Die Ursachen für das Flüchtlingselend sind klar: In Syrien zerfällt ein Staat, in Afghanistan und in Somalia gibt es gar keinen. Was kann man tun? Leider nicht viel mehr, als die UNO schon versucht: Konflikte entschärfen und Blauhelme entsenden.
Der Zweite Weltkrieg machte etwa 50 bis 60 Millionen Menschen zu Flüchtlingen. Dazu gehörten Menschen, die von den Kampfhandlungen betroffen waren und um ihr Leben fürchteten, aber auch sehr viele «Zwangsmigranten». Sie wurden «Umsiedelungsaktionen» unterworfen oder schlicht aus ihren Wohnstätten vertrieben, weil durch den Kriegsverlauf die Grenzen neu definiert wurden.
Wie viele es genau waren, die in der Zeit von 1938/39 bis 1945 und danach ihre Heimat verlassen mussten, ist schwierig herauszufinden. Seit 1989 bemüht sich das UNHCR (United Nations High Commission for Refugees – UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge) um genauere Zahlen. Die Angaben der UNHCR-Statistiken stammen meist von Staaten und sind recht zuverlässig.
51,2 Millionen Menschen waren es 2013, so viele waren es noch nie. 1993/1994 (Ruanda-Völkermord, Jugoslawien-Krieg) bewegten sich die Zahlen ebenfalls in Richtung 50-Millionen-Grenze, blieben aber unterhalb. Jetzt kann man sagen, dass heute mindestens so viele Menschen verfolgt und vertrieben werden wie zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.
Friede – eine lokale Illusion?
Und das in einer Zeit, die wir in Europa als ausgesprochen «friedlich» erleben. Krieg und Vertreibung gibt es für uns «nur» am Fernsehen. Jetzt rumpelt es ein bisschen näher bei uns. Und schon konstatieren wir: «Die Welt wird unsicherer.» Leider eine ziemlich einseitige Feststellung. Oder eine aus einem Elfenbeinturm mit höchstens einem Fenster. Ein Blick ins Buch «Extrem gewalttätige Gesellschaften» von Christian Gerlach (DVA 2011) reicht. Gewalt und Vertreibung gab es immer, «sicher» war die Welt nie.
Zittern unter dem Atomschirm
Allerdings ist nicht schwer nachzuvollziehen, wie wir auf unserer «Insel der Seligen» zu solchen Urteilen kommen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebten wir im Westen unter der Glasglocke des US-Atomschirms. Das war auch nicht angenehm, aber blieb doch abstrakt. Zwischendurch donnerte es am Horizont und man zitterte ein bisschen vor Armageddon. Aber das «Gleichgewicht des Schreckens» gaukelte uns Stabilität und Frieden – auf Zeit – vor. Es liess sich ziemlich angenehm leben im «Reich des Nichtwissens». Wer wollte, konnte allerdings schon wissen. Es gab mehrere Episoden, in denen es auch hätte schiefgehen können. Nicht nur während der Kuba-Krise stand die Welt am Rande des Atomkriegs. Damals bekam sie es einfach besser mit. Die Strategie der «gegenseitigen Vernichtung».
Und dann gab es die aberwitzigen Denk- und Planspiele in den US-Think-Tanks und in den militärischen Planungsstäben. «Cold War Rationality» – schwer übersetzbar der Titel, unter dem spekuliert wurde, ob sich der Erstschlag nicht doch lohnen könnte. Dass der Warschauer Pakt konventionell weit massiver gerüstet war, gedachte man mit der Atomdrohung wettmachen zu können. Die Fähigkeiten zum Erstschlag wurden von einigen Strategen masslos überschätzt (die Sowjetunion und China sind beide ziemlich gross), die Politiker behielten aber die Nerven – oder den Verstand. («How Reason Almost Lost Its Mind», Chicago Press 2013). Fakt ist: Der atomare Holocaust blieb uns – bis jetzt – erspart; als Fazit wäre zu ziehen: Glück gehabt, aber kein Grund, das Elend von Flucht und Vertreibung als «ein Problem der anderen» zu betrachten.
Die Ärmsten müssen es stemmen
Der grösste Skandal unter diesem allgemeinen Menschheits-Skandalon ist wahrscheinlich der Umstand, dass ausgerechnet die Länder dem Flüchtlingsansturm am meisten ausgesetzt sind, die selber nicht auf Rosen gebettet sind. Krisengebiet ist Krisengebiet – einverstanden. Aber die nackten Zahlen geben schon zu denken. 86 Prozent der Displaced Persons werden von Entwicklungsländern beherbergt. Es ist ja auch nicht so, dass der Westen – oder die Schweiz – «nichts» machen würde. Es wird geholfen, finanziell, materiell und logistisch und in ganz erheblichem Umfang. Und Hilfe vor Ort ist sicher besser als abwarten, bis vielleicht ein paar Flüchtlinge doch noch zu uns kommen. Die Repatriierungserfolge des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge sind auch nicht ohne. Rund eine halbe Million Flüchtlinge konnte 2013 zurück in ihre Heimat. Aber dies ist gleichzeitig die viertniedrigste Zahl, seit Daten erhoben werden.
Paradox des modernen Kriegs
Flucht und Vertreibung sind Konstanten der Menschheitsgeschichte. Dazu kommen sogenannte «Migrationsbewegungen», wenn sich Völker aufmachten, um andere Wohnsitze zu suchen. Dafür war der ursprüngliche Grund meist eine klimatische Katastrophe, die sich irgendwo ereignet hatte. Und daraus ergab sich dann eine Kettenreaktion, fallende Dominosteine, welche die nächsten zu Fall bringen. Vertreibung und Versklavung waren aber auch immer schon Folgen von Kriegen: Nicht nur das Volk Israel wurde in die Verbannung geführt, viele andere auch.
Kriege führen immer zu Flüchtlingsströmen. Das war auch schon so, bevor die Zivilbevölkerung in grossem Masse von den Feindseligkeiten betroffen war. Lange fand allerdings auch der Krieg «ein bisschen für sich» statt: Irgendwann zogen die Heere weiter. Je mehr es sich nur noch Staaten leisten konnten, Krieg zu führen (von den sogenannten Kabinettskriegen bis zum Ersten Weltkrieg), desto eher glaubte man auch an eine «Zivilisierung des Krieges». Sie wurde in den Haager Landkriegsverordnungen sogar schriftlich festgehalten.
Bürgerkriege sind schlimmer
Mittlerweile hat sich «das Angesicht des Krieges» gewandelt. Was wir heute sehen, ist nicht der Konflikt zwischen sich im Kriegszustand befindlichen Staaten, sondern sogenannte LICs (low intensity conflict). Kriege auf Sparflamme gewissermassen, aber umso schlimmer für die Zivilbevölkerung. Moderne Konflikte fallen eher unter das Label «Bürgerkrieg» und richten sich meist ausgesprochen gegen die Zivilbevölkerung. «Ethnische Säuberung» ist die euphemistische Bezeichnung für Genozid und Vertreibung.
Dunkle Seite der Demokratie
Was sind die Ursachen? Der US-Soziologe Michael Mann hält den modernen Staat und die Demokratie selbst für eine Ursache. Ethnische Säuberung sei «the dark side of democracy» – die These ist provokativ: «Demokratie» funktioniert nur – oder allenfalls besser – bei einem ethnisch einigermassen einheitlichen Stimmvolk. Allgemeiner gefasst, kann man ihr aber durchaus etwas abgewinnen. Das Machtmonopol, das der Staat beansprucht, kann die Sicherheit der Bürger verbessern, aber es kann auch zum Streitpunkt von Fraktionen und Bewegungen werden. Und nicht selten wird dieser Streit dann mit Gewalt ausgefochten: das staatliche Militär gegen eine Guerilla.
Oft stehen sozial ungerechte Zustände am Anfang. Während des Kalten Krieges beliebt war das «Stellvertreter»-Spiel. Die eine Supermacht unterstützte die staatlichen Kräfte gegen «die Linken», die andere beförderte mit der Unterstützung der Guerilla «die Weltrevolution». Dadurch wurden die Konflikte auf jeden Fall grausamer – und sie dauerten länger.
Die Aussichten, dass diese Konflikte eines Tages einfach aufhören, ist klein. Also kann man nicht viel anderes tun, als was man schon versucht: Internationale Gerichtshöfe, UNO-Interventionen und Blauhelme – um wenigstens das Schlimmste zu verhindern.