Neuseeland
Prügeleien und Raubüberfälle: Der 107-Tage-Lockdown in Auckland hat tiefe Spuren hinterlassen

Neuseelands grösste Stadt kommt nach über einem Vierteljahr aus dem Lockdown – und kämpft mit den Folgen.

Matthias Stadler, Wanaka
Drucken
Cafés und Restaurants sind in Neuseelands grösster Stadt Auckland nach über 3 Monaten wieder geöffnet.

Cafés und Restaurants sind in Neuseelands grösster Stadt Auckland nach über 3 Monaten wieder geöffnet.

Alex Burton / AP

Es hätte so verlaufen sollen, wie die vier vorangegangenen Lockdowns in Auckland: Als die Deltavariante Mitte August zum ersten Mal in die neuseeländische Öffentlichkeit gelangt, hoffen die fünf Millionen Einwohner des Landes, dass der Ausbruch dank eines der weltweit härtesten Lockdowns im Keim erstickt werden kann.

Doch das Virus hält sich nicht daran und breitet sich aus, vor allem Auckland ist betroffen. Der Rest von Neuseeland wird nach wenigen Wochen aus dem Lockdown entlassen, die 1,7-Millionen-Metropole allerdings bleibt lahmgelegt – und vom Rest des Landes abgeschottet.

Nach 107 Tagen, an denen die Coiffeursalons geschlossen waren, Restaurants nur Take-away-Essen anbieten durften und Hunderte Kleinunternehmer an den Rand des Ruins getrieben wurden, ist der Lockdown in Auckland seit diesem Freitag vorbei. Aucklands Stadtpräsident Phil Goff kommentierte freudig: «Das ist ein Tag zum Feiern und Geniessen.»

Die Einwohnerinnen und Einwohner konnten sich zum ersten Mal seit dreieinhalb Monaten ein Bier in einem Pub oder eine Mahlzeit in einem Restaurant genehmigen. Für die krisengeschüttelte Bevölkerung muss es sich anfühlen wie in einem Schlaraffenland.

Prügel, Überfälle und überforderte Polizisten

Denn der Lockdown hat tiefe Spuren in der sonst friedfertigen Stadt hinterlassen. Der Stadtpräsident sagte am Freitag in einer Radiosendung:

«Gott sei dank haben wir das hinter uns, denn wir haben es satt. Ich sehe viele Leute, die unter enormem Stress stehen.»

Auch die Polizei hat intensive Monate hinter sich. Ein Einwohner beschrieb die Situation in der Innenstadt von Auckland in einem offenen Brief an den Stadtpräsidenten als «Anarchie»:

«Jeden Tag und fast jede Nacht höre ich, wie sich Leute anschreien, verprügeln und wie sie Feuerwerk auf den Gehsteigen anzünden.»

Zwar beteuert die Polizei, dass sie keinen Anstieg an Kriminalität in der Innenstadt festgestellt habe, doch manche Ladenbesitzer widersprechen vehement. So würde er vermehrt Diebstähle sehen, erzählte ein Inhaber eines kleinen Supermarkts im Quartier Parnell gegenüber Radio New Zealand. Mark Knoff-Thomas, ein Vertreter von Ladenbesitzern, ergänzte: «Wir sehen Prügeleien, Diebstähle und Raubüberfälle.»

An der Front fehlt Personal

Auch die täglichen Nachrichten zeigen ein düsteres Bild: Ein Mann zündete beispielsweise am vergangenen Montag ein Haus in einem Vorort von Auckland an, daraufhin schoss er auf mehrere Polizisten. Der Angreifer starb durch Schüsse der Polizei, vier Beamte wurden verletzt. Elf Stunden dauerte der Einsatz.

Oppositionspolitiker David Seymour, der in Auckland zuhause ist, kritisiert die Prioritätensetzung der Regierung: Viele Polizisten seien wegen Covid-19 mit Sicherheitsdienst in Isolationshotels und Kontrollstellen an Autobahnen absorbiert, weswegen sie an der Front fehlten. Polizeivertreter geben ihm Recht, stellen aber in Aussicht, dass im Dezember viele Polizisten wieder von diesen Hotels und Kontrollstellen abgezogen werden sollen, um in der Stadt Dienst zu leisten.

So bleibt in Auckland nun die Hoffnung, dass die Gewalteskapaden abklingen. Helfen sollte auch, dass der längste Lockdown im Land seit Ausbruch der Pandemie nun Geschichte ist. Und er soll sich auch nicht mehr wiederholen, wie die Regierung beteuert. Die Voraussetzungen sind gut, denn mittlerweile sind 87 Prozent der neuseeländischen Bevölkerung über 12 Jahren vollständig geimpft. In den vergangenen dreieinhalb Monaten zündete das Land den Impfturbo. Denn noch bis Anfang August war nur ein kleiner Teil der Neuseeländer geimpft. Als dann schliesslich genug Impfstoff vorhanden war, half auch der Ausbruch der Deltavariante, die Quote nach oben zu treiben.

Wohlverdiente Sommerferien

Seit Freitag ist nicht nur der Lockdown vorbei, es herrscht im Inselstaat auch ein neues Covid-Regime. Es gilt ein Ampelsystem, das der Pandemielage angepasst wird, wobei selbst die härtesten Massnahmen – wenn die Ampel auf rot steht – nicht mehr so radikal sein sollen wie bis anhin. Lockdowns sollen nur noch im absoluten Notfall eingeführt werden.

Wer geimpft ist, hat deutliche Vorteile, Wellington geht dabei eine Spur radikaler vor als manche europäischen Staaten. Zutritt zu den meisten Restaurants, Museen und anderen Einrichtungen erhält nur, wer geimpft ist. Wer es nicht ist, kann kaum mehr am öffentlichen Leben teilnehmen. Für einen grossen Teil der Bevölkerung herrscht zudem faktisch eine Impfpflicht. Wer beispielsweise weiterhin als Lehrer, Krankenschwester oder Polizist tätig sein will, muss doppelt geimpft sein. Bereits haben Hunderte Personen ihre Kündigung erhalten.

Doch das trübt die Vorfreude der meisten Kiwis auf die Sommerferien, die vor der Tür stehen, kaum. Umfragen zeigen, dass sie den harten Impfkurs der Regierung grösstenteils gutheissen. Hinzu kommt, dass die Lage unter Kontrolle scheint, obwohl die Deltavariante ihre Kreise zieht. Das Land verzeichnet pro Tag zwischen 90 und 200 Neuinfektionen, die Zahlen sind seit Wochen stabil. So steht den Sommerferien derzeit nichts im Wege. Nach dreieinhalb Monaten Verzicht haben speziell die Einwohner Aucklands diese verdient.

Aktuelle Nachrichten