Nahostkonflikt
Auf die Raketen der Hamas und die Vergeltungsschläge Israels folgt die Frage: Wie weiter?

Der Nahe Osten kommt auch knapp eine Woche nach Ausbruch des jüngsten Konflikts nicht zur Ruhe. Mehr als 130 Menschen sind bei den Raketenangriffen und Luftschlägen gestorben. Doch die grösste Herausforderung steht dem Heiligen Land erst noch bevor.

Judith Poppe aus Tel Aviv und Samuel Schumacher
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Tödliches Schauspiel am Tel Aviver Nachthimmel: Die Hamas schiesst Raketen aus dem Gazastreifen nach Israel (rechts), Israel lässt Abfangraketen steigen (links).

Tödliches Schauspiel am Tel Aviver Nachthimmel: Die Hamas schiesst Raketen aus dem Gazastreifen nach Israel (rechts), Israel lässt Abfangraketen steigen (links).

Bild: Anas Baba/AFP

Von rechts krachen die Raketen der Hamas durch die Nacht, links schwirren die Geschosse des israelischen «Iron Dome»-Abwehrsystems in die Höhe. Aus der Ferne sieht die Szene aus wie ein gigantisches Feuerwerk am Nachthimmel über Tel Aviv. Doch in den Städten unter dem leuchtenden Gewirr herrscht der blanke Horror.

Mehr als 1800 Raketen hat die radikalislamische Hamas diese Woche aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert. Die israelische Armee hat mit Luft- und Artillerieangriffen auf militärische Ziele inmitten des Strassengewirrs von Gaza reagiert. 130 Menschen kamen seit Montagabend ums Leben, Tausende wurden verletzt. Ein Waffenstillstand ist nicht in Sicht. Und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagt: «Wir stehen erst am Anfang.»

So heftig wie in den vergangenen Tagen ist der Nahostkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern zuletzt im Gazakrieg 2014 eskaliert, als Israelische Bodentruppen in den abgeriegelten Küstenstreifen einmarschierten, um die Ermordung von drei israelischen Jugendlichen durch Kämpfer der Hamas zu rächen.

UNO warnt vor Engpässen bei Medikamenten

In Israel sind die Strassen wie leergefegt, die Menschen trauen sich nicht mehr vors Haus und verharren in ihren Bunkern. Aus Gaza kursieren Videos von schreienden Kindern, die sich mit nichts als Wolldecken vor den Luftangriffen schützen. Mehrere Hochhäuser, in denen sich nebst vielen Zivilisten auch die Hamas-Militärführung versteckt hielt, sind eingestürzt. Die UNO warnt davor, dass bald Wasser und Medikamente ausgehen könnten.

Viele Bewohner von Tel Aviv haben die vergangenen Tage stundenlang in Schutzbunkern verbracht.

Viele Bewohner von Tel Aviv haben die vergangenen Tage stundenlang in Schutzbunkern verbracht.

AFP

Bassam Zaqout, ein Arzt aus Gaza, erzählt am Telefon, dass er sich mit seinen zwei Kindern und seiner Frau in einem Zimmer seiner Wohnung vergräbt und betet, dass es bald vorbei ist. Am Donnerstag begann das Fastenbrechfest, das das Ende des Ramadan markiert. «Heute wird die Depression der Kinder noch deutlicher. Sie hatten sich so auf das Fest gefreut. Doch das fällt dieses Jahr aus», sagt Zaqout.

Zwei Fronten und keine Lösung

Auch in Israels Städten geht die Angst um. Nicht nur wegen der Raketen, sondern wegen den arabischen und jüdischen Nachbarn, die jetzt aufeinander losgehen. Palästinensische Israelis haben in der Stadt Lod drei Synagogen angegriffen. Anwohner berichten, dass Brandbomben durch ihre Fenster geflogen seien. Kurz danach wurde ein muslimischer Friedhof in Brand gesetzt, wohl ein Racheakt von jüdischen Bewohnern der Stadt. Der Bürgermeister von Lod spricht von einem «Bürgerkrieg». Jahrzehntelange Bemühungen um eine friedliche Koexistenz seien gescheitert. Premierminister Netanjahu sieht sein Land in einen Zwei-Fronten-Krieg verwickelt: draussen die Hamas, drinnen die Aggressionen zwischen den verschiedenen Volksgruppen.

Vor diesem inneren Konflikt fürchtet sich auch die Schweizer Künstlerin Elianna Renner, die im arabisch dominierten Jaffa südlich von Tel Aviv lebt. «Dass sogar hier hasserfüllte junge Männer randalierend durch die Strassen ziehen, hätte ich nicht für möglich gehalten. Wir hatten ein mehrheitlich gutes Verhältnis untereinander, und dann kam dieser Konflikt. Der macht etwas mit den Menschen», sagt Renner. Die Hamas-Angriffe und die Gegenschläge würden irgendwann aufhören. «Mehr Angst als vor den Raketen habe ich aber davor, dass wir alle danach vor einem Scherbenhaufen stehen und keine Antwort finden auf die Frage, wo und wie wir mit den Aufräumarbeiten beginnen sollen.»

Israelische Soldaten trauern um einen Kameraden, die in der Nähe des Gazastreifens ums Leben kam.

Israelische Soldaten trauern um einen Kameraden, die in der Nähe des Gazastreifens ums Leben kam.

EPA

Noch zu Wochenbeginn solidarisierten sich viele jüdische Israelis mit den palästinensischen Protesten gegen die willkürliche Absperrung eines beliebten Versammlungsplätze vor dem Jerusalemer Damaskustor. Doch von den Protesten in Jerusalem spricht jetzt kaum noch jemand. Der Konflikt ist von den Treppen vor dem Damaskustor zu einem internationalen Krieg mutiert. Am Freitag flogen laut den israelischen Streitkräften auch erstmals wieder Raketen aus dem Libanon Richtung Israel.

Der politische Kampf um das Land ist derweil zum Erliegen gekommen. Die Koalitionsgespräche zwischen der rechtsnationalen Yamina-Partei von Naftali Bennett und der zentristischen Yesh-Atid-Partei von Yair Lapid mit der arabischen Splitterpartei Ra’am sind auf Eis gelegt. Für Gespräche über Israels Zukunft hat grad niemand Zeit.

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