Machtwechsel
Laut, spröde und direkt: So tickt Österreichs neuer Kanzler Karl Nehammer

Eigentlich wollte er Verteidigungsminister unter Sebastian Kurz werden. Nach dessen Abgang ist Karl Nehammer plötzlich der neue starke Mann im Land. Eine Annäherung.

Stefan Schocher, Wien
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Österreichs neuer Kanzler Karl Nehammer, bislang Innenminister, vor den Medien in Wien. Der Ex-Soldat ist für seine direkte Art bekannt.

Österreichs neuer Kanzler Karl Nehammer, bislang Innenminister, vor den Medien in Wien. Der Ex-Soldat ist für seine direkte Art bekannt.

Lisa Leutner / AP

Gewisse Phasen im Leben eines Menschen brennen sich ein in das Auftreten einer Person. Karl Nehammer war Soldat. Er diente als Grundwehrdiener, danach als Freiwilliger und war auch nach seiner Ausmusterung als Trainer für das Verteidigungsministerium tätig.

Ein gewisser Kasernenhof-Tonfall hat sich eingebrannt in Karl Nehammers Rhetorik: Knackig, zackig, laut, direkt, bisweilen etwas spröde und hölzern. Mitunter scheint er auch unsichtbare Holzscheite vor sich mit der flachen Hand zerhacken zu wollen, wenn er seinen Aussagen Nachdruck verleiht. Bei Auftritten mit Uniformierten fühlt sich Karl Nehammer sichtlich wohl.

Parteisoldat und Troubleshooter

Verteidigungsminister hatte Nehammer werden wollen unter Kurz’ zweiter Kanzlerschaft. Innenminister wurde er auf ausdrücklichen Wunsch seines Chefs Kurz. Jetzt hat Nehammer Kurz im Amt des Parteichefs und des Kanzlers beerbt. Ganz der Troubleshooter, der er immer war. Dabei wird seine Kür zum Chef der ÖVP durchaus als Zeichen dafür gewertet, dass die türkise Phase der ÖVP vielleicht schon sehr bald Geschichte sein könnte. Denn bei Nehammers Ernennung hatte die in Auflösung befindliche türkise Riege in der ÖVP kaum etwas mitzureden.

August dieses Jahres: Bundesrätin Karin Keller-Sutter mit dem damaligen österreichischen Innenminister Karl Nehammer in Bern.

August dieses Jahres: Bundesrätin Karin Keller-Sutter mit dem damaligen österreichischen Innenminister Karl Nehammer in Bern.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Loyalität ist der Kern aller soldatischen Tugenden. Und wenn Nehammer eines ist, dann loyal. Loyal zur Partei. Und Loyal zu ihrer Führung. Nehammer hatte nie zum engsten Kreis um Kurz gezählt – und dennoch das grösste Vertrauen des nun zurückgetretenen Parteichefs genossen. Aus einem Grund: Weil er immer alles tat, was man ihm antrug.

Ihn schickt man los, um Probleme zu lösen

In all den Skandalen um Postenbesetzungen, frisierte Umfragen, Druck auf Medien spielt Nehammer auch keine Rolle. Und dennoch galt er unter Kurz immer als einer, der dem Parteichef um jeden Preis den Rücken frei hielt. Einer eben, den man losschicken kann, um Problemzonen zu bereinigen.

Derer gab es viele in den vergangenen Jahren – und in vielen spielte Nehammer eine tragende Rolle. Ab 2018 war Nehammer Generalsekretär der ÖVP und damit der Ausputzer in der Partei. Kurz und der engste Kreis um ihn hatten da gerade erst die Partei übernommen, sie auf die Führungsperson Sebastian Kurz zugeschnitten – und das nicht ohne parteiinterne Widerstände. Dass die mächtigen Landeshauptleute klein beigaben ist Nehammers Werk.

Dabei ist Nehammer ein in der Wolle gefärbter schwarzer, der alle Stationen einer tief-schwarzen ÖVP-Laubahn hinter sich hat: Römisch-Katholische Privatschul-Ausbildung, Bundesheer, Tätigkeit in der Politischen Akademie der ÖVP, Mitglied einer Studentenverbindung, Nationalratsabgeordneter, Clubchef, Generalsekretär. Und Nehammers Frau Katharina ist ebenso fest in der ÖVP vernetzt.

Auch in Asylfragen auf Linie des Parteichefs

Als Innenminister vertrat er ohne auch nur die kleinste Abkehr von der vorgegebenen Linie die Politik des Parteichefs: Hart in Migrationsfragen, kompromisslos bei Abschiebungen und zugleich nahezu selbstlos wenn es darum ging, auch auf verlorenem Posten eine Linie zu halten. Etwa nach dem Terroranschlag in Wien. Nehammer wies wie im Reflex der Justiz die Schuld zu. Da war aber bereits bekannt, dass der Verfassungsschutz schlicht Informationen verschlampt hatte.

Mitunter wirkte Nehammer wie ein in einem unhaltbaren Schützengraben liegender Soldat, der bleibt, weil es keinen Befehl zu Rückzug gibt. Etwa, als er sich noch am Tag vor dem Fall Kabuls lauthals für Abschiebungen nach Afghanistan aussprach.

Aber dann ist da auch dieser andere Nehammer. Der, von dem Vertreter des grünen Koalitionspartners sagen, dass er Argumenten zugänglich sei und zwischen den ungleichen Regierungspartnern auch ausgleichend wirken könne. Da ist von einem Nehammer die Rede, der freundlich im Ton sei. So kannte man ihn bisher öffentlich nicht.

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