Kriegsgefahr
«Wir Ukrainer werden uns verteidigen»: So gehen die Menschen im Land mit der russischen Bedrohung um

Wladimir Putin droht mit Invasion, der Westen ist alarmiert. Und die Menschen in der Ukraine? Die zeigen sich zunehmend kämpferisch.

Fabian Hock
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Sie üben den Ernstfall: Mit­glieder der «territorialen Verteidigung» der Ukraine beim Training in Kiew.

Sie üben den Ernstfall: Mit­glieder der «territorialen Verteidigung» der Ukraine beim Training in Kiew.

Ein weitverbreitetes Missverständnis in diesen Tagen ist, dass die Ukraine kurz vor einem Krieg mit Russland stünde. Das stimmt so nicht. Denn die Ukraine ist längst im Krieg mit Russland.

Dass Kremlchef Wladimir Putin mittlerweile 120'000 Soldaten an der ukrainischen Grenze aufgeboten hat, ist freilich eine neue Dimension der Aggression gegenüber dem Nachbarland. Begonnen hat die Invasion der Ukraine aber bereits 2014 mit der Besetzung der Schwarzmeer-Halbinsel Krim und Teilen der Regionen Donezk und Luhansk.

Was bei uns im Westen gerne mal vergessen wird, ist bei vielen Menschen in der Ukraine omnipräsent: Nämlich, dass auf ukrainischem Territorium längst die russische Flagge weht. Und dass die russischen Angriffe einen hohen Blutzoll forderten: 13'000 Menschen verloren in den umkämpften Gebieten bislang ihr Leben.

Mariia Babenko vor der ukrainischen Flagge.

Mariia Babenko vor der ukrainischen Flagge.

chm

Die Gewalt im Osten des Landes hat einiges gemacht mit den Ukrainerinnen und Ukrainern. Zusammengefasst könnte man sagen: Sie sind kämpferischer geworden. «Damals waren wir unvorbereitet», sagt Mariia Babenko. «Wenn Russland jetzt angreift, werden wir Ukrainer uns verteidigen.» Die 29-Jährige stammt aus dem Städtchen Fastiw, rund 45'000 Einwohner, 70 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Kiew gelegen. Fast jeden Monat reist sie für ein paar Tage in die Heimat, den Rest der Zeit lebt und arbeitet sie in München.

Anfang Januar, sagt sie, sei es noch recht ruhig gewesen in der Ukraine. Auch wenn Putins Truppen da bereits an der Grenze aufmarschiert sind. Eine gewisse Routine im Umgang mit dem aggressiven Nachbarn im Osten hat sich bei vielen schon eingestellt.

Mykhailo Netiazhuk, Bürgermeister von Fastiw.

Mykhailo Netiazhuk, Bürgermeister von Fastiw.

chm

Was auf dem Spiel steht, ist den allermeisten jedoch bewusst. «Leider wissen die Ukrainer seit 2014 sehr gut, was Krieg ist», sagt Mykhailo Netiazhuk. Der 43-Jährige ist Bürgermeister von Fastiw und weist darauf hin, dass viele seiner Landsleute den Dauerbeschuss russischer Artillerie aus eigener, bitterer Erfahrung kennen. «Viele verloren ihre Liebsten und waren gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Niemand will, dass sich die Frontlinie in den Westen verlagert», sagt er.

Den Frieden in Europa bewahren

Angst vor einem russischen Einmarsch verspürt Netiazhuk indes keine. «Im Gegenteil», sagt er, «es mobilisiert uns und macht uns entschlossen, dem Feind entgegenzutreten.» In allen Regionen der Ukraine gebe es jetzt die sogenannte «territoriale Verteidigung».

Am 1. Januar ist in der Ukraine ein Gesetz über die «Organisation des nationalen Widerstands» in Kraft getreten. Laut diesem ist es Bürgerinnen und Bürgern erlaubt, sich im Kriegsfall mit eigenen Waffen zu verteidigen. «Die Zahl der Bürger, die bereit sind, zu den Waffen zu greifen, liegt bei weit mehr als 100'000», sagt Bürgermeister Netiazhuk. Auch Mariia Babenko würde sich anschliessen, insistiert sie: «Ich bin Sportschützin, ich würde auch gehen.» Im Falle eines russischen Angriffs könnte sie nicht ausser Landes bleiben, sagt die junge Frau.

Dass die Bevölkerung bereit ist, zu den Waffen zu greifen, hat auch mit dem Zustand der Armee zu tun. Zwar ist diese heute besser ausgerüstet als 2014. Dem hochgerüsteten russischen Militär wären die Ukrainer dennoch hoffnungslos unterlegen. An Willen fehlt es nicht, wohl aber an Material. Kein Wunder, reagieren führende ukrainische Politiker gereizt, wenn das verbündete Deutschland gerade einmal bereit ist, 5000 Militärhelme zu spendieren. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko meinte: «Was will Deutschland als Nächstes zur Unterstützung schicken? Kopfkissen?»

So nötig sie sind: Mit der Ausstattung der Ukraine mit Defensivwaffen wäre es nicht getan, sagt Mykhailo Netiazhuk: «Der Westen muss anerkennen, dass der Dritte Weltkrieg bereits begonnen hat. Russland respektiere nur ein Gesetz – das Gesetz der Gewalt.» Das Problem heisst Putin: Seine Aggression sei auch auf die Angst zurückzuführen, eine erfolgreiche Ukraine könne die Russen auf einen «demokratischen, europäischen Entwicklungsweg» führen, wie Netiazhuk sagt. Und das wäre der Anfang vom Ende des autoritären Herrschers im Kreml.

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