Neuer Gesundheitsminister
Deutschlands «Mr. Corona» Karl Lauterbach wird oberster Pandemie-Bekämpfer

Für die einen die Nervensäge der Nation, für andere der Messias im Kampf gegen Corona: Karl Lauterbach soll als Gesundheitsminister den Weg aus der Pandemie ebnen.

Christoph Reichmuth, Berlin
Drucken
Olaf Scholz (vorne), der morgen als Kanzler vereidigt wird, ernannte den Mediziner Karl Lauterbach (rechts) zum Gesundheitsminister.

Olaf Scholz (vorne), der morgen als Kanzler vereidigt wird, ernannte den Mediziner Karl Lauterbach (rechts) zum Gesundheitsminister.

Filip Singer / EPA/06.12.2021

Es gibt nur wenige Talkshows seit Ausbruch der Coronapandemie vor fast zwei Jahren, die der 58-jährige ausgelassen hat. Karl Lauterbach ist der Corona-Erklärer der Nation, der Warner und Mahner. Seit zwei Jahren tritt er für scharfe Massnahmen ein. Fordert Lockdows, Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren. Und er wettert auch mal gegen den Nachbarn Schweiz, wo die Landesregierung einen liberaleren Kurs in der Pandemie fährt. Wo im letzten Winter Skigefahren werden durfte, als überall sonst in Europa die Sessellifte stillstanden. Als in der Schweiz die Todeszahlen im letzten Winter in die Höhe schnellten und der Bundesrat zögerte, Restaurants und Clubs zu schliessen, setzte der deutsche «Gesundheitsapostel» einen seiner unzähligen giftigen Tweets in die Welt:

«Die Schweiz zeigt, dass ohne konsequentes Handeln jeder Versuch, einen Kompromiss mit dem Coronavirus auszuhandeln, magisches Denken ist.»

Die vielen Toten und die Überlastung in den Kliniken seien «der Preis für Kommerz.»

Jetzt hat es Lauterbach, der promovierte Dr. med, Medizinstudium in Deutschland und den USA, zuletzt SPD-Abgeordneter im Bundestag, ins Kabinett von Neu-Kanzler Olaf Scholz geschafft. Der in einer Kleinstadt südöstlich von Köln in einer Arbeiterfamilie aufgewachsene Arzt und Epidemiologe wird neuer deutscher Gesundheitsminister. Ein mit viel Risiko behaftetes Amt. Sein Vorgänger Jens Spahn von der CDU kann ein Lied davon singen. Noch vor Corona wurde dem heute 41-Jährigen die Fähigkeit attestiert, die Nachfolge von Angela Merkel im Kanzleramt anzutreten. Heute und unzählige Pannen in der Corona-Pandemie später - von fehlenden Tests bis zu schleppend startender Impfkampagne - sind die Beliebtheitswerte Spahns im Keller.

Heute braucht er Personenschutz

Beliebt ist auch Lauterbach nicht unbedingt. Der neue deutsche Gesundheitsminister gilt als Eigenbrötler, manche unterstellen ihm übermässiges Geltungsbedürfnis. Gelegentlich setzte er via Twitter oder in Talkshows Horror-Szenarien in die Welt, die von Tod und Leid handelten. Nicht immer trafen die Prognosen ein. Allerdings auch deshalb nicht, weil die Politik gerade noch gegengesteuert hatte.

Doch für manche in der Bevölkerung war Lauterbach bloss noch Nervensäge. «Panik-Karl», wie er gelegentlich genannt wurde, wolle jedem und jeder die Freude am Leben nehmen. Fussballspiele verbieten, Karneval abblasen, Skiarenen dichtmachen, Clubs und Discos verriegeln. Am besten gleich zuhause verkriechen. Zuletzt brauchte Lauterbach Personenschutz. Aus der radikalisierten Querdenker-Szene gab es Drohungen gegen den Mann, der vor zwei Jahren nur wenigen bekannt war und dem seit Corona so viel Aufmerksamkeit zuteil wurde, dass er den eigentlichen Amtsinhaber Spahn bisweilen in den Schatten stellte.

Kommt hinzu, dass Lauterbach Züge eines Nerds aufweist. Spindeldürr ist er, er schläft zu wenig, wie er selbst einräumt. Bis spät in der Nacht wälzt er noch Corona-Studien, die er dann gleich auf Twitter kommentiert. Seine Haut ist fahl, gesund und frisch wirkt er nicht. Weil er so viel arbeitet, hat die Pandemie seiner eigenen Gesundheit zugesetzt. Wenn er spricht, klingt es wie monotones Nuscheln.

Dass ihm nur Vegetarisches auf den Teller kommt und er auf Salz verzichtet, macht ihn in einigen Kreisen zusätzlich suspekt. «Viel Pfeffer, kein Salz», titelte die linke Berliner TAZ über ein Lauterbach-Porträt. Der hochdekorierte Doktor med aus gutem Haus, der aus seiner Berliner-Polit-Blase gut reden kann, wenn er über harte Einschnitte bei Corona doziert. Er kann es sich ja leisten. Doch dieses Bild, das manche von Lauterbach zeichnen, ist falsch. Lauterbach wirkt wohl intellektuell distanziert, abgehoben ist er nicht. Die kleinen Leute hat er in seiner Politik stets im Blick. Ein Genosse durch und durch.

«Werden es ohne Impfpflicht nicht schaffen»

Neu-Kanzler Scholz ist nicht umhin gekommen, den strittigen Gesundheitsexperten in sein Kabinett zu holen. Es gibt keinen in den vorderen Reihen der Sozialdemokraten, der über soviel medizinische Kompetenz verfügt wie Lauterbach. So nervig seine Prognosen manchmal sein mögen, in Umfragen sprach sich eine Mehrheit für den etwas verschroben wirkenden Mediziner im Gesundheitsministerium aus. Auch die politische Konkurrenz machte sich für Lauterbach stark. Als er am Montag in der SPD-Parteizentrale von Olaf Scholz auf die Bühne gebeten wurde, sagte er:

«Wir werden den Kampf mit der Pandemie gewinnen und für weitere Pandemien werden wir gut gerüstet sein.»

Es wartet viel Arbeit auf den Vater von fünf Kindern. In Deutschland sind die Coronazahlen weiterhin hoch. Und demnächst soll es eine Impfpflicht in Deutschland geben. «Wir werden es ohne Impfpflicht nicht schaffen», meinte Lauterbach bereits am Sonntagabend. In einer Talkshow. Wo auch sonst.

Aktuelle Nachrichten