Deutschland: Mit schrägen Tönen gegen die Berliner Trinker- und Drogenszene

Die Berliner S-Bahn will gegen Drogensüchtige und Trinker in ihren Bahnhöfen vorgehen. Durch die Dauerberieselung mit atonaler Musik soll die Szene ferngehalten werden. Das Konzept ist umstritten.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Polizeibeamte durchsuchen in der U-Bahnstation Hermannstraße in Berlin einen verdächtigten Drogendealer. (Archivbild: Maurizio Gambarini/Keystone; 4. August 2011)

Polizeibeamte durchsuchen in der U-Bahnstation Hermannstraße in Berlin einen verdächtigten Drogendealer. (Archivbild: Maurizio Gambarini/Keystone; 4. August 2011)

Sie sitzen auf den Treppen in der S-Bahn-Station Hermannstrasse in Berlin Neukölln, greifen zur Flasche, betteln bei Passanten um eine Spende. Und Junkies setzen sich gar manchmal einen Schuss in aller Öffentlichkeit. Die Berliner S-Bahn GmbH hat nun genug von der Trinker- und Drogenszene in einem ihrer «Problem-Bahnhöfe». Die S- und U-Bahn-Station Hermannstrasse ist ein besonders kriminalitäts­belasteter, neuralgischer Ort. Ab September soll hier als Pilotprojekt in Dauerschleife Musik ertönen. Nicht irgendwelche Musik, sondern atonale Klänge, schräge Töne also, die in den Ohren schmerzen.

Das Ziel dabei: Die Szene soll entnervt das Weite suchen. «Genau das wollen wir bei dieser Klientel erreichen, damit der Bahnhof wieder für Fahrgäste attraktiver wird», sagt Bahn-Sprecher Burkhart Ahlert gegenüber der «Berliner Zeitung». Sollte das Konzept einschlagen, will die S-Bahn GmbH ihr schräges Musik-Konzept auf weitere S-Bahn-Stationen in Berlin, unter anderem am Alexanderplatz und an der Frankfurter Allee, ausdehnen. Ingesamt möchte der Betreiber die Szene aus 17 Bahn­höfen in Berlin durch die Dauerberieselung mit anstrengender Musik vertreiben.

«Erzwungene Beschallung nervt furchtbar»

Bereits 2010 machten die Berliner Verkehrsbetriebe BVG einen ähnlichen Versuch an der U-Bahn-Linie 7 im Bezirk Charlottenburg. Im Zwischengeschoss der Haltestelle Adenauerplatz wurde in Dauerschleife klassische Musik ab Band gespielt, um die dortige Drogenszene zu vertreiben. Der Versuch scheiterte alsbald, da sich auch gewöhnliche Fahrgäste und die Betreiber von Geschäften an den Klängen störten. «Wir haben damals gemerkt: Ja, wir nerven, aber wir nerven alle», erläutert BVG-Sprecherin Petra Reetz gegenüber der Berliner «TAZ». Die Mitarbeiter in den Bahnhofs­läden hätten sich an dem Ge­dudel gestört. «Das war nicht unsere Absicht, also haben wir das wieder abgestellt.»

Am Hamburger Hauptbahnhof hingegen hat man mit klassischer Musik in Dauerschleife bislang gute Erfahrungen gemacht. Anstelle atonaler, schräger Musik – die bekanntesten Vertreter der atonalen Musik sind Arnold Schönberg und Alban Berg, wer allerdings nach «atonaler Musik» googelt, stösst noch auf weit Ohrenbetäubenderes – ertönen in Hamburg Stücke von Mozart, Schubert oder Tschaikowsky. Für den Potsdamer Musikpädagogen Michael Büttner ist es übrigens egal, ob die Menschen mit lieblichen Mozart-Klavierkonzerten oder atonalen Klängen berieselt werden.

Es gäbe einen «Unterschied zwischen freiwillig und unfreiwillig gehörter Musik», sagte der Pädagoge schon vor Jahren gegenüber dem «Spiegel». «Erzwungene Beschallung, die auch noch lange andauert, nervt furchtbar.» Genau darauf setzt die S-Bahn nun. Friedemann Kessler, Verantwortlich für 550 Bahnhöfe der Region Ost der Deutschen Bahn, sagte gegenüber verschiedenen Medien: «Wir müssen probieren, statt zu kapitulieren.» Sollte das Konzept scheitern, werde nach neuen Lösungen gesucht. Die Bahn möchte jedenfalls an ihrer Aufwertung der S-Bahn-Stationen festhalten, das geschehe auch durch neue Bemalungen und Reinigungen. Ingesamt will der S-Bahn-Betreiber seine Berliner Bahnhöfe durch Investitionen von 5,3 Millionen Euro aufwerten.

Angst vor zusätzlicher Lärmquelle

In Berlin beobachten viele das neue Konzept mit Skepsis. Politiker warnen, dass sich die Szene aus den Bahnhöfen in die umliegenden Kieze verlagern werde. Und beim Berliner Fahrgastverband fürchtet man sich auch aus einem anderen Grund vor der angedrohten Dauerberieselung. «Gerade in einer Stadt, die an vielen Stellen laut ist, sollte genau überlegt werden, ob noch eine zusätzliche Lärmquelle geschaffen wird», mahnt Jens Wieseke, Sprecher des Fahrgastverbandes.