Kobane
Kurdinnnen kämpfen gegen IS: «Zurückweichen kommt nicht infrage»

Hunderte von jungen Kurdinnen kämpfen in der syrischen Grenzstadt gegen die IS-Dschihadisten. Sie empfinden das als Teil ihrer Befreiung.

Michael Wrase, Mürsitpinar
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Rehana, der «Engel von Kobane», ist ein Produkt der Propaganda.

Rehana, der «Engel von Kobane», ist ein Produkt der Propaganda.

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Sie ist nicht nur schön, sondern auch treffsicher. Mehr als 100 IS-Terroristen soll die junge Kurdin mit dem Kampfnamen «Rehana» in den Gefechten um Kobane getötet haben. Dort posierte die 28-Jährige Anfang August mit dem Victory-Zeichen. Sieben Wochen später dann der Schock: Ein saudischer Twitterer stellte ein Foto ins Netz, das einen höhnisch grinsenden IS-Kämpfer mit dem Kopf der mutigen Kurdin zeigen sollte.

War der «Engel von Kobane», wie Rehana genannt wurde, tatsächlich bestialisch abgeschlachtet worden? Es dauerte eine weitere Woche, bis die Wahrheit ans Licht kam: Rehana lebt. Und sie kämpft noch immer in Kobane. Aber nicht an vorderster Front. Die Propagandisten der kurdischen Volksschutzeinheiten hatten mit der schönen Rehana ein kurdisches Idol geschaffen, das in dem auch im Internet geführten Kampf gegen die Dschihadisten weltweit für Furore sorgte. Seht her, lautete die Botschaft: Hier kämpft eine junge emanzipierte Kurdin gegen die Übermacht des Bösen.

Lange Tradition in Kurdistan

Gelogen hatten die Propagandisten nicht. Aber etwas übertrieben. Nicht nur Rehana, sondern Hunderte von jungen Kurdinnen wehren sich in Kobane und anderen Autonomieregionen der syrischen Kurden mit wachsendem Erfolg gegen die Dschihadisten. «Nirgendwo im Mittleren Osten spielt die Frau derzeit eine aktivere Rolle als in der kurdischen Freiheitsbewegung», betont Asya Abdallah, die mit Salih Muslim die Doppelspitze der «Partei der Demokratischen Einheit» (PYG) bildet.

«Egal ob im politischen, im sozialen oder militärischen Bereich: Überall ist die kurdische Frau im Kampf vertreten», fügt Asya Abdallah selbstbewusst hinzu. Das hat in Kurdistan eine lange Tradition. Bereits Ende der 1970er-Jahre hatte die marxistisch-leninistische PKK den Kampf gegen das in den türkischen Kurdengebieten herrschende Feudalsystem auf ihre Fahne geschrieben. Dazu gehörte auch die Befreiung der Frau.

«Viele Frauen empfinden die Mitgliedschaft in der PKK und ihrer syrischen Tochterorganisation PYG als Befreiung», schreibt die amerikanische Journalistin Aliza Marcus in ihrem Buch «Blood and Relief», in dem sie über den kurdischen Unabhängigkeitskampf berichtet. «Das Leben in der südöstlichen Türkei ist für Frauen unglaublich brutal und eingeschränkt. Sie können in jungen Jahren verheiratet werden und die Familie kann ihnen den Schulbesuch verbieten.» Als PKK-Kämpferinnen könnten sie wenigstens selbst über ihr Leben bestimmen, lesen und schreiben lernen, sich für den Freiheitskampf engagieren.

Eine feministische Organisation sei die PKK nicht, betont Aliza Marcus. Frauen und Männer werden streng getrennt. Liebesbeziehungen oder Ehen sind verboten. Die syrische PYG scheint in diesem Punkt toleranter zu sein. Im gemeinsamen Kampf gegen die IS-Terroristen ist für Flirts ohnehin keine Zeit. Bei unserem Besuch am Rande des Kampfgebietes konnten wir beobachten, dass sich die jungen Männer und Frauen herzlich und kameradschaftlich begegnen.

Darüber hinaus sind die auch ideologisch hervorragend geschulten Widerstandskämpferinnen unglaublich diszipliniert, was in den brutalen Gefechten gegen die Dschihadisten von Vorteil ist. «Zurückweichen kommt für uns nicht infrage», sagte uns die PYG-Kämpferin Nazamin. Um ihre Gegner einzuschüchtern, würden die Dschihadisten oft in Rudeln angreifen. «Auch dann bleiben wir ruhig und versuchen sie nacheinander abzuknallen», sagte Nazamin lächelnd.

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