USA
Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

Mit Rick Perry und Michele Bachmann droht erneut ein direkter Draht vom Weissen Haus zu Gott. Statistiken zeigen: Im Wahlkampf ist religiöse Rhetorik für einen US-Politiker unentbehrlich.

Christian Nünlist
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George W. Bush höhlte die Trennung von Kirche und Staat aus. HO

George W. Bush höhlte die Trennung von Kirche und Staat aus. HO

Amerika ist eine religiöse Nation. 80 Prozent der Amerikaner glauben an Gott. 50 Prozent sagen bei Umfragen, sie gehen am Sonntag in die Kirche – rund die Hälfte davon tut das auch tatsächlich.

Amerikas christliche Rechte ist eine wichtige Wählergruppe der Republikaner – der Anteil der Evangelikalen an der amerikanischen Bevölkerung beträgt stolze 26 Prozent (80 Millionen). Im Wahlkampf ist religiöse Rhetorik deshalb für einen US-Politiker unentbehrlich.

Trotzdem erstaunt, dass mit Rick Perry und Michele Bachmann gleich zwei von drei aktuellen Favoriten unter den republikanischen Präsidentschaftskandidaten radikale religiöse Ansichten vertreten, welche die traditionelle Trennung von Staat und Religion infrage stellen.

Bushs göttliche Eingebungen

Der direkte Draht vom Weissen Haus zu Gott ist kein neues Phänomen. Spätestens seit der Präsidentschaft von George W. Bush ist zudem auch der Welt klar geworden, dass die religiöse Rechte mit ihren Überzeugungen zunehmend auch die amerikanische Aussenpolitik beeinflussen.

Im Wahlkampf 2000 war Bush junior gefragt worden, wer seiner Meinung nach der grösste Philosoph der Welt sei. «Jesus Christus», hatte er damals geantwortet. Die britische BBC berichtete 2003, der gottesfürchtige US-Präsident sei bei seinen Kriegen gegen Afghanistan und gegen den Irak einem Befehl Gottes gefolgt.

Demnach soll der bibeltreue Bush göttliche Eingebungen gehabt haben: «Gott hat mir aufgetragen: George, geh los und bekämpfe die Terroristen in Afghanistan. Und ich habe es getan. Dann hat Gott mir aufgetragen, George, geh los und beende die Tyrannei im Irak, und ich habe es getan.»

Das Weisse Haus dementierte den BBC-Bericht zwar als «absurd», aber Bush rechtfertigte den Krieg gegen den Terrorismus wiederholt als Mission der amerikanischen Nation, als auserwähltes Volk das Richtige zu tun und die Vorhersehung Gottes zu vollstrecken.

Exit-Polls der Präsidentschaftswahl von 2004 belegen, dass George W. Bush nach vier Amtsjahren primär wegen seiner religiösen Überzeugungen und seines Krieges gegen den Terror wiedergewählt wurde.

Das politische Erstarken konservativer evangelikaler Bewegungen in Amerika ist jedoch historisch gesehen ein relativ junges Phänomen. Bis in die 1960er-Jahre waren amerikanische Christen eher der liberalen Seite der Politik zugewandt.

Erst nach der sexuellen Revolution und insbesondere nach dem berühmten Urteil des Obersten Gerichtshof zu Roe vs. Wade (1973), das den Frauen das Recht zur Abtreibung zusprach, rückten viele Christen enttäuscht von den Demokraten ab und wandten sich mit ihrem konservativen Weltbild den Republikanern zu.

In der Folge gab es zahlreiche Versuche, eine «christliche Koalition» zu zimmern und Christen verschiedener Couleur unter einem einheitlichen Dach zusammenzuführen, um innerhalb der republikanischen Partei für ihre streng konservativen Moralvorstellungen Lobbying zu betreiben.

Religiöse Rechte triumphiert 1980

Einen ersten Erfolg feierte die «religiöse Rechte» 1980, als sie Katholiken und Reformierte zur Wahl des Republikaners Ronald Reagan mobilisieren konnte. Dank der christlichen Rechten eroberten die Republikaner damals auch erstmals seit 1952 wieder den Senat. Es war der Beginn der bis heute erfolgreichen Liaison der Evangelikalen mit den Republikanern.

«Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?», fragte bei Goethe das junge Mädchen Gretchen den älteren, respektablen Wissenschafter Faust. Rick Perry und Michele Bachmann, derzeit zusammen mit dem Mormonen Mitt Romney die populärsten republikanischen Kandidaten für 2012, weichen der berühmt gewordenen Gretchenfrage im Wahlkampf bisher aus.

Biblische Gesetze und Theokratie

Denn Bachmann und Perry sind keine normalen, harmlosen gottesfürchtigen Amerikaner – sie vertreten radikales theologisches Gedankengut und müssen den christlichen Fundamentalisten Amerikas zugerechnet werden.

Verglichen mit ihnen wirkt George W. Bush wie ein Sängerknabe. Denn Perry und Bachmann streben als «Dominionisten» den religiösen Einfluss über die weltliche Regierung an. Die Dominionisten möchten einen Gottesstaat errichten und in Amerika biblische Gesetze nach konservativ christlichem Verständnis einführen. Für Homosexualität und Abtreibung fordern sie Todesstrafe.

Michele Bachmann betonte in der Vergangenheit häufig, dass ihr Mann Marcus in ihrer Ehe die wichtigen Entscheide treffe. Sie riet den Frauen zu Unterwürfigkeit: «Der Herr sagt: Weiber gehorcht, ordnet euch euren Männern unter.» Kritischen Nachfragen, ob das auch gelten würde, wenn sie ins Weisse Haus einziehen würde, wich Bachmann bisher aus.

Totaler Angriff auf Demokratie

Michelle Goldberg warnt im US-Blog «The Daily Beast» vor einer Theokratie und vergleicht die Ansichten Perry und Bachmanns gar mit dem politischen Islamismus. Sie schreibt: «Es war bisher unvorstellbar, dass jemand, dessen Gedankengut derart schädlich für die Demokratie ist, amerikanischer Präsident werden könnte.

Wenn Bush die Trennung von Kirche und Staat aushöhlte, so könnte die republikanische Partei demnächst jemanden nominieren, der einen totalen Angriff darauf lancieren wird.»