Kunstthriller
«Salvator Mundi» gar nicht von da Vinci? Das teuerste Gemälde der Welt wird zum umstrittensten

Das 450 Millionen Dollar teure Ölgemälde «Salvator Mundi» stammt laut Louvre-Experten nicht von Leonardo da Vinci. Auch Frankreichs Präsident Macron liess sich von den saudischen Besitzern nicht umstimmen.

Stefan Brändle, Paris
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«Salvator Mundi» von Leonardo da Vinci - oder doch nicht? Louvre-Experten sähen Zweifel an der Urheberschaft.

«Salvator Mundi» von Leonardo da Vinci - oder doch nicht? Louvre-Experten sähen Zweifel an der Urheberschaft.

Andy Rain / EPA

Das Bild des rätselhaften «Weltenerlösers» ist über 500 Jahre alt, aber den diplomatischen Streit um seine Urheberschaft hat es bis heute nicht geschlichtet. Im Gegenteil sorgt das Renaissance-Gemälde nun für heisse Köpfe. Ein Dokumentarfilm, der für nächsten Dienstag auf dem Fernsehsender France-5 programmiert ist, bringt nun zumindest etwas Licht in eine Affäre, die einem Politthriller gut anstehen würde.

Der «Salvator Mundi» war 2013 vom Schweizer Kunsthändler Sylvain Bouvier für 80 Millionen Dollar erstanden worden und kurz darauf für 127 Millionen an den russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew gegangen. Dieser ging in der Folge wegen angeblicher Übervorteilung vor Gericht. Vier Jahre später brachte das Auktionshaus Christie’s das Gemälde zur Versteigerung. Ein unbekannter Käufer erstand es in einem bereits legendären Bieterwettbewerb für 450 Millionen Dollar.

Der neue Besitzer: Kronprinz Mohammed bin Salman

In dem Dokumentarfilm von Antoine Vitkine bestätigen zahlreiche Zeugen zumindest einen Umstand: Der Besitzer ist niemand anderer als der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, auch MBS genannt. Er schlug die früh entstandenen Zweifel an der Urheberschaft in den Wind; denn um sich ein weltoffenes Image zu geben, war er richtiggehend versessen auf das Bild mit dem Christus, der die rechte Hand hebt und in der linken eine Kristallkugel hält.

Bei einem Treffen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron bot MBS im April 2018 an, das Gemälde bei der grössten je organisierten Da Vinci-Retrospektive in Paris ein Jahr später zu zeigen. Offiziell ging es bei dem Besuch im Elysée-Palast, bei dem sich die beiden Staatenlenker herzlich umarmten, um das Atomabkommen mit dem Iran und Wirtschaftsaufträge über 14,5 Milliarden Euro.

Geopolitik mit Ölgemälde

Laut dem Dokumentarfilmer Vitkine verlangte der Saudi dabei aber auch eine Echtheitsgarantie für den «Salvator Mundi». Zur Bedingung für die Leihgabe machte er, dass der Louvre – wo wichtige Leonardo-Werke wie Mona Lisa hängen – zu «100 Prozent» beglaubige, dass der Weltenerlöser vom Meister selbst stammt.

Für Frankreich stand viel auf dem Spiel: Saudi-Arabien ist für die Pariser Diplomaten und Waffenexporteure heute ein «strategischer Partner». Aussenminister Jean-Yves Le Drian und Kulturminister Franck Riester wollten auf die Forderung aus Riad eingehen; auch Louvre-Direktor Jean-Louis Martinez zeigte sich empfänglich für die saudischen Lobbyisten, die zu dem Zweck ganze Delegationen nach Paris schickten.

Macron blieb aber hart. Zum einen wollte er den Ruf der Louvre-Expertise nicht aufs Spiel setzen. Zudem wurde MBS im Oktober 2018 auch noch bezichtigt, er habe die Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi in Auftrag gegeben. Im September 2019 verweigerte der französische Präsident die diplomatisch verbrämte Beglaubigung des Gemäldes. Einen Monat später öffnete die Ausstellung im Louvre ihre Tore, ohne den «Salvator» zu zeigen.

Der Meister soll «nur beigetragen» haben

Laut dem Dokumentarfilm ist die Louvre-Mission im Nachhinein zum Schluss gekommen, dass da Vinci zu dem ominösen Christus-Gemälde «nur beigetragen» habe. Mehr als ein paar schwierige Passagen sollen also nicht vom Meister stammen. Die Hauptarbeit leisteten demnach seine beiden Schüler Luini oder Boltraffio. Und ihr Marktwert liegt bedeutend unter 450 Millionen Dollar.

Wo sich das teuerste Gemälde heute befindet, vermag auch der Dokumentarfilmer Vitkine nicht zu sagen. Früher war schon von einem Zollfreilager in der Schweiz die Rede gewesen. Aber vielleicht hat Bin Salman den Weltenerlöser auch in einem seiner Privatgemächer hängen. Falls er ihn überhaupt noch anschauen mag.