Interview
OSZE-Vize Alexander Hug: «Man weiss nie, wo Granaten explodieren»

«Wir sehen zum ersten Mal in diesem Konflikt positive Anzeichen»: Alexander Hug, Vizechef der OSZE-Mission, spricht über die Waffenruhe und die Arbeit unter Artilleriefeuer in der Ostukraine.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Panzer der ukrainischen Armee in der Region Donezk.

Panzer der ukrainischen Armee in der Region Donezk.

Keystone

Vor rund drei Wochen wurde eine Feuerpause für die Ostukraine vereinbart. Wie sieht die Situation heute aus?

Alexander Hug: Wir stellen fest, dass die Waffen auf der Frontlinie mehrheitlich schweigen. Wir haben Kontakt zu Rebellen und den ukrainischen Regierungstruppen und beobachten tatsächlich Bewegungen schwerer Waffen weg von den Frontstellungen. Wir müssen aber verifizieren, ob diese Waffen tatsächlich auch eingelagert werden oder ob sie bloss an andere Frontabschnitte verschoben werden.

Wie können Sie den Abzug kontrollieren?

Wir brauchen dafür einen ungehinderten Zugang zum Konfliktgebiet, insbesondere zu sämtlichen Stellungen an der Front und den jeweiligen Konzentrationspunkten hinter den Abzugslinien, wo die Waffen gehalten werden. Der beschränkte Zugang hindert uns daran, den Waffenabzug vollständig zu kontrollieren.

Gibt es andere Möglichkeiten, um die Fakten zu verifizieren?

Wir brauchen verlässliche Informationen. Momentan fliessen diese von beiden Konfliktparteien nur spärlich. Wir verlangen unter anderem Angaben, wo konkret die zurückgezogenen Waffen gehalten werden. Hinzu kommt, dass unser Team – bestehend aus 320 Beobachtern – völlig ausgelastet ist. Das Gebiet, das wir kontrollieren müssen, umfasst 50 000 Quadratkilometer, ist also grösser als die Schweiz. Wir brauchen Zugang zu Satelliten- und Drohnenbildern, um die Arbeit der Beobachter zu ergänzen und komplementieren.

Wie gefährlich ist die Aufgabe für Sie und Ihr Team?

Die Aufgabe ist gefährlich. Wir sind diverse Male in Artilleriefeuer geraten. Artilleriegeschütze sind keine Präzisionswaffen, man weiss nie genau, wo die Granaten explodieren. Wegen der Unberechenbarkeit der Waffen ist das Risiko auch für uns sehr hoch.

Alexander Hug Der Schweizer Jurist (42) ist Vize-Chef der OSZE-Mission in der Ukraine. Er war für die OSZE unter anderem auch in Bosnien und im Kosovo tätig.

Alexander Hug Der Schweizer Jurist (42) ist Vize-Chef der OSZE-Mission in der Ukraine. Er war für die OSZE unter anderem auch in Bosnien und im Kosovo tätig.

HO

Wie schützen Sie sich?

Unsere Fahrzeuge sind gepanzert, wir stehen per Satellitentelefon ständig in Kontakt zu unserer Zentrale. Im Notfall sind wir in der Lage, uns relativ schnell aus dem Frontabschnitt zurückzuziehen. Trotzdem bleibt immer ein Restrisiko. Nicht zu vergessen ist die Gefahr von Entführungen. Im letzten Sommer wurden acht unserer Kollegen über einen Monat lang von Rebellen festgehalten. Ich war bei den schwierigen Verhandlungen über die Freilassung dabei. Wir können von Glück sprechen, dass wir bis heute keine Verluste oder Verletzten zu beklagen haben. Aber je länger dieser Konflikt dauert, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass es auch unsere Leute trifft.

Sie haben direkten Kontakt zu den Separatisten. Wie wird die OSZE aufgenommen?

Noch vor einigen Monaten hatten wir einen schweren Stand. Wir wurden verdächtigt, für westliche Staaten zu spionieren. Inzwischen konnten wir das Vertrauen in uns etwas stärken. Wir stehen in ständigem Kontakt mit den Rebellen. Ich habe mehrmals Anführer der Separatisten in Donezk persönlich getroffen. Manchmal sind persönliche Treffen nicht möglich, dann kommunizieren wir per Videokonferenz. Wir haben fest stationierte Teams in Donezk und Lugansk. Das ermöglicht den intensiven Austausch mit den Separatisten. Es führt nichts an Dialog vorbei.

Haben es Sie als Vertreter eines neutralen Staates, der weder EU- noch Nato-Mitglied ist, einfacher bei den Verhandlungen mit den Separatisten?

Meine Nationalität ist nicht entscheidend, ich bin Vertreter einer multinationalen Organisation. Das ist die Stärke der OSZE: Dass die Mitglieder nicht die Interessen ihres Heimatstaates vertreten, sondern der Organisation.

Was können Sie über das Leid der Zivilbevölkerung sagen?

Wir waren kürzlich in Debalzewe. Die meisten Häuser sind beschädigt oder zerstört. Die Menschen sehnen sich nach Frieden, sie wollen ihre rudimentärsten Bedürfnisse befriedigen. Es gibt keinen Strom, kein Gas, kein Wasser, keine medizinische Versorgung, die Infrastruktur ist völlig unbrauchbar. Die Menschen wünschen sich Normalität.

Wie verarbeiten Sie diese Bilder von Zerstörung, Tod und Gewalt?

Die Aufgabe ist hart, wir müssen uns mit Krieg und Zerstörung befassen, mit Geiselnahme, mit einem Flugzeugabsturz. Wir sehen Tote und Schwerverletzte. Der Konflikt verschärfte sich von Woche zu Woche. Ich habe Erfahrungen in Kriegsgebieten, war im Kosovo, im Mittleren Osten, in Bosnien. Aber die Intensität dieses Konfliktes hier ist schon besonders hoch. Neben der eigenen Sicherheit müssen wir unsere Mitarbeiter auch psychologisch betreuen.

Ist ein baldiger Frieden möglich?

Wir sehen zum ersten Mal in diesem Konflikt positive Anzeichen. Beide Seiten haben Massnahmen zur Umsetzung des Minsker Abkommens ergriffen, Waffen wurden von beiden Konfliktparteien von der Frontlinie abgezogen. Es sind erstmals gemeinsame Schritte zu beobachten, erste Ansätze von Vertrauen. Aber es ist mir und meinem Team bewusst, dass dieser Waffenstillstand auf sehr dünnem Eis steht.

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