Kommentar
Afghanistan kann zum Ende von Joe Bidens Präsidentschaft werden

Kabul und die politischen Folgen für den amerikanischen Präsidenten: Die Krise hat das Potenzial, Bidens Präsidentschaft zu zerstören. Es könnte aber auch ganz anders für ihn ausgehen.

Fabian Hock
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Sichtlich aufgewühlt wandte sich US-Präsident Joe Biden nach dem Terroranschlag von Kabul an die Bevölkerung. 13 amerikanische Soldaten verloren bei der Attacke ihr Leben.

Sichtlich aufgewühlt wandte sich US-Präsident Joe Biden nach dem Terroranschlag von Kabul an die Bevölkerung. 13 amerikanische Soldaten verloren bei der Attacke ihr Leben.

Evan Vucci / AP

Er wollte in Afghanistan einen Krieg beenden. Nun hat Joe Biden vielleicht zwei neue begonnen. «Wir werden euch jagen», rief der Präsident den Terroristen zu, die am Flughafen Kabuls am Donnerstag 13 US-Soldaten in den Tod rissen.

Die Jagd allerdings wird kompliziert. In Afghanistan hat Biden niemanden mehr, der diesen neuen Krieg gegen den Terror führen könnte. Die eigenen Leute sind auf seinen Befehl hin abgezogen. Biden wird nichts anderes übrig bleiben, als gemeinsame Sache mit den Taliban zu machen. Auch Luftschläge gegen Terroristenhöhlen müssen vorbereitet werden. Wie will Biden seinem von den Taliban gedemütigten Land erklären, dass er nun auf deren Hilfe setzt?

Dass die neuen Machthaber von Afghanistan das Land nicht unangefochten beherrschen werden, hat die Kriegserklärung der Terrormiliz IS – und nichts anderes war der Anschlag vom Donnerstag – klar gezeigt. Der erstarkte IS und die Taliban sind bis aufs Blut verfeindet. In Afghanistan droht ein Bürgerkrieg. Auch dieser wäre für immer mit Joe Bidens Abzug verbunden.

Afghanistan könnte zum neuen Terroristen-Hotspot werden

Und Biden droht noch weiteres Ungemach: Afghanistan könnte erneut zur Terror-Brutstätte werden. Ein Anschlag auf US-Bürger, geplant in Kabul – Bidens Gegner würden den Präsidenten persönlich verantwortlich machen. Ob dies alles tatsächlich so kommt, weiss heute niemand. Sicher ist nur: Afghanistan ist die grösste Krise, die Joe Biden in seiner noch jungen Präsidentschaft bewältigen muss.

Im schlimmsten Fall wird sie, wie ein Kommentator der «Financial Times» meint, zu Bidens «Jimmy Carter Moment». Carter versagte 1979 bei der Geiselnahme in der US-Botschaft in Irans Hauptstadt Teheran. Ein Jahr später verlor er gegen Ronald Reagan.

Schafft es Biden jedoch, seine Landsleute davon zu überzeugen, dass sein Entscheid unter dem Strich der richtige war, könnte die Sache für ihn aber auch ganz anders ausgehen. Denn dass die Amerikaner aus Afghanistan abziehen, kritisieren nicht mal Bidens schärfste Widersacher. Gelingt es Biden, die negativen Folgen von seinen Landsleuten fernzuhalten, kann er in die Geschichte eingehen als der Präsident, der Amerikas längsten Krieg beendet hat. Nicht ruhmreich. Mit Verlusten. Aber beendet.

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