Neues Gesetz
In Frankreich werden Kuhfladen zum Kulturerbe

Ob Eselsgeschrei, Glockenläuten oder Kuhmist: Frankreich schützt die Gerüche und Geräusche des Landlebens vor den Beschwerden genervter Städter. Im Kern geht es um den Schutz der französischen Identität.

Stefan Brändle aus Paris
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Die Kuh als Produzent von französischem Kulturerbe: Kuhfladen werden in Frankreich besonders geschützt.

Die Kuh als Produzent von französischem Kulturerbe: Kuhfladen werden in Frankreich besonders geschützt.

Patrick Luethy

Bondons, 140 Einwohner, am Rand der Cevennen in Südfrankreich gelegen, ist eines jener französischen Dörfer, wo die Welt noch in Ordnung ist. Oder war. Seit kurzem sorgt die Kapellen-Glocke für Unfrieden in dem hübschen Örtchen aus Natursteinhäusern. Ein Touristenpaar störte sich in seinem Gästezimmer an dem lustige Gebimmel und ging sich beim Bürgermeister lauthals beklagen.

Das brachte das Fass für Pierre Morel-A-L’Huissier zum Überlaufen. Der Abgeordnete des ländlichen Departementes Lozère reichte in der Nationalversammlung einen Gesetzesvorschlag ein, um die Klagen der städtischen Besucher zu unterbinden. Nicht weniger als 18'000 solcher Beschwerden seien in Frankreich hängig, behauptet der hauptberufliche Anwalt, ohne die Zahl zu belegen.

In dem Provence-Ort Beausset hätten Touristen wegen des Gesangs der Zikaden Beschwerde eingereicht, ärgert sich Morel-A-L’Huissier. «Sie verlangten, dass man sie mit einem Insektizid austilge!» Gerade wegen der Coronakrise zögen immer mehr Leute aufs Land – wo sie sich dann an den Geräuschen und Gerüchen der Landwirtschaft störten. «Die Leute, die hierherkommen, wissen nicht, was das Landleben ist. Es ist eine Kunst – inklusive Mist, Traktoren und Gülle!»

Das Kikeriki des französischen Nationalsymbols gerettet

Einer breiteren Öffentlichkeit war das Thema bereits vor zwei Jahren bewusst geworden, als ein Gericht einen Hahn – immerhin das französische Nationalsymbol – vom Tatbestand des frühmorgendlichen Kikerikis freisprach. Der Abgeordnete Morel-A-L’Huissier weiss, wie solche Prozesse zu verhindern sind: Die einzelnen Landesregionen sollen eine Liste mit Geräuschen wie dem Eselschrei oder Gerüchen wie dem des Kuhfladens erstellen, die zum lokalen Kulturerbe gezählt werden. Einmal auf der Liste, sollen sie gegen Gerichtsklagen gefeit sein.

Der französische Staatsrat hat den Inhalt des Gesetzes vor einem Jahr abgesegnet. «Das Thema scheint auf den ersten Blick unerheblich, wirft aber in Wirklichkeit tiefgehende Fragen auf, die mit der französischen Identität und dem Zusammenleben zu tun haben», argumentierten die Verwaltungsrichter in Paris.

Nach der Nationalversammlung hat auch der Senat am Donnerstag den Gesetzesvorschlag gebilligt. Falls nicht noch das Verfassungsgericht Einwände anmeldet, dürfte das Gesetz bald in Kraft treten. Aus dem ganzen Land kommt bereits zustimmendes Muhen, Blöken, Quaken und Zirpen.