Lautstarkter Aktivist
Sogar Boris Johnson hat er in Rage gebracht: Dieser Mann hat das Brexit-Bashing zum Beruf gemacht

Seit fünf Jahren kämpft Steve Bray in London tagtäglich gegen den Brexit. Jetzt will ihn der britische Premier mit einem Gesetz stoppen.

Gabriel Felder, London
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Seit 5 Jahren im Dauer-Protest: Der Londoner Aktivist Steve Bray hat grad wieder alle Hände voll zu tun.

Seit 5 Jahren im Dauer-Protest: Der Londoner Aktivist Steve Bray hat grad wieder alle Hände voll zu tun.

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«Ich weiss inzwischen, wie man diesen Platz stilllegt», sagt Steve Bray und schaut fast väterlich auf den Parliaments Square im Londoner Stadtzentrum. Bray, eigentlich gelernter Münzhändler, steht seit dem Brexit-Entscheid seiner Landsleute 2016 fast jeden Tag hier vor im Regierungsviertel und schwenkt seine Transparente.

Er sei der «Erzfeind des Brexits», sagt der 52-Jährige bestimmt. Auch fünf Jahre nach dem längst Realität gewordenen Bruch mit Europa kämpft er täglich gegen die politische Scheidung von der EU an. Der aktuelle Streit der Briten mit der EU über Nordirland ist schliesslich nur eines von vielen Problemen, die es ohne den Brexit gar nicht gäbe.

Das Vereinigte Königreich sei kaum in der Lage, all die Probleme der Briten zu lösen, sagt Bray in einem der manikürten Gärtchen hinter dem Parlamentsgebäude. «In zehn Jahren werden wir zurück in der EU sein, wahrscheinlich sogar früher. Es ist immer noch möglich, den Brexit abzuklemmen», sagt er selbstbewusst und strahlt die Ruhe eines Wahrsagers aus.

Und dann stand da plötzlich der Regierungschef

Ruhe passt sonst nicht zu Steve Bray: Normalerweise dreht er sofort die Lautstärke auf, wenn er einen Politiker oder eine Politikerin erspäht. Bray ist inzwischen Fachmann, wenn es darum geht, Parlaments- und Kabinettsmitglieder auf dem Weg in die heiligen Hallen von Westminster abzufangen. «Die meisten sind ganz angenehme Zeitgenossen und nehmen sich Zeit für einen kurzen Schwatz.» Nett oder nicht – Bray lässt seiner Meinung freien Lauf. Und genau diese unverblümte Direktheit machte ihn zur Hoffnungsfigur im Brexit-skeptischen Teil der Bevölkerung.

Bray, manchmal ganz im Blau der EU eingekleidet, erachtet es als seine patriotische Pflicht, die Konsequenzen eines «fehlgelaufenen politischen Projekts» in aller Öffentlichkeit anzusprechen. Premierminister Boris Johnson bezeichnete er bei einem spontanen Zusammenprall als «Lügner, Betrüger und Scharlatan», direkt in dessen Gesicht. Er habe dem Regierungschef in die Augen geblickt und ihn wissen lassen, dass die Geschichte mit «Abscheu auf seine Zeit als Premierminister zurückschauen» werde.

Will Steve Bray und seinen aktivistischen Kollegen das Protestieren erschweren: der britische Premier Boris Johnson.

Will Steve Bray und seinen aktivistischen Kollegen das Protestieren erschweren: der britische Premier Boris Johnson.

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«Hau doch ab!»

Das habe ihm der mächtigste Politiker des Landes geantwortet. «Wenn sich Johnson in eine Ecke gedrängt fühlt und sein linkischer Charme nicht mehr zieht, kann er ziemlich ungemütlich reagieren», sagt Bray.

Nebst dem mächtigen Feind von der 10 Downing Street hat sich der bunte Brexit-Feind in all seinen Jahren als Aktivist auch mächtige Freunde gemacht. «Leute wie Steve Bray sind nötiger denn je», sagt Alastair Campbell, ehemaliger Kommunikationschef in der Regierung von Tony Blair. Er bewundere Brays Durchhaltevermögen, es habe direkte politische Auswirkungen.

Die Johnson-Administration führt demnächst neue Gesetze ein, die Proteste auf öffentlichem Grund erschweren sollen, was seiner Meinung nach mit Steve Brays unnachgiebiger Ein-Mann-Demonstration zu tun hat: «Steve sollte dieses undemokratische Gesetz als Ehrennadel tragen», sagt Campbell.

Kampf gegen apathische Landsleute

Der Blick auf die Umfragewerte von Johnsons Regierung macht Steve Bray manchmal stotzig. Trotz der Versorgungsengpässe, trotz des Streits mit der EU über die Nordirland-Frage, trotz des chaotischen Rückzugs aus Afghanistan: Johnsons Tories geniessen in den Umfragen immer noch einen komfortablen Punktevorsprung auf ihre politischen Kontrahenten. «Grossbritannien war nie wirklich ein sehr politisches Land», erklärt Bray.

«Wir sind nicht wie Frankreich, wo die Leute auf die Strasse gehen. Hier herrscht Apathie: Da können wir halt nichts machen, lautet der Grundtenor.»
Wünscht sich von seinen Landsleuten mehr Einsatz für die Politik: der Aktivist Steve Bray.

Wünscht sich von seinen Landsleuten mehr Einsatz für die Politik: der Aktivist Steve Bray.

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Nichtsdestotrotz, für ihn sei es ein Rund-um-die-Uhr-Job, diese Regierung zur Rechenschaft zu ziehen. «Ich gebe nicht auf, bis wir wieder ein Mitglied der EU sind», verspricht Bray.

Nur: Wie kann man davon leben? Und wer zahlt eigentlich für Plakate, Spruchbänder und Energieriegel? Bray schmunzelt und erzählt von einem Crowd­funding-Projekt. «Ich würde das natürlich alles umsonst machen, aber das Geld hilft mir, die Botschaft auf dem neusten Stand zu halten.» Man könne eine Vollzeit-Kampagne längerfristig nicht nur mit Herzblut am Laufen halten: «Ausserdem sagen mir EU-Anhänger, dass sie mit ihrer Spende das Gefühl erhielten, vielleicht doch etwas bewirken zu können.

In Saus und Braus lässt es sich als fleischgewordenes Anti-Brexit-Megafon aber natürlich nicht leben. Steve Bray nimmt’s gelassen: «Ich lebe einfach und bin zufrieden mit gebackenen Bohnen auf einer Scheibe Toastbrot.» Schliesslich gibt es Wichtigeres im Leben.

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