze aus Madrid
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Mitarbeiter eines Bestattungsinstituts in der Nähe von Lissabon in Schutzausrüstung neben einem Sarg: Die Coronasituation in Portugal ist ausser Kontrolle.

Mitarbeiter eines Bestattungsinstituts in der Nähe von Lissabon in Schutzausrüstung neben einem Sarg: Die Coronasituation in Portugal ist ausser Kontrolle.

Mario Cruz / EPA

Die Leichenhalle des Spitals Barreiro Montijo in Lissabon ist voll. So voll, dass vor dem Hospital Kühlcontainer aufgestellt wurden, um die vielen Coronatoten aufzubewahren. Immer mehr an Covid-19 erkrankte Menschen sterben in Portugal, weil es auf den Intensivstationen keine freien Betten gibt. «Wir befinden uns in einer Situation wie im Krieg», beschreibt der Arzt Oscar Gaspar die Lage.

Man müsse inzwischen mancherorts die Regeln der Katastrophenmedizin – also die «Triage» – anwenden, sagt Miguel Guimarães, Chef der nationalen Ärztekammer. Mit dramatischen Folgen: Wenn es für zwei Notfallpatienten nur ein Beatmungsgerät gibt, bekommt derjenige mit den besseren Überlebenschancen Vorrang.

Krankenwagenstau vor dem Santa Maria Spital in Lissabon: Die Intensivplätze sind voll, einige Patienten in der portugiesischen Hauptstadt müssen auf dem Parkplatz behandelt werden.

Krankenwagenstau vor dem Santa Maria Spital in Lissabon: Die Intensivplätze sind voll, einige Patienten in der portugiesischen Hauptstadt müssen auf dem Parkplatz behandelt werden.

Armando Franca / AP

«Die Spitäler befinden sich am Limit», räumt Gesundheitsministerin Marta Temido ein. Vor vielen Hospitälern stauen sich Ambulanzen, die wegen der Überfüllung der Krankenhäuser stundenlang warten müssen, bis sie ihre Covid-19-Patienten übergeben können. Einige Kranke mussten in den letzten Tagen sogar die Nacht im Rettungswagen auf dem Spitalparkplatz verbringen.

Feldlazarette auf dem Fussballplatz

Deswegen werden im ganzen Land Feldlazarette aufgebaut. Allein zwei provisorische Hospitäler stehen in der Hauptstadt Lissabon: auf dem Unicampus und auf dem Trainingsareal des nationalen Fussballverbandes.

Im Frühjahr, während der ersten Coronawelle, war Portugal noch als Musterknabe gefeiert worden. Als Land, das dank einer disziplinierten Bevölkerung und einer vorausschauenden Regierung im Anti-Virus-Kampf offenbar alles richtig gemacht hatte. Doch möglicherweise hat die Nation am Südwestzipfel Europas zu sehr darauf vertraut, dass sie auch diese neue Viruswelle nur am Rande streifen würde.

Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung: Seit Jahresbeginn wird Portugal von einem wahren Coronatsunami überrollt. Ein Tsunami, der das EU-Land am Atlantik zum schlimmsten Hotspot der Welt machte. Nach Berechnungen der amerikanischen Johns Hopkins Universität lag die 7-Tage-Inzidenz von Neuansteckungen zuletzt bei über 700 Fällen pro 100'000 Einwohner. Das ist ein Vielfaches dessen, was derzeit in der Schweiz registriert wird.

Britische Mutation ist der Infektionstreiber

Auch die Opferzahlen stiegen in horrende Höhe. Allein im Januar wurden nahezu 5600 Coronatote in Portugal registriert. Das sind 43 Prozent aller 13'000 portugiesischen Todesopfer, die seit Beginn der Pandemie vor nahezu einem Jahr gemeldet wurden.

Warum erwischte es Portugal so schlimm? Offenbar wurde die britische Virusmutation zum Infektionstreiber. Sie hat nach Behördenangaben bereits einen Anteil von bis zu 50 Prozent an allen Infektionsfällen. «Dieser Virusstamm breitet sich mit schwindelerregender Geschwindigkeit aus», warnt Maria João Brito, Chefepidemiologin des Lissaboner Spitals Dona Estefânia. Ein Szenario, das bald ganz Europa blühen könnte.

Angesichts des Coronadramas im Land gibt der sozialistische Regierungschef António Costa zu, dass es wohl ein Fehler war, in den letzten Monaten die Zügel locker zu lassen. Obwohl die Coronazahlen explodierten, blieben Restaurants, Shops und Schulen zunächst geöffnet. Erst spät, Mitte Januar, steuerte die Regierung um und schickte das Land in einen harten Lockdown.

Die Hoffnung, das Schlimmste überstanden zu haben

Immerhin kam nun, drei Wochen nach dem Shutdown, leichte Hoffnung auf, dass die Coronazahlen nun doch langsam zurückgehen. «Portugal könnte den Höchststand der Infektionen hinter sich haben», titelt die renommierte Zeitung «Publico». Doch die Experten warnen vor verfrühtem Optimismus. Dieser war Portugal ja schon einmal zum Verhängnis geworden.

«In der ersten Phase der Pandemie war Portugal noch das Wunder Europas», sagt Ärztekammer-Chef Guimarães. Und jetzt, nachdem Portugal in die Katastrophe rutschte, «warten wir auf ein Wunder».

Hilfsgüter aus Deutschland erreichen Portugal per Bundeswehr-Flugzeug.

Hilfsgüter aus Deutschland erreichen Portugal per Bundeswehr-Flugzeug.

Friedemann Vogel / EPA

Unterdessen bittet die portugiesische Regierung um internationale Hilfe: Deutschland schickte bereits einen Militär-Airbus mit Ärzten, Sanitätern und Beatmungsmaschinen nach Lissabon, wo die Lage am kritischsten ist. Österreich kündigte an, einige kritische Patienten aus Portugal aufnehmen zu wollen.

Und auch aus Bern hört man, dass die Schweiz grundsätzlich bereit sei, Portugal unter die Armee zu greifen. Allerdings gibt es bisher noch kein offizielles Gesuch aus Lissabon. Auf Nachfrage der CH Media erklärte ein Sprecher des Bundesamtes für Gesundheit: «Bisher hat die Schweiz keine Anfrage erhalten.»