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Lügen der Verschwörungstheoretiker zu 9/11 entlarvt

Am 11. September 2001 krachten zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center in New York. Ein Terroranschlag. Die offizielle Version von 9/11 wird jedoch von Skeptikern angezweifelt.

Christian Nünlist
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Wer steckt hinter 9/11? Osama Bin Ladens Kaida – oder doch die CIA? key

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Dienstagmorgen, 11. September 2001, New York. Ein Passagierflugzeug fräst sich in einen Wolkenkratzer. Wenige Minuten später steht auch der benachbarte Büroturm in Flammen und Rauch, getroffen von einem zweiten Düsenjet. Im oberen Drittel der von islamistischen Terroristen attackierten Zwillingstürme des World Trade Center spielen sich dramatische Szenen ab: Eingeschlossene Menschen winken mit Stofffetzen aus den Fenstern, den Tod durch Ersticken oder Verbrennen vor Augen. Andere springen aus Verzweiflung aus Hunderten von Metern in den sicheren Freitod.

Zwei weitere Flugzeuge werden als entführt gemeldet, mit Kurs auf die amerikanische Hauptstadt Washington, DC. Kurz darauf steht auch das Pentagon, die militärische Schaltzentrale Amerikas, in Flammen. Ein viertes Flugzeug, United Airlines 93, stürzt 20 Flugminuten vom Weissen Haus und vom Kapitol entfernt in Shanksville, Pennsylvania, in einen Acker. Vor laufenden TV-Kameras sieht ein Milliardenpublikum, wie die Zwillingstürme im Herzen New Yorks einstürzen.

Wirre Verschwörungstheorien

9/11 – wie die Terroranschläge auf Amerika vom 11. September 2001 seither kurz und prägnant genannt werden – war ein Jahrhundertereignis. Islamistische Terroristen verbreiteten mit der perfiden Attacke Angst und Schrecken. Wie bei früheren Jahrhundertereignissen – dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor oder der Ermordung von John F. Kennedy – sind viele Menschen nicht bereit, die einfache Wahrheit zu akzeptieren. Am 11. September 2001 rissen 19 Selbstmordattentäter der Kaida fast 3000 Menschen in den Tod, bewaffnet mit Schweizer Sackmessern und Teppichmessern. Viele Menschen wollen einfach nicht glauben, dass sich die Supermacht Amerika derart einfach überrumpeln liess. In den letzten 10 Jahren schossen deshalb Verschwörungstheorien zu 9/11 wie Pilze aus dem Boden – die Erfindung des Breitbandinternets beschleunigte den Trend, der offiziellen Version zu misstrauen.

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«Keine Behauptung ist zu abenteuerlich, als dass sie mittels der neuen Medien nicht weltweit diskutiert und Anhänger finden würde», folgert Bernd Greiner, einer der ganz wenigen Historiker, der zu 9/11 ein Buch geschrieben hat. Denn die längst über 3000 Bücher zum 11. September 2001 sind sonst alle von Hobby-Historikern, Journalisten oder Juristen verfasst worden. Greiners Buch ragt aus diesem unübersichtlichen Dschungel heraus, weil er das wichtige Thema mit den Werkzeugen und der Sorgfalt eines Wissenschafters behandelte.

Lange Liste von Vorwürfen

Die Liste der Vorwürfe der Verschwörungstheoretiker und Skeptiker an der offiziellen Version ist lang: Geheimdienste hätten die Tragödie verhindern können, aber eine Verhaftung von Osama Bin Laden sei politisch unerwünscht gewesen. Die Flugzeuge seien nicht von Entführern gesteuert, sondern durch manipulierte Bordcomputer gegen den Willen einer hilflosen Besatzung automatisch ins Ziel gelenkt worden. Nicht explodierende Flugzeuge, sondern kontrolliert detonierte Sprengungen hätten die Zwillingstürme zum Einsturz gebracht. Das Pentagon sei nicht von einem Flugzeug, sondern von einer Cruise Missile der US-Streitkräfte getroffen worden.

Die Air Force habe das Flugzeug über Shanksville abgeschossen. Insider hätten in den Tagen vor dem Anschlag auffällig mit Aktien der betroffenen Fluggesellschaften und mit Obligationen im Word Trade Center niedergelassener Investmenthäuser spekuliert und hohe Gewinne erzielt. Israelische Banker und Regierungsstellen seien über das Kommende im Bild gewesen und hätten rechtzeitig Warnungen ausgegeben und damit jüdische Opfer verhindert, etc., etc.

Ewig gleiches Muster

Bernd Greiner demaskiert in seinem klugen Buch das ewig gleiche Muster all dieser Verschwörungstheorien messerscharf: «Jedes Detail wird auf einer Fertigmatrix in Kausalketten eingepasst, bis am Ende alles Zufällige, Ungereimte und Kontingente geplant, beabsichtigt und wohlüberlegt erscheint. Fazit: Was am 11. September geschah, hätten US-Geheimdienste entweder ausgeheckt oder im Wissen um die Pläne der Terroristen geduldet – angeblich, um einen Vorwand für einen Krieg um Öl und gegen Muslime in der ganzen Welt zu finden.»

Die az widmet sich diese Woche aus Anlass des 10. Jahrestages von 9/11 den fünf wichtigsten 9/11-Verschwörungstheorien in einer Artikelserie. Dabei werden die am meisten verbreiteten Behauptungen der 9/11-Skeptiker kurz vorgestellt und auf der Basis des inzwischen zugänglich gewordenen, recht vielfältigen wissenschaftlichen Materials zu den Terroranschlägen diskutiert und widerlegt.

Sehr gute Quellenlage

Die Quellenlage für die Geschichtsschreibung von 9/11 erweist sich zehn Jahre danach überraschenderweise als sehr gut: Zahlreiche Mitglieder der Bush-Regierung haben inzwischen ihre Memoiren publiziert und dabei Interna preisgegeben, darunter Präsident George W. Bush, sein Vize Dick Cheney oder der Koordinator der Anti-Terror-Politik Richard Clarke.

Auch investigative Journalisten wie Seymour Hersh, Dana Priest, Barton Gellmann und Ron Suskind haben hervorragende Recherchen betrieben. Zudem sind Hunderte von Geheimakten freigegeben worden, darunter beispielsweise der Funkverkehr mit den entführten Flugzeugen oder die Audioaufnahmen aus dem Hauptquartier der militärischen Luftraumüberwachung. Diese Dokumente wurden nicht nur von der offiziellen Untersuchungskommission penibel ausgewertet, sondern auch John Ehrenberg, Karen Greenberg und John Prados haben einschlägige Editionen vorgelegt. Historiker des National Security Archive in Washington haben zudem umfangreiche Quellensammlungen aufgearbeitet und im Internet publiziert.

Diese Originaldokumente liefern ungewöhnliche Einblicke auf den 11. September 2001 und machen klar: Es gab Fehler und Missverständnisse -- aber keine gross angelegte regierungsinterne Verschwörung.

Bernd Greiner 9/11: Der Tag, die Angst, die Folgen. Beck, München 2011. Fr. 32.90.

Lesen Sie morgen in der az:

Teil 1: Weshalb schoss die US-Luftwaffe die entführten Flugzeuge am 11. September 2001 nicht ab?