Österreich
Jetzt hat Tirol seine eigene Coronamutation – Virologin fordert die sofortige Abriegelung

In der Region, die vor genau einem Jahr schon einmal zu zweifelhaftem Covid-Ruhm gekommen ist, breitet sich ein eigener Stamm der südafrikanischen Mutation aus. Von einer Lockdown-Verlängerung will die Politik jedoch nichts wissen. Kommt es in Österreich nun so richtig dick?

Stefan Schocher aus Wien
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Coronatest in St. Johann: Tirol droht, zum zweiten Mal zum Virus-Hotspot zu werden.

Coronatest in St. Johann: Tirol droht, zum zweiten Mal zum Virus-Hotspot zu werden.

Expa/Johann Groder / APA/APA

Eine Mutation versetzt Österreich in Alarmbereitschaft: Es handelt sich um einen Zweig der südafrikanischen Mutation, der sich in Österreich offensichtlich verselbständigt und eine eigene Variante hervorgebracht hat. Und das in einer Region, die mit der Pandemie bereits zu zweifelhaftem Ruhm gelangt ist: In Tirol.

Die Virologin Dorothee von Laer von der Medizinischen Universität Innsbruck sagt, es sei «Feuer unterm Dach». Sie warnt vor einem zweiten Ischgl – bezugnehmend auf den Skiort, der vor genau einem Jahr zur Drehscheibe für die Verbreitung des Virus in ganz Europa geworden war. Und sie wirft der Tiroler Landesregierung Verschleierung vor.

Silvan Wegmann / Aargauer Zeitung

Von Laer, die auch die österreichische Bundesregierung berät, fordert ein umgehendes und vor allem rasches Handeln bis hin zu einer Abriegelung der Region. Zumindest für eine Woche, um einen Überblick zu erhalten. Möglicherweise aber auch für ein Monat.

Die Südafrika-Variante ist schwerer behandelbar

Die südafrikanische Mutation ist, anders als die britische Variante, schwerer behandelbar. Impfungen greifen zudem weniger effizient, weil Antikörper schlechter an das Virus binden.

Für die Tiroler Landesregierung ist eine Abriegelung oder eine Verlängerung des Lockdowns aber kein Thema. Landeshauptmann Günther Platter kündigte Massentests in der besonders betroffenen Region Schwaz (75 bestätigte Fälle mit der Mutation) an, zudem werde man Infektionsketten nachverfolgen. Auch der Impfkoordinator des Landes, Elmar Rizzoli, zeichnete das Bild eines lokalen Phänomens, das unter Kontrolle sei.

Von Lear spricht dagegen von einem Ausbruch, der keinesfalls mehr auf die Region Schwaz begrenzt sei. Und letztlich gibt auch Rizzoli zu: Wie die südafrikanische Mutation nach Tirol kam, sei unklar. «Wir haben dahingehend keine gesicherten Informationen», sagte er in einem Radiointerview.

Aus den Golfferien eingeschleppt?

Eine Vermutung, die sich hartnäckig hält: Dass ein Hoteliers-Ehepaar die Mutation von einem Golfurlaub in Südafrika eingeschleppt hat. Zusammen unterwegs seien die beiden mit einem führenden Seilbahnfunktionär und Lobbyisten gewesen. Das bringt gleich mehrere Fallstricke mit sich: Denn die Reise des Paares zusammen mit dem Lobbyisten und Nationalrats-Abgeordneten der ÖVP könnte gegen zum damaligen Zeitpunkt geltende Bestimmungen verstossen haben. Die gemeinsame Silvesterparty – Berichten zufolge in grösserem Kreis – tat das ganz sicher. Alle mutmasslich Beteiligten dementieren Verstösse.

Die Beschwichtigungen aus der Politik und der lokalen Seilbahnwirtschaft, das eiserne Beharren an einem Offenhalten der Skilifte – all das weckt Erinnerungen. Erinnerungen an den März 2020, die wenig Vertrauen in die Handhabe der jetzigen Situation durch die Behörden in Tirol wecken: Lange war damals die vorzeitige Beendigung der Skisaison verschleppt worden.

Im Raum steht der Vorwurf, dass Tiroler Landespolitik, Sanitätsbehörden und Seilbahnwirtschaft damals eher an einer Verschleierung als an einer Eindämmung arbeiteten. Die legendäre Einschätzung des Landessanitätsdirektors damals: Eine Ansteckung in Après-Ski-Lokalen sei unwahrscheinlich. Die Handhabe der damaligen Lage ist jedenfalls bereits Gegenstand einer gerichtlichen Aufarbeitung. Geschädigte Ischgl-Touristen haben über den österreichischen Verbraucherschutzverein eine Sammelklage eingebracht.

Wien ist besorgt

Im Gesundheitsministerium in Wien ist man jedenfalls besorgt ob der neuen Entwicklungen. Lokale Reisebeschränkungen werden nicht ausgeschlossen: «Derzeit werden die Verdachtsproben aus Tirol endausgewertet. Sobald diese Ergebnisse vorliegen, werden wir mit dem Land Tirol auf Basis dieser Ergebnisse sofort das Gespräch über weitere notwendige Massnahmen zur Eingrenzung führen», heisst es.

Virologin von Laer übt aber gerade an diesem Vorgang Kritik: Sie habe bereits vor einer Woche angeboten, die Sequenzierung des Genoms von Proben vorzunehmen. Stattdessen aber würden diese zur Analyse weiter nach Wien geschickt, was in Summe ein bis zwei Wochen dauere. In Tirol wäre diese Analyse hingegen in zwei bis drei Tagen möglich.