Terror in Paris
Leise Angst durchzieht die Stadt der Liebe

Der Alltag hat Paris wieder – und doch ist alles anders. Die nationale Staatstrauer lastet schwer über der Hauptstadt.

Stefan Brändle
Drucken
Teilen
Surreale Szene: Ein Soldat und ein Liebespaar bei der Basilika Sacre Coeur in Paris

Surreale Szene: Ein Soldat und ein Liebespaar bei der Basilika Sacre Coeur in Paris

Keystone

Zum Glück sind da noch die Kinder. Vor dem Kindergarten, der Ecole Maternelle Saint Benoît, lachen und springen sie an diesem Morgen auf dem Gehsteig, als wäre nichts. Mit fröhlichem Geschrei stürmen sie ins Gebäude, dessen Pforte öffnet. An sich müssten hier wegen des Antiterrorplanes Vigipirate Polizisten stehen. «Die werden andernorts gebraucht», sagt die Direktorin, die den Sicherheitsdienst nun selber übernommen hat. Nach 11 Uhr wird sie die Kinder versammeln und die schwierige Aufgabe übernehmen, ihnen zu erklären, dass sie nun verstummen sollen. Und was diese Schweigeminute bedeutet.

Paris hat sich am Montag aufgerafft, ist wieder zum Alltag zurückgekehrt. Zugleich werden sich die zwei Millionen Einwohner erst halbwegs bewusst, was passiert war, wenn die Souvenirfotos von mehr als hundert Attentatsopfern in Endlosschleife an den Medienbildschirmen vorbeiziehen – junge, lachende, hoffnungsvolle Gesichter. Der Schock geht tief, die Spannung ist gross in der Stadt; mehrfach ist es schon fast zur Massenpanik gekommen, als die Polizei wegen des von Präsident Hollande ausgerufenen Notstandes einen öffentlichen Platz räumen wollte.

Die Stadt ist ruhig und leer

Am Montag bleibt die Stadt allerdings seltsam leer. Im «Bonaparte», dem sonst brechend vollen Bistro neben dem Kindergarten Saint-Benoît, bleiben die roten Rohrstühle leer; nur eine Frau trinkt einen Kaffee ganz am Rand der Terrasse – zwecks besserer Fluchtmöglichkeit? Noch erstaunlicher: Hier im 6. Arrondissement findet man plötzlich freie Parkplätze. Die Erwerbstätigen fahren zwar zur Arbeit; alle anderen folgen aber dem Aufruf der Polizeipräfektur, im Idealfall zu Hause zu bleiben.

Auch in der Metro bleiben viele Sitzplätze unbenützt. Die Stimmung ist bedrückt, ältere Mitfahrende schauen über den Brillenrand wie nebenbei, in Wahrheit aber sehr genau hin, wer gerade einsteigt. Alles ist ein wenig anders geworden, auch wenn es auf den ersten Blick wie immer scheint. Eine kleine Ausnahme: In einem Wagen der Linie 4 hat jemand eine Zeichnung an ein Fenster geklebt. Darauf stemmen ein paar Strichmännchen den zerbrochenen Eiffelturm wieder in die Höhe, neben der Inschrift: «L’amour vaincra» – die Liebe wird siegen. Vor allem in der Stadt der Liebe.

Eine junge Frau nähert sich und zückt ihr Handy, um die Zeichung zu fotografieren, und sagt «pardon» zum Sitznachbarn, der wegen ihrer Bewegung nervös aufgeschaut hat. Er versteht aber rasch, dass es ihr um die Zeichnung geht, und rückt schweigend zur Seite. Die übrigen Menschen verfolgen die Szene, ohne ein Wort zu sagen. Alle verstehen, alle fühlen sich ja gleich.

Die Linie 4 fährt vorbei an der Station Cité, gleich beim Spital Hôtel-Dieu, wo zahlreiche verletzte Anschlagsopfer liegen, zum Teil schwer verletzt, operiert «gemäss Kriegschirurgie», wie ein Pariser Chefarzt meinte. Über die Lautsprecher ergeht die Auskunft, dass die Metrolinie 7 nicht verkehre; das dafür verantwortliche «colis suspect», das verdächtige Paket, werde aber weggeräumt.

Noch mehr Militärpolizei

Beim Gare du Nord, wo täglich mehr als eine halbe Million Pendler und Reisende vorbeihasten, kommt in den Gängen zuerst eine Militärpatrouille entgegen, à je drei Mann in Tarnanzügen, das Gewehr geschultert. Sie sind jetzt noch zahlreicher, obwohl das Vigipirate-Dispositiv bereits vorher auf der höchsten Alarmstufe war.

Etwas weiter auf der Linie 4, bei der Station Barbès, wo viele Immigranten aus allen Erdteilen leben, ändert sich die Zusammensetzung der Fahrgäste und ihre Hautfarbe. Die Stimmung bleibt indes dieselbe – man gibt sich unbeteiligt, ist aber auf der Hut. Nur keine Betroffenheit zeigen, ja keine Angst. Ein kurzer Moment kollektiven Schreckens, als auf einmal vier stämmige Männer in blauen Overalls durch verschiedene Türen hereinkommen. Auf ihren Armetiketten steht kleingedruckt «RATP Sûreté» (Metro-Sicherheit). Erleichtert schauen die Passagiere wieder durch das Fenster in den schwarzen Metrotunnel, als gäbe es dort etwas zu sehen.

Aktuelle Nachrichten