Frankreich
Nestlé will Bewohnern von Vittel das Wasser abdrehen

In Zeiten von Hitze und Dürre wird Wasser ein wertvolles Gut. In Vittel beansprucht Nestlé, Besitzerin der Mineralwassermarke, die lokale Grundwasserquelle für sich. Die Anwohner sollen sich anderweitig versorgen.

Stefan Brändle, Vittel
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«Füllung maximal 6 Flaschen», steht über der Mineralquelle im Zentrum von Vittel. Bald könnte den Bewohnern der Hahn ganz zugedreht werden.

«Füllung maximal 6 Flaschen», steht über der Mineralquelle im Zentrum von Vittel. Bald könnte den Bewohnern der Hahn ganz zugedreht werden.

Stefan Brändle

Vittel ist nicht nur eine Mineralwassermarke, sondern auch ein hübscher Fleck in den Vogesen im Osten Frankreichs. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts lebt der Ort von seinem natürlichen Reichtum, der in bis zu 300 Meter Tiefe lagert. Vittel war in der Art- déco-Epoche ein Heilbad mit wuchtigen Hotels, Palästen und Casinos. Heute stehen sie oft leer und verströmen nur noch den Charme verflossener Zeiten. Umso reger wird das «natürliche Mineralwasser» getrunken und von Deutschland bis Japan vertrieben.

Ein Sattelschlepper nach dem anderen verlässt das Betriebsgelände von Nestlé Waters, der die Marke Vittel seit 1992 gehört. Rund eine Million Plastik- und Glasflaschen verlassen jeden Tag den Ort, der sich die lateinische Devise «Fonte revivisco» – durch die Quelle zu neuem Leben – gegeben hat.

Doch jetzt, sagen manche, beginne die Quelle zu versiegen. «Nicht doch!», meint Rentnerin Yvette fröhlich und stellt ihre leere Plastikflasche unter einen der zwei Wasserhähne, die im Ortszentrum Tag und Nacht sprudeln. Hier decken sich viele der 5000 Dorfbewohner gratis mit Tafelwasser ein. Ein Hinweisschild beschränkt das Abfüllen auf sechs Flaschen, doch Yvette schmunzelt diese Obergrenze weg: «Mein Mann hatte jahrzehntelang für ein Thermalbad gearbeitet. Da werden sie uns doch wohl auch noch unsere tägliche Ration gönnen, n’est-ce pas?»

Nestlé will Dorfbewohner loswerden

An dieser Frage scheiden sich die Geister in Vittel. Der Wasserspiegel in der Muschelkalkschicht tief unter dem Dorf sinkt jährlich um 30 Zentimeter. «Wegen Übernutzung», meint der Naturschützer Bernard Schmitt. Nestlé Waters holt jährlich 750 Millionen Liter Wasser aus den Bohrlöchern. Eine Käse-Fabrik und die kommunale Wasserversorgung bedienen sich ebenfalls. Die natürliche Kompensierung hält mit dieser intensiven Nutzung nicht Schritt: Regenwasser braucht ungefähr sieben Jahre, um mehrere hundert Meter tief zu versickern.

Was tun, damit Vittel nicht austrocknet? Am naheliegendsten wäre es, das Wasserschöpfen für alle einzuschränken. Doch Nestlé Waters hat eine andere Idee: Das Unternehmen will weiter aus dem Vollen schöpfen. Die Einwohner aber, die sollen durch eine Rohrleitung mit Wasser aus einem 15 Kilometer entfernten Nachbardorf versorgt werden.

Dieses Szenario hat das lokale Wasserkomitee im Juli abgesegnet. Seither gehen in der Gegend die Wogen hoch. Vor den Toren Vittels sieht man auf Strohballen gesprayt den Spruch: «Wasser ist Priorität für die Anwohner.» Ein Landwirt meint mit Blick auf seine Felder: «Wenn uns das Grundwasser ausgeht, wäre das der Beginn der Wüste hier.» Im Juli opponierten 200 Anwohner, Landwirte und Grüne mit einer Demo. «Nestlé plündert und trocknet uns aus», lautete ein Transparent, ein anderes: «Wasser ist Gemeingut – Nestlé muss es uns lassen.»

Naturschützer Schmitt, an sich die Ruhe in Person, meint voller Empörung, das Vorgehen Nestlés sei eine «schleichende Privatisierung». Seit dem Kauf der Vittel-Quelle habe der Nahrungsmittelkonzern mit Sitz in der Schweiz Vittel geradezu «kolonisiert». Nachdem Nestlé die Zahl der Angestellten in der Wasserabfüllung bereits auf 900 halbiert habe, drohe das Unternehmen nun unausgesprochen damit, Vittel ganz abzustossen. In der lokalen Wasserkommission verfüge es offiziell nur über eine von 45 Stimmen, in der Realität aber setze es sich mit seinen Anliegen immer durch. Davon zeugten neue Ermittlungen wegen möglicher Interessenkonflikte, sagt Schmitt. Die Staatsanwaltschaft bringe zunehmend Licht in die Beziehungen einzelner Mitglieder der entscheidenden Wasserkommission. Deren Präsidentin sei zum Beispiel mit einem ehemaligen Nestlé-Manager verheiratet, der nebenher einen einflussreichen Wasserverein im Ort leite.

Von Nestlé Waters ist in Vittel niemand für eine Stellungnahme abkömmlich. Auf eine Presseanfrage, warum die Vittel-Einwohner in Zukunft mit Trinkwasser aus der Ferne abgespeist werden sollten, antwortet die Direktion nur indirekt. Sie verweist in einer schriftlichen Antwort auf die Vorleistungen, die Nestlé für den Ort Vittel erbracht habe. So habe sie die Schöpfmenge bereits von sich aus um 25 Prozent gesenkt, zum Teil, indem sie die früheren Wasserlecks eingedämmt habe. Nestlé Waters übernehme zudem die Kosten für die neue Wasser-Pipeline für die Versorgung der Gemeinde Vittel.

27 Millionen in die Gemeindekasse

Und vor allem habe Nestlé Waters seit über 25 Jahren viel für die Nachhaltigkeit der lokalen Wasserversorgung und -qualität getan. Die Tochtergesellschaft Agrivair kaufe Agrarböden auf und trete sie an Landwirte ab, die sich im Gegenzug verpflichteten, auf Pestizide und Nitrate zu verzichten, schreibt die Direktion von Nestlé Waters, das auch Marken wie Perrier oder San Pellegrino besitzt.

Franck Perry, Bürgermeister von Vittel, scheint mit den Argumenten der Direktorin einverstanden zu sein. «Hauptsache, auf unserem Gemeindegebiet kommen keine Pestizide und Herbizide mehr zum Einsatz», freut er sich und serviert dem Journalisten ein gekühltes Fläschchen Vittel. Von seinem Fenster aus blickt der konservative Gemeindevorsteher direkt auf das Nestlé-Logo am nahen Flaschenabfüllwerk. Der grosse Arbeitgeber im Ort ist omnipräsent. Dass die lokale Wasserkommission insgeheim von Nestlé dirigiert werde, wie manche behaupten, stellt der Bürgermeister in Abrede: «Auf uns wird kein Druck ausgeübt.»

Warum hat er dann in der Wasserkommission für die Versorgung der Bewohner via Rohrleitung gestimmt? «Das war angesichts der Wasserverknappung die am wenigsten schlechte Lösung», meint Perry, ohne zu verhehlen, dass andernfalls Arbeitsplätze in der Wasserabfüllung gefährdet gewesen wären. Von Erpressung will er aber nicht sprechen: «Immerhin habe ich Nestlé dazu gebracht, dass sie die Rohrleitung finanzieren.» Die Kosten werden auf 1,5 Millionen Euro geschätzt.

«Für die Dorfbewohner bleibt das Wasser kostenlos», erklärt Perry stolz. Was er weniger gern bestätigt: Die von Nestlé entrichtete Mineralwassersteuer macht 27 Prozent des Gemeindebudgets aus.

Die Wasserkommission aus Behördenmitgliedern, Fabrikanten und Verbänden dürfte im Herbst definitiv entscheiden, ob die so wasserreichen Bewohner von Vittel ihr Tafelwasser in Zukunft bei den Nachbarn holen müssen. Der Entscheid scheint jetzt schon klar. Denn wer wird schon einem so prominenten Steuerzahler den Wasserhahn zudrehen?

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