Naher Osten
Konflikt eskaliert: Israel lässt nach Raketenregen Jerusalems Altstadt evakuieren ++ Armee greift Ziele im Gazastreifen an

Der Konflikt in der Ewigen Stadt eskaliert. Dabei wurde das Gerichtsurteil, um das es bei den Ausschreitungen geht, extra verschoben.

Judith Poppe aus Tel Aviv und Samuel Schumacher, ergänzt mit Material der dpa
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Auseinandersetzungen auf dem Tempelberg fordern hunderte Verletzte.

Video: Katja Jeggli

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist einer der ältesten der Welt. Doch so heftig wie in den vergangenen Tagen war er schon lange nicht mehr. Alleine am Montag sind bei Zusammenstössen in der Heiligen Stadt Jerusalem laut Rettungskräften mehr als 300 Menschen verletzt worden. Die radikalpalästinensische Partei Hamas hat am Abend Brandballone aus dem Gazastreifen nach Israel geschickt und Raketen Richtung Jerusalem abgefeuert.

Die israelische Polizei hat damit begonnen, die Altstadt zu evakuieren. Die Luftfahrtbehörde liess vorsorglich die Flugrouten umleiten. Und ein Marsch israelischer Aktivisten, die gestern mit dem «Jerusalem Tag» die völkerrechtswidrige Eroberung des Ostteils der Stadt im Sechstagekrieg 1967 feiern wollten, wurde vorsorglich umgeleitet, um eine weitere Eskalation auf den Strassen zu verhindern.

Szenen wie im Krieg: Alleine am Montag gab es in Jerusalem bei Zusammenstössen rund 300 Verletzte.

Szenen wie im Krieg: Alleine am Montag gab es in Jerusalem bei Zusammenstössen rund 300 Verletzte.

AP

Provokativer Hausschmuck und wütende Rufe

Verantwortlich für die Eskalation ist auch die drohende Zwangsräumung palästinensischer Wohnhäuser im Sheikh-Jarrah-Viertel in Ostjerusalem. 75 Familien wären von den Räumungen betroffen. Die Lage ist verzwickt. Das Gebiet ist zwar ein arabisches Viertel, gehörte vor dem israelischen Unabhängigkeitskrieg aber jüdischen Landbesitzern. Das israelische Recht sieht vor, dass Juden im Krieg verlorene Grundstücke zurückfordern können. Die eigentlich für gestern Montag vorgesehene Urteilsverkündung wurde um 30 Tage verschoben, um nicht weiteres Öl ins Feuer zu giessen.

An der Othman Ben Afan Strasse im Sheikh-Jarrah-Quartier steht auch das Haus, das Eden Levi 2009 bezogen hat. Zwei israelische Fahnen flattern auf dem Dach, ein blau fluoreszierender Davidstern steht daneben. Die Fenster sind vergittert, nur durch ein grünes Gartentor kann man einen Blick in den Vorgarten erhaschen.

Siedler Eden Levi.

Siedler Eden Levi.

Judith Poppe

Als der Jude Levi hier eingezogen ist, hat er oben am Dach einen Siedlerspruch aus Holzbuchstaben befestigt: «Die Söhne sind zu ihren Grenzen zurückgekehrt», stand da mal, bevor die meisten Buchstaben irgendwann abgebrochen sind.

Levi ist überzeugt davon, dass alle Häuser dieser Strasse den Juden gehören und dass die palästinensischen Bewohner wegziehen müssen. «Wir haben Papiere», sagt er. Über seinen schwarzen langen Locken trägt er eine gehäkelte Kippa, die Kippa der Nationalreligiösen.

Auf seinem rechten Auge klebt ein weisses Pflaster. Vor einigen Tagen, erzählt er, habe ein Araber ihm hier in der Strasse eine Flasche ins Gesicht geschlagen. Wütend erhebt er seine Arme und ruft:

«Wir haben nur dieses klitzekleine Land. Die Araber können dorthin zurück, woher sie gekommen sind. Nach Jordanien, nach Ägypten, sie haben viele Länder.»

Menschenrechtsorganisationen wie Ir Amim sehen das anders. Das Gesetz, das Siedlern das Recht gibt, den im Unabhängigkeitskrieg verlorenen Boden zurückzufordern, erachten sie als diskriminierend. Palästinenser, die im heutigen israelischen Gebiet Besitz verloren haben, hätten schliesslich auch kein Recht auf Kompensation.

«Die palästinensischen Israelis verlieren deswegen vor Gericht, weil das Rechtssystem ihnen nicht die Möglichkeit gibt zu sagen: Wir sind Flüchtlinge, wir haben Eigentum verloren», erklärt Aviv Tatarsky von Ir Amim.

Wenn die Sonne untergeht, wirds gefährlich

Die Palästinenserin Hassal Abu Hasna wohnt ebenfalls im Sheikh-Jarrah-Viertel. Im Fastenmonat Ramadan sei das Fastenbrechen am Abend, wenn die Familien der Strasse an Tischen das Essen ausbreiten und zusammensitzen, normalerweise sehr festlich, erzählt die 23-Jährige. In diesem Jahr jedoch werde es gewalttätig, wenn die Sonne untergeht.

Immer wieder gerieten die israelische Polizei und palästinensische Demonstranten in den vergangenen Tagen aneinander.

Immer wieder gerieten die israelische Polizei und palästinensische Demonstranten in den vergangenen Tagen aneinander.

EPA

«Die Siedler und die Polizei machen uns das Fasten nicht leicht. Sie attackieren uns, reiten mit Pferden durch unsere Strasse, besprühen uns mit Pfefferspray.» Oft kommen jetzt zum Fastenbrechen Menschen von ausserhalb, um die palästinensischen Familien zu unterstützen.

Die Dreiundzwanzigjährige lebt direkt neben dem Haus der Siedler. «Ich erinnere mich noch an die Familie, die vorher in dem Haus gewohnt hat. Als Kind habe ich mit ihren Kindern gespielt.» Jetzt sind sie weg.

Israels Armee greift Ziele im Gazastreifen an

Israels Luftwaffe beschoss nach andauernden Raketenangriffen aus dem Gazastreifen auch in der Nacht zum Dienstag Ziele in dem Küstengebiet, bei denen angeblich mehrere militante Islamisten gezielt getötet wurden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza kamen bei der jüngsten Eskalation der Gewalt 22 Palästinenser ums Leben, darunter neun Kinder. 106 Menschen wurden verletzt.

Rauch und Flammen steigen nach einem israelischen Luftangriff in Gaza auf

Rauch und Flammen steigen nach einem israelischen Luftangriff in Gaza auf

Nach schweren Zusammenstössen hatten die im Gazastreifen herrschenden Islamisten der Hamas per Ultimatum den Abzug aller Polizisten und Siedler vom Tempelberg sowie aus dem Viertel Scheich Dscharrah in Ost-Jerusalem gefordert. Als Israel dem nicht nachkam, begann am Montagabend kurz nach 18 Uhr Ortszeit der Beschuss. Schon vor Mitternacht sprach das Militär von mehr als 150 abgefeuerten Raketen, Dutzende davon habe die Raketenabwehr Eisenkuppel abgefangen. Bis zum Dienstagmorgen ertönten immer wieder Warnsirenen, vor allem in der Peripherie des Gazastreifens und in der Stadt Aschkelon. Tel Aviv begann damit, öffentliche Schutzräume bereitzustellen.

In Jerusalem wurde am Montagabend nach Militärangaben erstmals seit dem Sommer 2014 Raketenalarm ausgelöst. Der Armee zufolge wurden sechs Raketen auch in Richtung der Stadt abgeschossen. Zu Schaden kam dort ersten Berichten zufolge niemand.