Corona-Ursprung
Labortheorie: Jetzt lenken die Chinesen den Verdacht auf ein amerikanisches Forschungsinstitut

Fünf Millionen Chinesen fordern eine WHO-Untersuchung eines US-Labors in Maryland. Die Propaganda der Staatslenker wirkt.

Fabian Kretschmer, Peking
Merken
Drucken
Teilen
Nix zu sehen! Ein chinesischer Sicherheitsmann verscheucht den Fotografen vor dem Wuhan Institute of Virology.

Nix zu sehen! Ein chinesischer Sicherheitsmann verscheucht den Fotografen vor dem Wuhan Institute of Virology.

AP

Der Ursprungsort des Corona-Virus? Der liege ganz klar in den USA! Dieses Gerücht verbreitet derzeit die nationalistische chinesische Zeitung «Global Times». Sie hat – wohl auf Geheiss der Führungsriege in Peking – eine Petition lanciert, die eine entsprechende Untersuchung durch die Weltgesundheitsorganisation WHO im amerikanischen Biowaffen-Labor Fort Detrick vor den Toren von Washington D.C. fordert. Mehr als fünf Millionen Chinesen haben die Petition bereits unterzeichnet.

Die Hypothese zum amerikanischen Ursprung des Virus haben chinesische Regierungsvertreter bereits letztes Jahr gezielt gestreut. Dank des umfassenden Zensurapparats verfängt diese Verschwörungstheorie beim Volk: Viele Chinesen sind davon überzeugt, dass das Virus aus dem Ausland stammt.

WHO: Schluss mit diplomatischen Tonfall

Neue Dynamik in die Debatte gebracht hatte eine erstaunlich deutliche Ansage des ansonsten sehr diplomatischen Tedros Adhanom Ghebreyesus. Der WHO-Chef sagte an die Adresse von Peking, man habe die Möglichkeit, dass das Virus aus einem chinesischen Labor entwichen sein könnte, nicht genügend untersucht.

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus will nochmals genauer hinschauen in Wuhan.

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus will nochmals genauer hinschauen in Wuhan.

AP

Peking solle endlich die Rohdaten der ersten Patienten aus Wuhan übermitteln und transparenter agieren. Zudem schlug Ghebreyesus eine zweite Forschungsreise von WHO-Experten vor, die sich vor Ort in Wuhan umschauen sollten.

Tiefkühlprodukte statt Wildtiermarkt

Chinas Reaktion war überdeutlich: Zeng Yixin, Vize-Leiter der nationalen Gesundheitsbehörden, zeigte sich «schockiert» über diesen Vorschlag. Nebst der Theorie über den amerikanischen Ursprung des Virus lässt der Machtapparat in Peking deshalb eine weitere Hypothese kursieren; die «frozen food theory», die behauptet, das Virus habe sich über Tiefkühlprodukte und nicht etwa durch die Übertragung auf einem chinesischen Wildtiermarkt verbreitet.

Die sture Haltung Chinas belegt auch das neue Selbstbewusstsein einer Nation, die ganz offensichtlich keine Rücksicht mehr darauf nimmt, wie sie im Ausland wahrgenommen wird.

Die Intransparenz der Chinesen sorgt insbesondere im Westen für Unmut. Erst über ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie hatte Peking ein Team der WHO ins Land gelassen, um – unter ständiger Regierungskontrolle und nur gemeinsam mit einem chinesischen Wissenschaftler-Team – eine zweiwöchige Untersuchung durchzuführen. Viele kritische Daten, darunter die Rohdaten früherer Patienten aus Wuhan, konnten die WHO-Forscher jedoch nicht einsehen.