«Lukratives Geschäft»
Schweizer von «Gewehre schwingenden Kidnappern» verschleppt: Nigerias Entführungs-Industrie boomt

Warum Europäer immer stärker ins Fadenkreuz von Entführern geraten.

Markus Schönherr, Pretoria
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Soldaten der nigerianischen Armee kämpfen gegen Boko Haram und andere Entführer – sind aber häufig machtlos.

Soldaten der nigerianischen Armee kämpfen gegen Boko Haram und andere Entführer – sind aber häufig machtlos.

Lekan Oyekanmi / AP

Gerade einmal 30 Kilometer trennen die beiden nigerianischen Dörfer Ibese und Itori. Dennoch wurde die Landstrasse jetzt einem Schweizer zum Verhängnis. Der Expat wurde am vergangenen Samstag von bewaffneten Männern entführt.

Gemeinsam mit dem Chef eines Landwirtschaftsbetriebs und dessen Angestellten soll er von einer Farm unterwegs gewesen sein, als Unbekannte das Feuer auf sie eröffneten. Die Polizeieskorte war chancenlos: Eine Person starb, eine wurde verletzt, mindestens zwei entführt. Der Überfall im südwestlichen Bundesstaat Ogun war nicht die erste Entführung durch «Gewehre schwingende Kidnapper», so ein Augenzeuge. Experten zufolge wird es auch nicht die letzte gewesen sein.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA hat die Entführung am Montag bestätigt. Das EDA und die Schweizer Botschaft in Abuja stünden in Kontakt mit den lokalen Behörden, hiess es. Aus Gründen des Daten- und Personenschutzes könne das EDA keine weiteren Auskünfte erteilen - verwies aber noch auf den Reisehinweis des Departements für Nigeria, in dem auf die Gefahr von politisch oder kriminell motivierten Entführungen im ganzen Land hingewiesen wird.

«In Nigeria und in der Sahel-Zone, einer der ärmsten Regionen der Welt, können Entführungen ein lukratives Geschäft darstellen», schreibt das Council on Foreign Relations (CFR). Die amerikanische Denkfabrik sieht vor allem Europäer im Fadenkreuz der Entführer. «Als reiche Länder, deren Regierungen empfänglich für emotionale öffentliche Stimmung sind, können europäische Staaten enorme Lösegelder zahlen, wenngleich sie dies stets leugnen.»

Mehr als 1000 Menschen entführt

Seit Dezember 2020 sollen in Nigeria mehr als 1000 Menschen entführt worden sein. Während hinter einigen Entführungen ideologische Motive von Islamisten stecken, die ihre Opfer später töteten, wurde ein Grossteil der Entführten freigepresst. Vier Monate vor dem Schweizer traf es in derselben Region zwei aus China stammende Arbeiter eines Goldbergwerks.

Längst aber sind nicht nur reiche Ausländer betroffen, wie nigerianische Familien aus schmerzlicher Erfahrung wissen. «Ich sah dabei zu, wie ein Bewaffneter meinen Zweijährigen davontrug. Er schrie den Jungen an, den Mund zu halten, weil der mir nachrief», erzählt eine Mutter der BBC. Kinder, Frauen und schutzlose Bauern wurden in den vergangenen Monaten zum Kanonenfutter in den Erpressungen.

Dezember 2020: Im nördlichen Bundesstaat Katsina fielen Bewaffnete auf Motorrädern über ein Dorf her. Sie blockierten Zufahrtswege und schossen mit Kalaschnikows um sich. Auf ihrer Flucht nahmen sie mehrere Hunderte Gymnasiasten mit sich. Für deren Freilassung sollen später umgerechnet fast 70'000 Franken an die Entführer geflossen sein.

Die Entführer schauen, dass ihre «Beute» überlebt

Die Massenentführung erinnerte viele an die Gefangennahme der sogenannten Chibok Girls – jene 276 Schülerinnen, die 2014 von der Terrorsekte Boko Haram verschleppt wurden und deren Schicksal teilweise bis heute unklar ist. Trotzdem gibt es laut dem CFR Unterschiede: «Die meisten - wenn nicht alle - dieser Entführungen erscheinen rein gewinnsüchtig.»

Während die Boko Haram, gemäss ihrem Namen, jene tötete, die von «westlicher Bildung» profitiert hätten, achteten die Entführer neuerdings darauf, dass ihre Beute am Leben bleibe.

Der Screenshot aus einem Propaganda-Video der Terrorsekte Boko Haram aus dem Jahr 2014 zeigt einen Terroristen und die entführten Mädchen aus der Stadt Chibok.

Der Screenshot aus einem Propaganda-Video der Terrorsekte Boko Haram aus dem Jahr 2014 zeigt einen Terroristen und die entführten Mädchen aus der Stadt Chibok.

Uncredited / AP Militant Video

Ein Entführungsfall im Juli unterstreicht in den Augen einiger Nigerianer die Ruchlosigkeit der Entführer: Um ihre Kinder wiederzubekommen, verkauften verzweifelte Eltern Berichten zufolge ihre Felder und anderen Besitz. So sollen sie 67'000 Franken gesammelt haben. Weil dies den Entführern offenbar nicht reichte, verschleppten sie bei der Geldübergabe auch noch den Überbringer samt Beute.

Schon länger herrscht Unzufriedenheit über Präsident Muhammadu Buharis Ohnmacht, Nigerias Sicherheitsproblem in den Griff zu kriegen. Bei seinem Amtsantritt 2015 versprach der frühere Armeegeneral, die Boko Haram binnen drei Monaten zu bezwingen. Davon ist er heute weit entfernt. Wer genau hinter den jüngsten Entführungen steckt, ist ungewiss. Die Regierung spricht regelmässig von «Banditen». Ein Sprecher des Präsidenten versprach nach einer Entführung, die «kriminellen Elemente zu vernichten».

Einige Beobachter machen Viehdiebe und bewaffnete Milizen mitverantwortlich. Doch der Thinktank CFR zweifelt. Einen eindeutigen Bruch mit den selbsternannten Gotteskriegern der Boko Haram sieht er noch nicht: «Dschihadistische und kriminelle Netzwerke überlappen sich im Sahel. Entsprechend können bei den Entführungen sowohl Arbeitskräfte als auch Geld für Dschihadistengruppen herausspringen.»

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