«MeToo»-Prozess
Vergeblich für ihr Recht gekämpft: Wie China junge Frauen unterdrückt

Chinas richtungsweisender «MeToo»-Prozess wurde vom Gericht abgewiesen. Ein Sinnbild für Pekings Umgang mit Bürgerrechtsbewegungen.

Fabian Kretschmer, Xiamen
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Sexuell belästigt: Zhou Xiaoxuan kämpfte vergeblich für ihr Recht.

Sexuell belästigt: Zhou Xiaoxuan kämpfte vergeblich für ihr Recht.

Noel Celis/AFP

Auch beim dritten Prozess­termin zog die 29-jährige Zhou Xiaoxuan mehrere junge Unterstützerinnen an, die trotz der massiven Polizeipräsenz vors Pekinger Gerichtsgebäude zogen und selbstbemalte Plakate zückten. Auf einem der Banner prangte der Slogan: «Wir, das Volk, sind auf deiner Seite». Die Staatsanwaltschaft hingegen sah das anders - und hatte Chinas vielleicht aufsehenerregendsten «MeToo»-Prozess Mittwochnachts endgültig abwiesen: «Die von der Klägerin vorgelegten Beweise reichten nicht aus, um zu beweisen, dass der Angeklagte sie sexuell belästigt hatte», urteilte das Volksgerichtshof im Bezirk Haidian.

Ein Rückblick: 2018 sorgte die Drehbuchschreiberin Zhou Xiaoxuan für einen gesellschaftlichen Aufbruchsmoment, als die Chinesin in einem ausführlichen Online-Essay ihre Belästigungserfahrungen schilderte: Mit 21 Jahren sei sie, damals Praktikantin beim Staatssender CCTV, vom populären Moderater Zhu Jun in einem Garderobenraum körperlich bedrängt und gegen ihren Willen geküsst worden. «Es ist wichtig für jedes Mädchen, offen auszusprechen, was sie erlitten hat», schrieb sie. Und das taten daraufhin Tausende junger Frauen, denen allesamt ähnliches widerfahren ist.

Die Parteiführung scheut die offene Debatte

Für gewöhnlich schreitet in einem solchen Fall die Zensurbehörde ein, und das tat sie auch nach nur wenigen Stunden. Doch erstaunlicherweise war die Causa damit nicht erledigt, sondern fing gerade erst an: Denn Zhou entschied sich, vor Gericht für ihr Recht zu kämpfen – obwohl selbst ihre Eltern in Wuhan von der Polizei eingeschüchtert wurden, damit die Tochter die Klage fallen lasse.

Bis dato war es in China nahezu unerhört, dass eine junge Frau gegen eine mächtige Person des öffentlichen Lebens vorgeht. Der 58-jährige Zhu Jun gehörte zu den populärsten Persönlichkeiten des Landes, der einst die legendäre Neujahrs­gala im chinesischen Fernsehen moderierte.

Warum solche Anschuldigungen in China höchst sensibel sind, liegt auf der Hand. Die Parteiführung scheut eine offene Debatte zu führen, bei der sie vor allem vor der eigenen Türe kehren müsste. Denn wie die Causa Peng Shuai eindrücklich offenbart hat, würde die «MeToo»-Debatte auch mutmasslich ­vielen führenden Parteikadern gefährlich werden. Die Tennisspielerin hatte zu Beginn des Jahres in einem Posting auf ihrem Weibo-Account den pensionierten Vize-Premier Zhang Gaoli beschuldigt, sie gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr gezwungen zu haben. Wenig später ist die 36-Jährige untergetaucht – und gab Wochen später meh­rere inszenierte Beschwichtigungserklärungen ab.

«Die Hälfte des Himmels» versprochen

Tatsächlich sind Frauenrechte in der Volksrepublik ein durchaus zwiespältiges Thema. Einerseits versprach bereits Mao Tsetung den Chinesinnen «die eine Hälfte des Himmels» - und verbesserte auch tatsächlich grundlegenden Rechte, insbesondere unter der weiblichen Landbevölkerung. Doch gleichzeitig hegt die Kommunistische Partei eine tief sitzende Paranoia gegenüber sämtlichen Bürgerrechtsbewegungen, weshalb die Sicherheitspolizei immer wieder gegen Frauenrechtlerinnen vorgeht. Erst im September 2021 wurde die «MeToo»-Aktivistin Huang Xueqin festgenommen, als sie für ein Studium im Ausland aus China ausreisen wollte.

Zhou Xiaoxuan und ihre Anhängerinnen haben ein solches Schicksal wohl nicht zu befürchten. Schliesslich achten sie penibel darauf, keine der «roten Linien» zu übertreten: So kritisieren sie die Regierung niemals direkt, oder ziehen in grossen Mengen auf die Strasse.

«Was für Beweise sollte ich schon vorlegen?»

Die 29-Jährige schrieb nach dem Urteil, dass das «Scheitern schmerzhaft» sei. Für sie sei es unmöglich gewesen, ihre Sicht der Dinge zu belegen: «Was für Beweise sollte ich schon vorlegen? Ich habe nicht erwartet, dass ich sexuell belästigt werde – und die Begegnung daher nicht aufgenommen.» Sie hoffe, das künftige Opfer sexueller Gewalt in China es leichter haben, vor Gericht Gehör zu finden.

Trotz der Niederlage hätte der Fall Zhou Xiaoxuan dennoch eine Ermutigung für viele junge Chinesinnen sein können. Doch die Zensurbehörden verhängten wie zu erwarten eine Sperre für das heikle Thema, in den chinesischen Medien lasen sich keine Berichte darüber finden.