Hamburg
Krawalle von langer Hand geplant: Doch wer steckt wirklich hinter den gewalttätigen Ausschreitungen?

Laut dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière ist schon Wochen vor dem G20-Gipfel Material für die Ausschreitungen nach Norddeutschland eingeschleust worden. Auch die Polizei in Hamburg spricht von wohlorganisierten Angriffen gegen die Einsatzkräfte. Wer dahinter steckt, bleibt ein Rätsel.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Die Mitglieder des Schwarzen Blocks anerkennen keine Autoritäten, sind aber gut organisiert – wie rund um den G20-Gipfel in Hamburg.Michael Probst/Keystone

Die Mitglieder des Schwarzen Blocks anerkennen keine Autoritäten, sind aber gut organisiert – wie rund um den G20-Gipfel in Hamburg.Michael Probst/Keystone

KEYSTONE

Laut dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière (CDU) waren die Gewalttäter «in dreistelliger Grössenordnung» und «wohlorganisiert» aus allen Teilen Europas – auch aus der Schweiz – nach Hamburg angereist.

Die Polizei nahm während des Gipfels 186 Verdächtige aus 13 Nationen fest, zudem wurden 228 Menschen vorübergehend in Gewahrsam genommen. Die militante Szene habe sich bis zu zwei Jahre lang auf die Proteste in Hamburg vorbereitet, sagte de Maizière. Schon Wochen vor dem G20-Gipfel sei Material für die Ausschreitungen nach Norddeutschland eingeschleust worden.

Auch die Polizei in Hamburg spricht von wohlorganisierten Angriffen gegen die Einsatzkräfte. Es habe in Hamburg Depots von Pflastersteinen, anderen Wurfgegenständen und Molotow-Cocktails gegeben. Polizeibeamte seien gezielt durch Provokationen von kleineren Gruppen in Hinterhalte gelockt worden, damit sich andernorts Extremisten für orchestrierte Angriffe hätten sammeln können.

Was ist der Schwarze Block?

Die Gewalt ging vor allem vom sogenannten Schwarzen Block aus. Dessen Mitglieder tragen meist einheitlich schwarze Kleidung, oft Kapuzenpullover, und verstecken ihre Augen hinter Sonnenbrillen. Das schafft laut dem Linksextremismusforscher Armin Pfahl-Traughber ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, soll die Krawallmacher aber davor schützen, von der Polizei und politischen Gegnern erkannt zu werden. Allerdings ist der Schwarze Block laut Pfahl-Traughber nicht homogen.

Deutschland bittet Schweiz um Mithilfe bei Aufklärung

Zürcher in Hamburg in Haft

Nach den schweren Krawallen in Hamburg hat die deutsche Regierung ihre Partnerländer in Europa aufgefordert, die Fahndung nach den Tätern zu forcieren. Der
Appell richtet sich auch an die Schweiz. Insgesamt nahm die Polizei in Hamburg fünf Schweizer Staatsbürger fest.

Haftbefehl wurde jedoch lediglich gegen einen Schweizer beantragt, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hamburg sagte. Bei dieser Person handle es sich um einen 29-jährigen Mann aus Zürich. Dem Beschuldigten werde vorgeworfen, zwei Glasflaschen auf Polizeibeamte geworfen zu haben. Zudem soll er einem Passanten, der sein Vorgehen kritisierte, einen Faustschlag versetzt haben.

Beim Bundesamt für Justiz (BJ) waren bis gestern Morgen zwar keine offiziellen Rechtshilfeersuchen aus Deutschland eingegangen, wie eine Sprecherin sagte. Allerdings sei zwischen der Schweiz und Deutschland der direkte Behördenweg möglich, hielt sie fest. Die Behörden könnten also untereinander kooperieren, ohne dass ein Rechtshilfegesuch nötig wird. (sda)

Vor allem die Bewegung der Autonomen lege eine hohe Gewaltbereitschaft an den Tag. Das staatliche Gewaltmonopol werde von dieser Subkultur nicht anerkannt. Autonome sähen «sich selbst dazu ermächtigt, Gewalt auszuüben». «Dabei geht man davon aus, dass der Staat oder die kapitalistische Gesellschaft strukturelle Gewalt ausübt und dass es ein legitimer Widerstand sei», so Pfahl-Traughber gegenüber dem «Deutschlandfunk».

Der Experte bezeichnet die Autonomen als weitgehend frei von politischer Ideologie. Der Kampf werde nicht als Engagement für die Gesellschaft oder eine bestimmte soziale Klasse verstanden. Im Zentrum stehe vielmehr das egoistische und auch hedonistische Streben nach einem selbstbestimmten Leben, nach eigenen Freiräumen. Alles Staatliche, Organisierte und Strukturierte, verbunden mit Hierarchien, werde von den Autonomen abgelehnt.

Die Alten haben Kult-Status

Die Bewegung hat ihren Ursprung in den 1960er-Jahren in Italien. In Deutschland hat die Szene nur wenige tausend Mitglieder. Ihre Anhänger sind in der Regel zwischen 16 und 28 Jahre alt. Viele Autonome verfügen über gute Schulabschlüsse, sind an Unis immatrikuliert oder leben von Gelegenheitsjobs oder der Sozialhilfe. Da Hierarchien abgelehnt würden, sei keine eigentliche Organisationsstruktur erkennbar, so Pfahl-Traughber. Allerdings gelten die wenigen Autonomen im Alter von 40 bis 50 Jahren als eigentliche Anführer. Diese «Alt-Autonomen» hätten Kult-Status und seien oftmals Wortführer.

Die Autonomen organisierten sich vor allem über das Internet. Als besonders gewaltbereit gelten Autonome in Griechenland, Italien und Spanien. Die Gewaltbereitschaft sei Teil der gemeinsamen Identität. Weil die Szene nicht einheitlich und geschlossen auftritt und keine feste Organisationsstruktur hat, ist es für die Sicherheitsbehörden schwer, mehr über die Autonomen herauszufinden.