Libyen
Libyen-Experte: «Gaddafi wird alle Mittel einsetzen, die ihm bleiben»

Gaddafi ist nicht unschlagbar, aber noch nicht am Ende, sagt Luis Martinez. Solange der Despot lebe, sei er nie am Ende. Martinez, ein franko-marokanischer Forscher, gilt als einer der besten Libyen-Kenner.

Stefan Brändle
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Gaddafi soll noch Monate Krieg führen können

Gaddafi soll noch Monate Krieg führen können

Keystone

Wie schätzen Sie die militärische Lage in Libyen ein?

Luis Martinez: Gaddafis Truppen wurden vor allem an den Orten, wo sie besonders stark präsent waren, geschwächt. An der Ostküste vor Bengasi wurden sie gestoppt, aber nicht besiegt. Gaddafi kann derzeit keine Gegenoffensive mehr starten; seine Widerstandskraft bleibt jedoch intakt.

Heisst das, dass er sich noch lange halten kann?

Vieles hängt von der Intensität der alliierten Einsätze ab. Schwächen sie sich ab, wird es mehr Zeit in Anspruch nehmen, die gesteckten Ziele – Regimesturz oder nicht – zu erreichen. Die internationale Koalition muss sich ernsthaft überlegen, ob sie nicht ihre Strategie ändern und die Aufständischen bewaffnen soll.

Welche psychologische Wirkung haben die Bombeneinsätze auf die Bevölkerung?

Die meisten Libyer empfinden sie wie eine Segnung. Sie rechneten zuvor mit dem Schlimmsten; zum Beispiel, dass Gaddafi mithilfe von Söldnern systematische und monatelange Massaker anordnen könnte. Jetzt, wo sie die rauchenden Panzerwracks der Gaddafi-Truppen sehen, atmen sie zuerst einmal auf.

Und in Tripolis?

Tripolis ist eine riesige Stadt und es kann gut sein, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung zu Gaddafi hält. Er kann an sich nur auf seinen Clan zählen, doch sind viele Leute von ihm abhängig. Die bisher sehr präzisen Bombardierungen bedrohen die Leute nicht direkt, könnten sie aber auf die Dauer zermürben. Die Hauptstadtbewohner fürchten sich eher vor dem Vormarsch der Rebellen.

Wie kann die Koalition ein Versanden wie in Afghanistan verhindern?

Sie muss versuchen, ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis zwischen dem Regime und den Aufständigen herzustellen. Letztere müssen dann beweisen, dass sie sich durchsetzen können und dass die Bevölkerung zu ihnen steht. Mit der Zeit könnten in vielen Provinzstädten, in denen es bisher ruhig war, Aufstände beginnen.

Auch in Tripolis?

Das ist schwer zu sagen. Wenn Gaddafi dort seine Macht wahrt, ist ein somalisches Szenario denkbar, mit einer Hauptstadt, die zu einem zweiten Mogadischu würde. Wer immer das verhindern und Tripolis erobern will, muss sich auf eine mörderische Auseinandersetzung gefasst machen.

Gaddafi wird sich nicht so schnell geschlagen geben.

Gaddafi ist äusserst schlau, und er wird alle Mittel einsetzen, die ihm bleiben – Verbreitung von Chaos in den Städten, Propaganda, der «grüne Marsch» auf Bengasi, gegen den die Flugzeuge der Koalition machtlos sind. Aber er ist nicht unschlagbar. Vor zwei Wochen beging er einen strategischen Fehler, als er sich nicht damit begnügte, die Stadt Ras Lanuff und damit die wichtigste Ölraffinerie des Landes zurückzuerobern. Er bedrohte vielmehr Bengasi, was die UNO-Resolution und den Militäreinsatz erst möglich machte.

Hat die Rebellenfront ihrerseits Mittel, um sich durchzusetzen?

Das hängt von den Waffenlieferungen ab. Wir werden wohl erst in drei, vier Wochen klarer sehen, wer obenaus schwingt. Parallel zu den Bombenangriffen ist von den Rebellen am Boden nicht nur militärisches, sondern auch politisches Geschick gefragt. Der «Nationale Übergangsrat» in Bengasi baut lokal Revolutionskomitees auf, doch die müssen zuerst das Chaos verhindern und für Nahrungsmittel und ein Minimum an Sicherheit sorgen.

Wäre nach Gaddafis Sturz ein Prozess wie in Tunesien mit Beteiligung aller Oppositionsströmungen denkbar?

Ja, wenn sie die politische Intelligenz haben, eine Kompromisslösung wie in Tunesien anzustreben. Die Grundlage dafür wäre mit der föderalen Landesstruktur gegeben.

Könnte Gaddafi nach einem Sturz weiterexistieren?

Durchaus – und sehr bequem. «Sein» Land verfügt über 100 Milliarden Dollar an Ölgewinnen, und er hat wohl in allen Offshore-Zentren Geld und Diamanten versteckt. Zudem hat er viele Freunde in Afrika, wo ihm Minen, Immobilien und Unternehmen gehören. Aber Gaddafi ist noch nicht am Ende. Solange er lebt, ist er nie am Ende.

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