Lockern statt Lockdown
Gibraltar will volle Fussballstadien bis in vier Wochen: Das Territorium könnte ein Vorbild für die Schweiz werden

Die britische Enklave zeigt der Welt einen Weg aus dem Coronastillstand. Die hohe Impfrate ist nur ein Teil des Erfolgskonzepts.

Manuel Meyer
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Volle Beizen, keine Masken: Gibraltar wagt es.

Volle Beizen, keine Masken: Gibraltar wagt es.

Javier Fergo/AP

Im Lord Nelson Pub auf Gibraltars Casemates Square ist kaum noch ein Tisch frei. Gleich beginnt das Champions League Viertelfinale Liverpool gegen Real Madrid. Stuart, Jeff und Eric haben den besten Platz direkt vor dem Fernseher erwischt. Mit Guinness-Bier in der Hand stimmen die drei Liverpool-Fans die Vereinshymne an. Niemand trägt Mundschutzmasken. Es wird gesungen, gefeiert, gejubelt. «Es tut gut, wieder ein normales Leben führen zu können», sagt Stuart.

Auch die 14'000 Gastarbeiter, die täglich von Spanien her über Gibraltars Grenze pendeln, wurden geimpft.

Auch die 14'000 Gastarbeiter, die täglich von Spanien her über Gibraltars Grenze pendeln, wurden geimpft.

Manuel Meyer

Gibraltar, die britische Enklave am Südzipfel Spaniens, hat erreicht, worauf die Schweiz und der Rest Welt wohl noch mindestens bis zum Herbst warten müssen: Herdenimmunität. Seit Mitte April sind praktisch alle Erwachsenen gegen Covid-19 geimpft. Auch die rund 14000 spanischen Gastarbeiter, die täglich über die Grenze kommen, wurden immunisiert. Seitdem gilt in Bars, Restaurants, auf den Strassen und in den meisten Einrichtungen keine Maskenpflicht mehr. Die Gaststuben sind wie vor der Pandemie wieder bis zwei Uhr morgens offen. Ab dieser Woche dürfen sogar wieder Livekonzerte und Fussballspiele mit Zuschauern stattfinden.

Am 1. Mai fällt Maskenpflicht für Pflegepersonal

Logistisch war die Durchimpfung Gibraltars bei knapp 34000 Menschen kein grösseres Problem. Zudem führte die Regierung einen Impfpass ein. Jeder hier hat eine App, die Impfdaten und Testergebnisse speichert. Laut diesen Daten ist derzeit kein einziger Gibraltarer mit Covid-19 infiziert.

Gibraltars Gesundheitsministerin Samantha Sacramento.

Gibraltars Gesundheitsministerin Samantha Sacramento.

Manuel Meyer

Gesundheitsministerin Samantha Sacramento sagt, die Disziplin der Bürger habe entscheidend zum erfolgreichen Kampf gegen die Pandemie beigetragen. «Das kleine Gibraltar hat eine extrem hohe Bevölkerungsdichte. Ich glaube, alle waren sich bewusst, verantwortlich handeln zu müssen, um eine grössere Katastrophe zu verhindern», erklärt Sacramento.

Insgesamt infizierten sich 4291 Menschen, 94 starben. Das dürfe sich nicht wiederholen, betont die Gesundheitsministerin:

«Die Impfung ist kein Freibrief, um zur alten Normalität zurückzukehren. Wir müssen weiterhin vorsichtig sein und lockern die Massnahmen trotz der Durchimpfung nur langsam und schrittweise.»

Im ÖV und in vielen Geschäften gilt weiterhin Maskenpflicht. Busse dürfen nur zur Hälfte besetzt werden. Gastro-, Putz- und Pflegepersonal müssen noch bis zum 1. Mai weiterhin Masken tragen.

Auch bei Grossveranstaltungen wie Fussballspielen lockert Gibraltar nur vorsichtig. Beim WM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande waren Ende März erstmals 600 Zuschauer zugelassen. Voraussetzung war, beide Impfdosen erhalten und am Tag des Spiels einen negativen Coronatest gehabt zu haben. Seit Sonntag können im Victoria Stadium 50 Prozent der 5000 Plätze belegt werden. Ab dem 30. April dürfen es 66 Prozent sein, ab dem 14. Mai dann wieder 100 Prozent.

Ohne Touristen droht der Bankrott

Damit der Tourismus wieder in Gang kommt, hat Gibraltar in Grossbritannien bereits eine Werbekampagne für den Besuch im «Covid-freien» Landzipfel lanciert. «Der Tourismus macht fast 45 Prozent unseres gesamten Bruttoinlandproduktes aus. Wir müssen einen Mittelweg zwischen Öffnung und Schutz finden», sagt Tourismusminister Vijay Daryanani.

Die Läden sind offen, die Stimmung ist gut: Gibraltar ist da, wo viele andere Länder gerne sein möchten.

Die Läden sind offen, die Stimmung ist gut: Gibraltar ist da, wo viele andere Länder gerne sein möchten.

Manuel Meyer

Zumindest die Einwohner Gibraltars fangen langsam an, wieder zu konsumieren. Allan Oncina muss im Lord Nelson Pub jedenfalls ein Bier nach dem anderen zapfen. «Ich habe die Stelle vor einem Monat erhalten, weil das Leben hier nun wieder richtig beginnt. In meiner Heimat habe ich während der Pandemie nichts gefunden», sagt der 24-jährige Spanier.

Er bringt Stuart und seinen Freunden eine letzte Runde Guinness. Es ist zwar erst 23 Uhr. Aber die Fussballfans haben keine Lust mehr, zu trinken. Die Stimmung ist am Boden. Real Madrid hat den FC Liverpool aus der Champions League gehauen.

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