Israel
Militärexperte: «Israel wird alles tun, um Bodenoffensive zu verhindern»

Für Professor Yagil Levy von der Offenen Universität in Ra’anana ist nach dem neuen Gewaltausbruch in Nahost eine dritte Intifada durchaus denkbar.

Susanne Knaul, Jerusalem
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Palästinenser durchsuchen nach einem israelischen Luftangriff die Trümmer eines Hauses in Gaza-Stadt.

Palästinenser durchsuchen nach einem israelischen Luftangriff die Trümmer eines Hauses in Gaza-Stadt.

Keystone

Herr Levy, in der Nacht auf Dienstag sind Dutzende Raketen auf Israel herabgeregnet. Welchen Zweck verfolgt die Hamas im Gazastreifen mit den neuen Angriffen?

Yagil Levy: Die Hamas ist zurzeit sehr geschwächt. Grund dafür sind die politische Isolation und die Blockade von beiden Seiten, Israel und Ägypten. Seit sechs Monaten können die Gehälter für die 40 000 Mitarbeiter der Hamas-Verwaltung nicht mehr gezahlt werden. Unter der palästinensischen Bevölkerung dort wachsen die Not und die Frustration. Die neue Gewalt könnte ein Versuch sein, den Status quo aufzubrechen.

Zur Person Yagil Levy, 56, wohnt in Herzlia, 15 Kilometer nördlich von Tel Aviv. Er ist Experte für Soziologie und Militär an der Offenen Universität in Ra’anana und Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschienen: «Israel’s Death Hierarchy: Casualty Aversion in a Militarized Democracy (Warfare and Culture)», 2012.

Zur Person Yagil Levy, 56, wohnt in Herzlia, 15 Kilometer nördlich von Tel Aviv. Er ist Experte für Soziologie und Militär an der Offenen Universität in Ra’anana und Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschienen: «Israel’s Death Hierarchy: Casualty Aversion in a Militarized Democracy (Warfare and Culture)», 2012.

Zur Verfügung gestellt

Israels Regierungschef Netanjahu hat die Luftwaffe anfänglich auf den Beschuss von Waffenlagern und -produktionsstätten beschränkt, jetzt setzt er Kampfjets mit voller Macht auch auf Privathäuser von Hamas-Funktionären an. Reagiert er damit auf den Druck des Aussenministers Avigdor Lieberman?

Das glaube ich nicht. Jedoch ist Netanjahu eher unfreiwillig in den aktuellen Schlagabtausch hineingezogen worden. Der Regierung muss klar sein, dass sie mit neuen Militärschlägen im Gazastreifen nicht viel verändern wird. Die Hamas ist Hausherr und wird es auch bleiben. Gleichzeitig konnte Netanjahu die massiven Raketenangriffe der Islamisten nicht unbeantwortet lassen. Die Hamas weigerte sich, die Spielregeln von «Ruhe für Ruhe» zu akzeptieren.

Rechnen Sie mit einer Ausweitung der Offensive und einer Invasion von Bodentruppen?

Israel wird alles daransetzen, eine Bodenoffensive zu verhindern. Im Moment droht die Armee, indem sie die Truppen im Grenzgebiet zusammenzieht. Dabei geht es aber eher um das Signal: Wir könnten, wenn wir wollten. Wenn der Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen andauert und vielleicht noch massiver wird, dann bleibt Israel kaum eine Alternative, und die Truppen werden reingehen. Erfahrungsgemäss wird es dann zu internationaler Empörung kommen, und auch innerhalb Israels ist man äusserst empfindlich, wenn es Tote unter den eigenen Soldaten gibt. Für Netanjahu ist es eine «Lose-lose»-Situation. Er kann eigentlich nicht gewinnen.

Wie würde, Ihrer Erfahrung nach, das Ende einer solchen Offensive aussehen?

Jede kriegerische Auseinandersetzung setzt, um beendet zu werden, eine Form von beiderseitigem Übereinkommen voraus. Wir haben das Anfang 2009 erlebt, als im Rahmen der Operation «Gegossenes Blei» israelische Bodentruppen drei Wochen lang im Gazastreifen kämpften. Auch Israel wird dann Zugeständnisse machen müssen, um der Hamas die Zustimmung zu einem Waffenstillstand zu ermöglichen. In der Vergangenheit ging es um erleichterte Einfuhrbestimmungen und eine Lockerung der Seeblockade, was für die Fischer in Gaza wichtig ist, damit sie mit ihren Booten weiter rausfahren können.

Könnte die Fatah nicht erneut die Führung im Gazastreifen übernehmen, sollte die geschwächte Hamas noch weitere Schläge einstecken?

Ganz sicher nicht. Die Fatah ist im Sommer 2007 brutal aus dem Gazastreifen vertrieben worden und hat es bis heute nicht geschafft, neue Machtstrukturen aufzubauen. Die Hamas ist vorläufig die einzige politische Bewegung, die den Gazastreifen verwalten kann, wobei die Opposition, und zwar die noch radikaleren Kräfte vom Islamischen Dschihad und anderen, stärker wird. Die Hamas verliert ja gerade an politischer Macht, weil sie die noch radikaleren Extremisten bislang an Angriffen gegen Israel hinderte. Für uns ist ganz wichtig, dass die Hamas eine starke Macht bleibt. Der Aufbau eines Hamas-Staates in Gaza ist für Israel von fundamentalem Interesse.

Inwiefern stehen die Unruhen in Ostjerusalem, in Nazareth und jetzt auch im Negev in Zusammenhang mit der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Gazastreifen?

Wir müssen zwischen den Unruhen in Israel, also in Nazareth und im Negev, und den Unruhen in den Palästinensergebieten unterscheiden. Es ist klar, dass die arabischen Demonstranten in Nazareth nicht wegen der ausbleibenden Gehälter für die Beamten in Gaza auf die Strasse ziehen. Was sie zum Protest antreibt, ist die andauernde Frustration über Menschenrechtsverletzungen und rassistische Ungerechtigkeiten im Staat Israel. Dazu kommen jüngst die sogenannten Hassübergriffe von jüdischen Extremisten, die in die arabisch-israelischen Ortschaften ziehen, um dort in Extremfällen Moscheen oder Autos in Brand zu stecken. In diesem Zusammenhang ist auch der Mord an dem palästinensischen Jungen Mohammed Abu Chedair in Ostjerusalem zu sehen. Sollte es zu einer dritten Intifada kommen, was jetzt wieder denkbar ist, dann würden die arabisch-israelischen Ortschaften möglicherweise in die Unruhen mit reingezogen werden.

Wie steht es mit den Palästinensergebieten? Kann es im Westjordanland ruhig sein, wenn sich Gaza im Krieg befindet, und umgekehrt?

Nein. Hier ist eine Trennung nicht möglich. Die israelische Regierung sollte sich nicht der Illusion hingeben, sie könne die Hamas im Westjordanland zerschlagen, und die Hamas im Gazastreifen schaut dabei ruhig zu. Hier besteht ein klarer Zusammenhang, und die Hamas wird, sobald es zu Waffenstillstandsverhandlungen kommt, die Entlassung der Hamas-Leute fordern, die während der Suche nach den drei entführten Teenagern im Westjordanland verhaftet wurden.

Wie stehen nach den jüngsten Entwicklungen die Chancen für die palästinensische Einheitsregierung?

Israels Präsident Netanjahu drängt den palästinensischen Präsidenten Machmud Abbas seit der Unterzeichnung des Schlichtungsvertrags zwischen der Fatah und der Hamas dazu, die Einigung zu widerrufen. Abbas bleibt aber, solange es keine Friedensverhandlungen gibt, keine Alternative. Er hat bei den bisherigen Verhandlungen nichts für sein Volk erreicht, gleichzeitig wird er immer stärker als Kollaborateur mit Israel gesehen, weil er dafür sorgt, dass die palästinensischen Sicherheitskräfte mit den Soldaten zusammenarbeiten. Abbas verliert innerhalb der palästinensischen Bevölkerung an Popularität. Das Einzige, was er in jüngster Vergangenheit an politischen Erfolgen liefern konnte, war die Einheitsregierung.

Gibt es überhaupt noch einen Weg zur Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen?

Dazu wären klare Angebote nötig. Israel müsste den Siedlungsbau einfrieren und Gefangene aus den Gefängnissen entlassen. Ausserdem müsste es Garantien dafür geben, dass die Kernpunkte des Konflikts behandelt werden. Dazu gehören der endgültige Grenzverlauf, der Status von Jerusalem und die Zukunft der Flüchtlinge.

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